Winterthur

«Es ist schön, nicht die böse Abwartin zu sein»

Hauswarte arbeiten heute eng mit Schulleitung und Lehrern zusammen, sagt Brigitte Gubler, Präsidentin des Hauswartevereins Winterthur. Ein Gespräch über veränderte Rollenbilder, die Arbeit als Ehepaar und 100 Jahre Vereinsgeschichte.

«In meiner Kindheit waren Hauswarte noch streng und agierten isoliert», sagt Brigitte Gubler, die Präsidentin des Hauswartevereins Winterthur.

«In meiner Kindheit waren Hauswarte noch streng und agierten isoliert», sagt Brigitte Gubler, die Präsidentin des Hauswartevereins Winterthur. Bild: Marc Dahinden

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Frau Gubler, warum wird man eigentlich Hauswartin?

Brigitte Gubler: Weil es eine sehr vielseitige Tätigkeit ist, mit vielen Themen von der Reinigung über das Sanitäre bis hin zur Personalführung.

Und man hat einen kurzen Arbeitsweg, nicht wahr?

Ja. Aber nicht alle. Es gibt Hauswarte, die auswärts wohnen. Auch, weil die Stadt eine gewisse Zeit lang keine Hauswartwohnungen auf dem Schulgelände mehr gebaut hat. Ich persönlich schätze die Nähe. Sie kann aber auch eine Belastung sein.

Sind Hauswarte rund um die Uhr auf Pikett?

Wir beginnen am Morgen um 7 Uhr und haben dann bis 18 Uhr Arbeits- und Präsenzzeit, inklusive einer Mittagspause. In dieser Zeit müssen wir immer erreichbar sein. Danach schalte ich das Handy aber auch einmal ab.

Nach 18 Uhr klingelt keiner mehr an der Tür?

Doch, das gibt es natürlich, und ebenso das Umgekehrte, dass Handwerker am Morgen um 6.30 Uhr vor der Tür stehen. Jeder Tag ist anders. Manchmal haben wir ab 16 Uhr keine Notfälle mehr. Manchmal klingelt um 17.50 Uhr noch das Telefon, weil sich eine Tür nicht mehr schliessen lässt, oder dann steht am Abend der Turnverein auf der Matte, weil er den Schlüssel nicht aus dem digitalen Safe herausbringt.

Sie arbeiten zusammen mit Ihrem Mann, ist das immer noch der Normalfall?

Ja, viele der Stellen bei der Stadt sind Doppelstellen. Mein Mann ist der Anlagenverantwortliche, ich habe die Nebenstelle, die zusätzliche Aufgaben abdeckt.

Aber es gibt schon auch Frauen mit Anlagenverantwortung?

Ja, wir haben im Hauswartverein zurzeit zwei Frauen in dieser Funktion. Der grösste Teil sind aber immer noch Männer.

Ist es schwierig, mit dem Ehemann jeden Tag so eng zusammenzuarbeiten?

Wir sind ein super Team. Aber das mussten wir uns erarbeiten. Man muss seine Zuständigkeiten regeln. Mein Mann hat Kompetenzen an mich abgetreten. Natürlich haben wir auch Diskussionen – mal heftigere, mal weniger heftige. Man muss sicher aufpassen, das berufliche und das private Leben nicht zu vermischen und sich nicht gegenseitig aufzuschaukeln, wenn einen etwas stört. Damit man nicht in eine Spirale hineinkommt.

Hat sich das Frauenbild in der Branche verändert?

Auf jeden Fall. Die Grundlage dafür wurde in den Siebzigerjahren gelegt. Bis dahin wurden nur die Männer angestellt, die Frauen halfen mit, bekamen aber keinen eigenen Lohn. Dass die Frauen ein Einkommen haben, hat man sich hart erkämpfen müssen. Ich weiss das noch von meiner Mutter, die auch schon Hauswartin war.

Trotzdem ist Hauswart noch immer mehr ein Männerberuf.

Wenn man sich die Ausbildung zum eidgenössischen Hauswart anschaut, die man braucht, um eine Anlagenverantwortung über­nehmen zu können, dann ja, da ist die Frauenquote tief. Ich habe die Ausbildung gemacht und war in meiner Klasse die einzige Frau. Es ist aber nicht so, dass den Frauen jemand im Weg stünde.

Der Hauswarteverein, den Sie präsidieren, hiess einst Abwart-Verein. Warum darf man eigentlich nicht mehr Abwart sagen?

Wie bei vielen Berufsbezeichnungen hat das mit der Professionalisierung zu tun. Als die eidgenössische Prüfung zum Hauswart eingeführt wurde, hat sich der Verein umbenannt. Natürlich sind wir damit auch den Witz losgeworden vom Abwart, der nicht das Haus wartet, sondern abwartet.

Die Ausbildungsoptionen ­reichen heute bis zum Fachhochschulstudium im Facility Management, haben Ihre Mitglieder diese Ausbildung?

Nein, das wäre für den Betrieb einer Schulanlage übertrieben. Aber es gibt einige, die nach dem Hauswart auch noch das eidgenössische Diplom als Hausmeister gemacht haben. Mit jeder Stufe entfernt man sich mehr von der Praxis und hat mehr mit der Administration zu tun.

Ihr Verein legt den Fokus heute auf Geselligkeit und Weiterbildung. Früher nahm er auch gewerkschaftliche Aufgaben wahr, warum der Wandel?

Vor einem Jahrhundert herrschten in der Arbeiterschaft Hunger, Not und Unterdrückung. Die Vereinsgründung war eine Antwort darauf. Später gab es eine grosse Nähe zum VPOD, der die gewerkschaftliche Vertretung schliesslich übernommen hat.

Was ist für die Hauswarte der aktuelle politische Brennpunkt?

Die Pensionskasse der Stadt ist natürlich ein riesiges Thema. Dafür setzt sich aber nicht unser Verein direkt ein, sondern eben der VPOD. Wir haben auch Chefhauswarte, die unsere Anliegen in die Stadtverwaltung tragen.

Der Verein ist letztes Jahr 100 Jahre alt geworden, wie entwickeln sich die Mitgliederzahlen?

Die sind stabil bis steigend. Die meisten, die bei der Stadt Hauswart werden, treten bei uns ein. Und je mehr städtische Schulhäuser es gibt, desto mehr Hauswarte braucht es.

Als Hauswartin sind Sie im Schulhaus eine zentrale Figur. Hat sich das Verhältnis zu den Kindern verändert?

Verglichen mit meiner Kindheit schon. Damals waren Hauswarte noch streng und agierten isoliert. Heute arbeiten wir mit der Schulleitung und den Lehrern im Team und helfen uns gegenseitig. Wir sind Teil des pädagogischen Umfelds, wie man sagt.

Was heisst das konkret?

Wir gehen zum Beispiel auf Schulausflüge mit, bringen Brötchen oder Punsch vorbei. Vor ein paar Tagen haben wir mit den Kindern den Christbaum aufgestellt.

Stehen die Kinder auch bei Ihnen vor der Tür?

Ja.

Weswegen?

(lacht) Turnsack verloren, Schulsack auf dem Dach, Schulsack auf dem Baum. Oder sie fragen, ob sie über Mittag auf dem Hartplatz trainieren dürfen, weil ein Handballturnier bevorsteht.

Und das ist auch ein Grund,um diesen Beruf zu ergreifen?

Für mich schon. Es ist schön, wenn einem die Kinder in der Migros «Hallo Frau Gubler» zurufen. Es ist schön, wenn man nicht die böse Abwartin ist. (Der Landbote)

Erstellt: 07.01.2019, 11:58 Uhr

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