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Er spielte Free Jazz; sie riefen «Hau ab!»

Pöbelei im Theater Winterthur: Zuschauer des neuen Stücks «Malaga» beleidigten am Mittwochabend einen Saxofonisten.

Haben ungewollt die Laune von Theaterbesuchern vermiest. Der Regisseur Tilo Nest (links) und der Saxofonist Omri Ziegele.
Haben ungewollt die Laune von Theaterbesuchern vermiest. Der Regisseur Tilo Nest (links) und der Saxofonist Omri Ziegele.
Judith Schloss

Zugegeben, die Töne, die Omri Ziegele in Tilo Nests Inszenierung von «Malaga» aus seinem Saxofon herausholt, sind keine Hängemattenmusik. Die Free-Jazz-Improvisationen kriechen dem Zuschauer hinters Ohr, die Wirbelsäule herunter und wieder hoch, und tief in die Gehörgänge.«Hinter die Hirnrinde kommen», das ist laut Produktionsdramaturg Uwe Heinrichs auch die Absicht der Inszenierung. ­Saxofonist Ziegele spielt immer zwischen den Szenen. Seine Musik füllt etwa die erzählerische Lücke eines Wochenendes, das eine 7-Jährige mit dem 19-jährigen Nachbarsjungen verbringt und an dessen Ende sie im Spital landet. Bis zum Schluss ist unklar, was genau passiert ist. Der aufwühlende, quälende Saxofon-Sound weckt bei den Zuschauern Ahnungen und lässt sie das schlechte Gewissen der Eltern nachempfinden – das mindestens ist die Absicht.

Vier Minuten Jazz? Zu viel.

Das Theater Kanton Zürich gastierte mit «Malaga» am Mittwoch wie zuvor schon mit der Premiere («Landbote» von gestern) im Theater Winterthur und stellte dort mit der gewagten musi­kalischen Inszenierung unter anderem das Abopublikum auf die Probe. Ziegele legte mit ­seinem Zwischenspiel los, das Publikum wurde unruhig. Als die wilden Töne und Sprünge nach zwei Minuten nicht aufhörten, lehnten sich die ersten zum ­Sitznachbarn und flüsterten: «Das reicht.» Vier Minuten dauerte Ziegeles Improvisation, war schrill, aufreibend, schliesslich konnten sich ein paar Zuschauer nicht mehr zurückhalten. Zwischenrufe hallten durch den Saal: «Hau ab!».

«Respect the Poets!»

Der Musiker liess sich nicht irritieren. Und Heinrichs sagte gestern: «Wir nehmen das zur Kenntnis, ändern deswegen aber nichts an der Inszenierung.»

Pöbeleien sind im Theater Winterthur die Ausnahme. Weit häufiger sind sie auf Comedybühnen, wie eine kleine Umfrage bestätigt. Schauspielerin und Slam-Poetin Lara Stoll zum Beispiel erzählt, bei ihr sei schon «abstellen» gerufen worden. Und auch als «Schlampe» wurde sie schon beschimpft. Während Komiker und Slam-Poeten aber auf Zwischenrufer reagieren können, ist für Schauspieler Ignorieren die einzige Option; sie können nicht mit der Inszenierung brechen.

An Comedyspielstätten wird mit dem Spruch «Respect the Poets!» um Offenheit und Toleranz geworben. Das Credo wäre im Theater Winterthur genauso angebracht.

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