Ausstellung

Elf Bildhauerinnen an der Front

Im Kunstmuseum werden die wenigen in der Sammlung vertretenen Bildhauerinnen unter dem Titel «Räume besetzen» ins Rampenlicht gerückt. Nicht allen bekommt das gut. Aber weibliche Verstärkung ist angekündigt.

Meret Oppenheim, Idol, 1961, © 2017 Pro Litteris, Zürich.

Meret Oppenheim, Idol, 1961, © 2017 Pro Litteris, Zürich.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Räume besetzen» – der Titel der selektiven Sammlungsausstellungen im Kunstmuseum tönt nach Befehlsausgabe im Frontabschnitt «Kunst». Männlich und militärisch ist der Ton. Das Aufgebot zur Parade haben indes nur elf Bildhauerinnen erhalten. Mehr lassen sich aus dem Bestand des Kunstvereins gar nicht mobilisieren. Wurden also in der Vergangenheit Künstlerinnen, insbesondere dreidimensional schaffende, vernachlässigt? Direktor Konrad Bitterli meint Ja und will die weibliche Flanke auch im Jahresprogramm verstärken.

Ebenfalls einbezogen in diese Kampagne ist das «Reinhart am Stadtgarten». Mit dem Schlagwort «Women» werden die Flaggen auf dem Vorplatz an der Stadthausstrasse ab nächster Woche um Kundschaft werben. Selbst Kunsthalle-Leiter Oliver Kielmayer kann sich dem Hype um Künstlerinnen nicht entziehen. Seinem internationalen Jahresprogramm gibt er die Überschrift «Women of Winterthur» – wobei allerdings nur bei einer von fünf Künstlerinnen ein Winterthur-Bezug zu erkennen ist.

Fallen

Zahlenmässig gewichtig vertreten sind einzig die Deutschamerikanerin Ruth Vollmer (1903–1982) und die Deutsche Isa Genzken (1948). Und weil die Auswahl aufgrund des weiblichen Geschlechtsmerkmals erfolgte, wirkt die Präsentation als eine zufällige Begegnung von isolierten bildhauerischen Einzelpositionen. Besonders das Relief der Amerikanerin Eva Hesse (1936–1970) wirkt extrem verloren. Und mit den beiden Arbeiten von Clara Friedrich-Jezler (1894–1969) tritt man in die alte Falle des Vergleichs mit ihrem Mentor Hans Arp.

Und so geht es dann weiter mit ewig gleichen Geschichten und Klischees: Die Schweizerin Meret Oppenheim (1913–1980) als Darling der Pariser Surrealisten, die mit der «Pelztasse» Furore machte, ist hier mit dem «Idol» vertreten. Da könnte ein Dialog mit dem räumlich getrennten «Meister Gerhard» von Isa Genzken einsetzen, beispielsweise über die Ambivalenz von Fixierung und Emanzipation gegenüber dem Mann. Freilich müsste man dabei die Karrengeleise kanonisierter Kunstbetrachtung verlassen.

Steife Männlichkeit

Im grossen Saal imponieren Genzkens rohe Architekturen auf den hohen Metallgerüsten, im Effekt aber miniaturisieren sie Rita McBrides (1960) eh schon zierliches Parkhausmodel noch dramatischer. Die Revanche gelingt der Amerikanerin mit ihren drei Holzelementen «Resonance I-III» im Gegenzug. Sie tänzeln so beschwingt der Wand entlang, dass «Meister Gerhard» (Genzken war einst mit Gerhard Richter verheiratet), der elegant gekurvte Totempfahl, in seiner steifen Männlichkeit unvermittelt als lächerlicher phallozentrischer Popanz im Raume steht.

Weit entfernt von solchen emanzipatorischen Versuchen ist die Gruppe von Bronzen der 1936 nach New York emigrierten Ruth Vollmer. Ihr komplexer Umgang mit den angeschnittenen Kugelvolumen ist Ausdruck einer eigenwilligen sinnlichen Geometrie.

Buchers «Häutungen»

Die Italienierin Marisa Merz (1926) lernte sich dagegen im Macho-Milieu der Arte povera zu behaupten. Dieter Schwarz ehrte sie mit zwei Einzelausstellungen vor vielen Jahren, letzthin wurde sie in New York und Los Angeles gefeiert. Als Glücksfall erweist sich die Präsentation des rätselhaften Köpfchens aus ungebranntem Ton und der filigran gestrickten Objekte aus Kupferdraht im intimen Kabinett.

Dank einer städtischen Leih­gabe wird die einzige auch international bekannte Winterthurer Künstlerin Heidi Bucher (1923–1993) wenigstens mit drei Werken gewürdigt. Bekannt wurde sie in den 1970er-Jahren durch ihre «Häutungen». Diese Aktionen in alten Villen hatten stets einen intimen Charakter. Der damalige Konservator Rudolf Koella zeigte sich trotz Protesten mutig, stellte sie aus und erwarb zwei Werke für das Museum. Bucher war aber auch die Gefangene ihrer eigenen Selbstdarstellung. Sie kokettierte selbstverliebt mit der Rolle des Vamps, was wiederum die hie­sigen Künstlergattinnen verschreckte. Diese fürchteten um ihre Ehemänner und hätten die «femme fatale» am liebsten auf dem Scheiterhaufen gesehen. So jedenfalls wird es kolportiert.

Weitgehend unbekannt ist die Geschichte, wonach die bedeutende französische Bildhauerin Germaine Richier während des Krieges in Winterthur Kunst unterrichtete. Eine Gruppe von Freunden erwarb in dieser Zeit einen zierlichen männlichen Akt, der in keiner Weise andeutet, dass die Künstlerin vor einemfolgenreichen Umbruch stand. Gleich daneben ist die Winterthurerin Margrit Gsell-Heer (1887–1967), eine Schülerin von Richier, mit einer konventionellen männlichen Büste vertreten.

Instrumentalisierung

Dass diese brave Plastik einer lokalen Elevin den Einstieg zur von Simona Ciuccio sorgfältig kuratierten Ausstellung bildet, ist wohl der Chronologie und nicht einer versteckten Polemik geschuldet. Auch verbietet die selektive Sicht auf die Sammlung ein allzu schnelles Verdikt über die Ankaufsstrategien vergangener Generationen. Es fehlen Informationen, welche die Lücken bei den Bildhauerinnen aus der Zeit heraus erklären könnten. Weitere Zweifel stellen sich ein. Ist es angemessen, rein aufgrund des Geschlechtsmerkmals herausgegriffene Werke und damit ein zufälliges Fragment der Sammlung als Evidenz und Begründung für die angedachte Neuausrichtung zu instrumentalisieren? Und ist ein Förderprogramm für Werke von Künstlerinnen nicht eher eine Angelegenheit der Genderpolitik und nicht der Kunst selbst, deren Qualität unabhängig vom Geschlecht ermittelt werden sollte? Unter dem öffentlichen Druck zur politischen Korrektheit gerät dieser Grundsatz allmählich ins Wanken.

Und dennoch hat «Räume besetzen» insofern positive Seiten, als die Ausstellung zu einer spannenden Diskussion über Qualitäten feministischer und politischer Kunst – die hier nicht vertreten ist – anregen könnte.

International ist diese Debatte schon einige Zeit im Gange. Auch auf dem regionalen Parkett gibt es Werke und Namen, die dies­bezüglich mehr Aufmerksamkeit verdienten. Barbara Graf und Theres Liechti beschäftigen sich beispielsweise in ihrem herausfordernden künstlerischen Schaffen seit längerem mit dem weiblichen Körper und den weiblichen Rollen. Da besteht tatsächlich ein sammlerischer und diskursiver Nachholbedarf.

Kunstmuseum Winterthur beim Stadthaus. Bis 12. August. (Der Landbote)

Erstellt: 16.02.2018, 16:48 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben