Winterthur

«Es gibt Firmen, wo die Mitarbeiter die Löhne unter sich ausmachen»

Er will die Winterthurer Wirtschaft gerechter und nachhaltiger machen: Thomas Schanz von der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung ist überzeugt, auch zur Erreichung der Klimaziele beitragen zu können.

Thomas Schanz (45) koordiniert die Regionalgruppe Winterthur der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung.

Thomas Schanz (45) koordiniert die Regionalgruppe Winterthur der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung. Bild: Madeleine Schoder

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Der Begriff Gemeinwohl-Ökonomie klingt positiv, man kann sich darunter aber nicht viel vorstellen. Kurz gesagt: Worum geht es Ihnen?
Thomas Schanz: Im Kapitalismus wird jeder Erfolg am Geld gemessen, der Mensch und die Umwelt werden dabei jedoch vergessen. In der Gemeinwohl-Ökonomie ist Geld hingegen nicht mehr das Ziel, sondern ein Mittel zum Zweck. Im Zentrum unserer Aktivitäten steht die Gemeinwohl-Bilanz mit 20 Kriterien, anhand derer Unternehmen messen und darstellen können, wie sozial und ökologisch sie wirtschaften.

Ein Kriterium, das Sie unter die Lupe nehmen, ist die Wahrung der Menschwürde in der Zuliefererkette. Wie lässt sich das überprüfen?
Die Unternehmen halten in ihren Berichten fest, dass sie ihre Lieferanten etwa danach auswählen, dass sie faire Löhne zahlen. Tatsächlich wird es aber umso schwieriger, je weiter man in der Lieferkette zurückgeht. Der dritte Sublieferant sitzt häufig in Asien und, anders als beispielsweise bei den Smartphones, gibt es bei Computern keine fairen Alternativen. Grundsätzlich kann ein Unternehmen aber entscheiden, dass es nur mit Lieferanten zusammenarbeitet, die beispielsweise einen Nachhaltigkeitsbericht veröffentlichen.

Auch diese Labels sind nicht unumstritten.
Die Nichtregierungsorganisationen, welche die Einhaltung überprüfen, leisten gute Arbeit. Aber ja, auch die Labels haben noch Luft nach oben.

Was haben die Unternehmen davon?
Die Zertifizierung macht das Engagement einer Firma sichtbar und wirkt sich positiv auf ihr Image aus. Die Malerei Wülser zum Beispiel (siehe Kasten) hatte die letzten Jahre überdurchschnittlich viele Bewerbungen von Lernenden. Transparenz, Wertschätzung und Gleichstellung fördern die Zufriedenheit und Produktivität der Mitarbeitenden.

«Die Stadt sollte nachhaltige
Unternehmen bevorzugen.»
Thomas Schanz, Koordinator der Gemeinwohl-
Ökonomie-Bewegung in Winterthur

Voraussichtlich werden sich doch aber nur Unternehmen, denen Nachhaltigkeit ohnehin ein Anliegen ist, Gemeinwohl-bilanzieren lassen.
Klar, ein Waffenhersteller würde die Matrix vermutlich gar nicht erst ausfüllen, weil er weiss, dass er Minuspunkte bekommen würde. Aber auch Firmen, die die Nachhaltigkeit in ihrer DNA haben, sind nicht perfekt und können sich gegenseitig inspirieren. Etwa dazu, Dienstreisen durch Telefonkonferenzen zu ersetzen, den Mitarbeitern die Hälfte ans Halbtax zu zahlen oder bei einem Bikesharing-Programm mitzumachen.

Und wie wollen Sie die anderen erreichen?
Im Moment suchen wir Leuchtturmunternehmen: grosse Firmen mit dem Potenzial, ihre Lieferanten dazu zu bringen, ebenfalls eine Gemeinwohl-Bilanz zu erstellen. Das ist gar nicht so einfach. Bei kleinen Firmen gibt es einen Chef. Wenn der überzeugt ist, wird es gemacht. Bei Grossfirmen muss ein ganzes Managementboard überzeugt werden.

Gibt es schon solche Leuchtturmunternehmen?
Da wäre der Outdoor-Ausrüster Vaude: Wenn man so gross ist wie die, schafft man es auch, den Branchenstandard nach oben zu heben. In Winterthur gibt es mit der Ego Elektriker Genossenschaft eine Pionierfirma, bei der die Mitarbeiter sogar die Arbeitszeit und die Löhne unter sich ausmachen.

Der Grosse Gemeinderat von Winterthur hat den Klimanotstand ausgerufen. Wie stehen Sie dazu?
Ich war an jenem Montag da, um die Ratssitzung zu besuchen, kam aber zuerst nicht in den Saal, weil er so überfüllt war. Was mir aufgefallen ist: Bei einigen Punkten gibt es Ziele, aber keine Massnahmen. Für die Erfüllung der Forderung, den CO2-Ausstoss bis 2050 auf netto null zu senken, wäre die Gemeinwohl-Bilanz das perfekte Werkzeug.

Haben Sie nach dem Entscheid im Rat Pläne gefasst?
Wir wollen der Stadt konkrete Massnahmen vorschlagen. Zum einen werden wir mit den Leuten vom Verein Winterthur Nachhaltig reden, um eine gemeinsame Strategie zu entwickeln. Zum anderen haben wir mit Florian Heer von den Grünen auch einen Gemeinderat in unseren Reihen. Ein möglicher Fahrplan könnte so aussehen, dass bis 2025 alle städtischen Betriebe Gemeinwohl-bilanziert sind. Ab 2030 werden bilanzierte Unternehmen bei Aufträgen der Stadt bevorzugt, und ab 2050 müssten alle Winterthurer Organisationen eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt haben, wobei bei Nichterfüllung Marktnachteile drohen.

Der Staat scheint im Ihrem Modell eine starke Rolle zu spielen.
Das Ziel ist es, irgendwann alle Unternehmen zu nachhaltigem Handeln zu animieren. Dies geschieht etwa, wenn Gemeinwohl-bilanzierte Unternehmen bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen bevorzugt und ihnen Steuererleichterungen gewährt werden. Die nicht nachhaltigen Firmen werden durch höhere Steuern oder Zölle benachteiligt, haben also allen Grund, ihr Verhalten zu ändern. An diesen Punkt kommt man nur, wenn man irgendwo anfängt – und wir fangen in den Unternehmen an.

Erstellt: 21.07.2019, 17:41 Uhr

Gemeinwohl-Ökonomie Winterthur

Seit 2013 ist die Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie, die 2011 in Wien gegründet wurde, auch in Winterthur aktiv. Letztes Jahr wurden die ersten sechs Winterthurer Unternehmen sogenannt Gemeinwohl-bilanziert. Das sind: Arba Bioplan, Arbatherm, Ego Elektro, Holz am Bau, Malerei Wülser sowie Sotronik. Dass bei der ersten Runde vor allem Firmen aus dem Bauhandwerk dabei waren, war in erster Linie der guten Vernetzung und Initiative von Jürg Wülser zu verdanken. Sein Unternehmen hat im Jahr 2013 die erste Gemeinwohl-Bilanz in der Schweiz erstellt. Aktuell lassen sich acht weitere Unternehmen aus Winterthur und Umgebung bilanzieren. Um zertifiziert zu werden, wird ein Unternehmen anhand von 20 Kriterien beurteilt. Eine Bilanzierung kostet die Unternehmen je nach Grösse und Prozess (Peergroup oder Einzelberatung) einmalig zwischen zwei- bis zehntausend Franken. Geprüft wird, wie gut die Unternehmen bei den Themen «Menschenwürde», «Solidarität und Gerechtigkeit», «Ökologische Nachhaltigkeit» sowie «Transparenz und Mitentscheidung» im Umgang mit Lieferanten, Eigentümerinnen und Finanzpartnern, Mitarbeitenden, Kundinnen und Mitunternehmen sowie dem gesellschaftlichen Umfeld abschneiden. (dba)

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