Andelfingen

Erstes Kapitel einer Olympiatrilogie

Der Start der Stabhochspringerin Angelica Moser an den Spielen in Rio ist vor allem auch eine Familiensache.

Die Olympiateilnehmerin Angelica Moser (v.r.) mit Schwester Jasmine, Mutter Monika und Vater Severin Moser. Den 22. Rang von ihrem Vater, erreicht an den Spielen 1988 in Seoul, will die 18-jährige unbedingt schlagen.

Die Olympiateilnehmerin Angelica Moser (v.r.) mit Schwester Jasmine, Mutter Monika und Vater Severin Moser. Den 22. Rang von ihrem Vater, erreicht an den Spielen 1988 in Seoul, will die 18-jährige unbedingt schlagen. Bild: ngu

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«Das muss ich schlagen», meint die Tochter. «Das schaffst du nicht», entgegnet der Vater. Und schon läuft eine Wette am Familientisch zu Hause in Andelfingen. Zu schlagen ist: Ein 22. Platz an Olympischen Spielen. Aufgestellt anno 1988 in Seoul von Severin Moser, dem Zehnkämpfer. Die Herausforderin: Angelica Moser, Stabhochspringerin, noch keine 19 Jahre alt und bereits für Olympia qualifiziert.Rio 2016 wird eine weitere wichtige Station in ihrer Laufbahn. Gewiss jene, die ihr die grösste öffentliche Beachtung einbringt. Der Ausweis ihrer jungen Karriere hat indes bereits jetzt bemerkenswerte Dimensionen angenommen: 2013 Gewinnerin des Europäischen Olympia-Festivals der Jugend, 2014 Jugend-Olympiasiegerin, 2015 U20-Europameisterin, 2016 belegte sie Platz 7 an der Elite-EM und krönte sich zur U20-Weltmeisterin.

Für Rio hat sie den Final der besten zwölf Springerinnen «im Hinterkopf», sagt Angelica Moser. «Den Final würde ich nicht als Ziel formulieren, sondern als Traum.» Im Olympiafeld habe es 16 Springerinnen, die 4,70 m oder mehr überquert hätten. Ihre Marke liegt bei 4,55 m. Unmöglich ist jedoch nichts: Zur Elite-EM startete sie als Nummer 24, am Schluss wurde sie Siebte.

Die Schwester als Ansporn

Der Sport prägt und verbindet die Familie. Mitunter stehen vor dem Haus im Zentrum Andelfingens zwei Autos, deren Dächer mit Stäben beladen sind. Besitzer der Wagen sind Vater und Mutter, gebraucht werden sie immer häufiger von den Töchtern Jasmine und Angelica. Und der Vater muss sich hin und wieder für die Autofahrt nach Wallisellen ins Büro mit der, wie er sagt, «Zündholzschachtel», der älteren Tochter begnügen.

Spitzensport erfordert auch von Eltern Opfer, die Zündholzschachtel gehört zu den kleinsten. «So lange es für uns stimmt, machen wir es gerne», meint Monika Moser dazu. Sie, eine ehemalige Hürdenläuferin, schulte die Töchter in der Leichtathletik. Weiterhin trainiert sie Angelica Moser «in allem, was nicht mit dem Springen zu tun hat.» Das Disziplinentraininig übernimmt Herbert Czingon in Zürich. Die Mutter ist an allen Wettkämpfen dabei. Manchmal werden diese zu Familienausflügen wie die U20-EM in Eskilstuna, als die Mosers Ferien in Schwedens Seenlandschaft anhängten.

«Wenn ich einen ihrer Wettkämpfe am TV oder im Internet verfolge, bekomme ich die Krise.»

Jasmine Moser, 
Schwester

Severin Moser brachte den Töchtern, beides Leichtathletinnen und Kunstturnerinnen, die ersten Schritte im Stabhochsprung bei. «Es hat mir sofort gefallen», erzählt die 21-jährige Jasmine Moser. Und die jüngere Schwester fand ihr Vorbild. «Ich habe es ihr nachgemacht», sagt Angelica zum Einstieg in die Sportart. Später spornte es sie an, die Schweizer Rekorde, die Jasmine aufstellte, zu verbessern. «Und wer hat sie jetzt?», lächelt Angelica.

Der grösste Fan

Dass das kleine Schwesterchen längst aus ihrem Schatten getreten ist, stört Jasmine Moser nicht. «Ich bin wahrscheinlich ihr grösster Fan», sagt sie. «Wenn ich einen ihrer Wettkämpfe am TV oder im Internet verfolge, bekomme ich die Krise.»

Auf die Elite-EM in Amsterdam hin nähte sie – am Schluss mit Unterstützung der Grossmutter - Angelica eine neue Stabhülle, mit Schweizer Kreuz und Namen. «In der Szene ist die Hülle inzwischen bekannt. Alle finden sie speziell», freut sich Jasmine Moser. Für sie selbst, die in Fribourg ihr erstes Jahr des Medizinstudiums beendet hat, stellt 2016 ein geplantes Zwischenjahr dar. Ihr Ziel 2017 ist die U23-EM.

«Kam, sah, siegte»

Angelica Moser ihrerseits, die im Juli ihr Sportgymnasium als Jahrgangsbeste abschloss und für nächstes Jahr die Sportler-RS in Betracht zieht, steht mitten einer herausragenden Saison: Elite-EM, U20-WM und jetzt Olympia. Sie zählt zu jenen Schweizer Talenten, die in Rio an grössere Ziele heran geführt werden sollen. So sieht es auch die 18-Jährige selbst. Denn sie hat sich eine Olympiatrilogie zurechtgelegt: «Ich kam, sah, siegte», beschreibt sie. Das erste Kapitel ist Rio, das zweite Tokio 2020 und das dritte Olympia 2024. Dann dürfte sie, erst 26-jährig , in der Blüte ihrer Karriere als Stabhochspringerin stehen.

«Den Final würde ich nicht als Ziel  formulieren, sondern als Traum.»

Angelica Moser

Mit den 4,50 m im Februar an Hallenmeeting in Dornbirn überquerte Angelica Moser die Olympialimite und verschaffte ihrer Familie eine frühe Reiseplanung für den Sommer. Am 2. August, rund eine Woche vor Angelica, fliegen Monika, Severin und Jasmine nach Brasilien, zunächst gehts in den Regenwald, dann an die Spiele. Bis zum 16. August, dem Qualifikationswettkampf für den Final, vergrössert sich die Fangemeinde: Jürg Stahl, Monika Mosers Bruder, Nationalrats-Vizepräsident und Kandidat fürs Präsidium von Swiss Olympic, kommt ebenso wie der Winterthurer Ivo Furrer, der CEO von Swiss Life Schweiz. Stahl ist der Götti von Jasmine, Furrer jener von Angelica.

Sie alle werden vor Ort im Olympiastadion bei Maracana miterleben, wie sich Angelica Moser am ersten Kapitel ihrer Olympiatrilogie schlägt – und wie die Wette ausgeht. Die Prämie übrigens? Eine delikate Tafel Schokolade für die Tochter, eine gute Flasche Wein für den Vater.

(Der Landbote)

Erstellt: 27.07.2016, 18:45 Uhr

Severin Mosers Erfahrungen mit den Grossen Spielen

«Olympionike ist man das Leben lang»

Einen Olympioniken in der Familie zu haben, ist schon exklusiv genug. Die Mosers aus Andelfingen haben nächstens zwei. Severin Moser erinnert sich an ein «einmaliges Erlebnis», als er 1988 in Seoul den Zehnkampf bestritt. «Zum ersten und einzigen Mal konnte ich vor 80 000 Zuschauern antreten, das Stadion war schon am Nachmittag voll.»
Olympische Spiele seien «vom Event her eindrücklich. Der Ort, die Zuschauer und die Medien.» Kein anderer Wettkampf übt auf die Sportler auch nur annähernd die gleiche Ausstrahlungskraft aus. Erste Eindrücke erhielt Angelica Moser an den Olympischen Spielen der Jugend 2014 in Nanjing, wo sie Schweizer Fahnenträgerin an der Eröffnungsfeier war und sich in den Arenen einige andere Sportarten ansehen konnte.
Sie solle «das olympische Leben geniessen, aber den Fokus auf den Wettkampf nicht verlieren», gibt der Vater der Tochter für Rio auf den Weg. Zu den Ablenkungen, die er sich 1988 gönnte, gehörte ein Tennismatch mit Zehnkampf-Kollege Christian Gugler sowie den Spezialisten Heinz Günthardt und Jakob Hlasek.
Ein paar Kleider von damals hat Severin Moser behalten. «Es gab eine Art offiziellen Olympia-Anzug», erklärt er. «Hut, Hosen mit Bügelfalte und Halbschuhe.» Abholen konnte man alles in einem Kleidergeschäft. Die Kollektion 2016 wurde relativ unromantisch in einem Verteilzentrum ans Schweizer Olympiateam abgegeben und ist sportlich funktional. «Meine Kleider», bemerkt Angelica Moser noch, «sind schöner.» In Rio will sie darin zur Geltung kommen. Vielleicht sorgt sie familienintern für eine Premiere und lässt sich ein Tattoo stechen: die Olympischen Ringe. «Wo, weiss ich noch nicht. Und wenn, dann an einem Ort, der nicht schmerzt…»
Ein Start an Olympischen Spielen ist einzigartiger Leistungsausweis, einer, der nachhaltig ausstrahlt und viel Respekt verlangt. «Ein besonderes Etikett, das auch hilfreich sein kann», bemerkt Severin Moser. Er sei im beruflichen Umfeld und an Anlässen oft als Olympiateilnehmer vorgestellt worden.
«Das ist wie ein Titel einer Ausbildung, es verliert seinen Wert nie, erklärt er. «Olympionike ist man das Leben lang.»

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