Marthalen

Er zog nach Marthalen wegen der Liebe – zu Reben

Hobbywinzer und Radio- und TV-Mann Martin Eggenschwyler schwärmt von Marthalen – und vom selbst angelegten Weinberg.

Kultur bedeutet auch Anbau und Pflege von Pflanzen: Martin Eggenschwyler in seinem kleinen Weinberg in Marthalen.

Kultur bedeutet auch Anbau und Pflege von Pflanzen: Martin Eggenschwyler in seinem kleinen Weinberg in Marthalen. Bild: Madeleine Schoder

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Schon bei der Terminvereinbarung am Telefon kommt der Gedanke: «Der Mann hat eine Radiostimme.» Sonor und vertrauenserweckend. Beim Einlesen vor dem Gespräch dann die Bestätigung: Martin Eggenschwyler arbeitete beim Radio. Heute ist er Redaktionsleiter der Sendung Kulturplatz beim Schweizer Fernsehen und wohnt mit seiner Ehefrau in Marthalen. Der bald 63-Jährige hat einen erwachsenen Sohn aus erster Ehe, der für eine Bank in London arbeitet. Eggenschwyler wuchs in der Stadt Zürich auf und wohnte später im Kanton Aargau.

Die Geschichte, wie es ihn nach Marthalen verschlug, ist aussergewöhnlich. Über 20 Jahre wohnte er zur Miete in einem Gärtnerhaus eines Schlosses im Aargau. Zu diesem Haus gehörte ein kleiner Weinberg. Doch dann wurde der Besitzer des Anwesens zahlungsunfähig, das Gärtnerhaus verkauft. Eggenschwyler war in all den Jahren zum Freizeitwinzer geworden. Weinfässer, Filter oder Abbeermaschine: Was tun damit? Statt die Gerätschaft zu verkaufen und sein Hobby aufzugeben, suchte er eine Bleibe mit Südlage für einen neuen Rebberg.

«Das war der Jackpot.»

Es war seine Partnerin, die eine solche Parzelle via Internet fand – in Marthalen. Sie kauften das Grundstück, bauten ein Haus und legten direkt darunter einen kleinen Weinberg an. Das war 2001. Über Marthalen sagt er: «Es ist ein gutes Dorf.» Mache man den ersten Schritt, werde man angenommen. «Das sind gute Leute, die einen guten Job machen.»

Zuerst zwei Semester Germanistik und Publizistik an der Uni Zürich, dann die Schauspielakademie: «Das Studium hat mir überhaupt nicht zugesagt.» Und für die Schauspielerei habe ihm das bedingungslose Wollen-Müssen gefehlt. Die Ausbildung zum Theaterpädagogen machte er gerne. Dann passierte es: Er und weitere Schauspielschüler sprachen Hörspiele fürs Radio. Danach erhielt er unverhofft einen Brief. Man hatte seine Stimme gehört. Ob er Moderator werden wolle, wurde er gefragt. «Das war der Jackpot.»

Anfangs arbeitete er im Sprechdienst von DRS 1 und 2. Dazu zählten etwa in der Morgendsendung die Ansage klassischer Musikstücke – «von Wolfgang Amadeus Mozart, Köchelverzeichnis 414» – oder das Vorlesen von Vermisstmeldungen – «ist von mittlerer Statur». Später kam die Hitparade am Sonntagabend hinzu. Eggenschwyler war damals noch in Ausbildung, Walter Andreas Müller (WAM) sein Tutor.

«Ich bin Roger ewig dankbar dafür.»

An einem Abend warteten die beiden auf ihren Einsatz nach den Hauptnachrichten. Dann kam das Wetter – und danach doch noch eine Meldung: Tito in Jugoslawien gestorben. Und gleich nach der Todesnachricht hätte Eggenschwyler die «Bestseller auf dem Plattenteller» zum Besten geben sollen. «Schweig eine Minute!», riet WAM ihm hastig. Also kündigte Eggenschwyler übers Radio eine Schweigeminute an, in Gedenken an den verstorbenen Tito. Die Reaktion kam prompt, Kommunismusverdacht inklusive: «Seid ihr wahnsinnig? Da hatten wir alle gegen uns.»

Als Roger Schawinski sein Radio 24 gründete, musste DRS nachziehen. «Ich bin Roger ewig dankbar dafür.» Denn vorher hielt DRS einen Radiosender extra für Junge für unnötig, erzählt Eggenschwyler, der 1983 zum Gründungsteam von DRS 3 gehörte. «Es war ein weisses Blatt Papier.»

«Wenn Leute Kultur hören, stellen viele ab.»

Später moderierte er diverse Radiosendungen. Von 1989 bis 1999 arbeitete Eggenschwyler für den TV-Sender 3sat in Mainz und Zürich. Auch dort moderierte er, produzierte die ersten TV-Beiträge und baute das tägliche Kulturmagazin für die Sendung Kulturzeit mit auf. Dann wechselte er als Produzent und Redaktor zur Sendung «10 vor 10». 2008 wurde er zum Senior Producer.

Was ist Kultur? In der Sendung Kulturplatz ist der Begriff weit gefasst. «Wo jemand nachzudenken beginnt, da entsteht Kultur», heisst es im Sendungsporträt. Über etwas nachdenken – das könne auch Sport sein, sagt Eggenschwyler. Das weite Kulturfeld setze aber voraus, dass man wisse, was man darauf machen wolle. «Sonst wird es beliebig.»

Und natürlich gebe es deswegen in der Redaktion auch Diskussionen. Eggenschwyler will die Kultur vom hohen Ross holen, versuchen, die Schwelle für deren Konsum herabzusetzen. «Wenn Leute Kultur hören, stellen viele ab.» Alleine das Wort schrecke etliche ab. «Viele denken: Jetzt muss ich mich schön anziehen und stundenlang zuhören, jetzt wird’s anstrengend!» Eggenschwyler muss ­selber lachen.

«Ich mache nur noch das, was ich gerne mache.»

Harald Schmidt sagt die meisten Anfragen ab für Interviews, Auftritte, Moderationen und dergleichen. Anders im Jahr 2015. Im Kulturplatz-Team stand eine Mutterschaft an. Eggenschwyler schrieb Schmidts langjähriger Assistentin eine SMS: Ob Harald Schmidt die Mutterschaftsvertretung für zwei Sendungen übernehmen wolle. Sie werde ihn fragen. Zwei Tage später kam die Zusage, Schmidt gefalle die Idee. Das Honorar? Schmidt wollte nur das Übliche, also wurde er wie die anderen Moderatoren bezahlt. Und wie ist er, der Schmidt? «Total zugänglich, sehr zuvorkommend, höflich und sehr ­intelligent.»

Nächsten Frühling zieht die Redaktion des Kulturplatzes um nach Basel. Der weite Weg von Marthalen gab für Eggen­schwyler den Ausschlag, den Schlusspunkt zu setzen. Doch jetzt freut er sich erst einmal auf seinen letzten Kulturplatz vom 19. Dezember – mit Hazel Brugger und Helge Schneider. Danach gibt er die Redaktionsleitung ab und wird als freier Mitarbeiter fürs Fernsehen weiterarbeiten, sicher für die Sternstunde Philosophie, wahrscheinlich auch für andere Sendungen. «Ich mache nur noch das, was ich gerne mache.» Also keine Administration mehr, keine Personalsachen mehr entscheiden. Der Hobbywinzer pickt sich künftig nur noch die köstlichsten Wein­beeren aus dem Kuchen.

(Der Landbote)

Erstellt: 02.12.2018, 16:26 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.