Brand in Paris

«Es wäre etwas anderes, wenn der Petersdom gebrannt hätte»

Warum für den Winterthurer Pfarrer Hugo Gehring von der Peter und Paul Kirche die Notre-Dame keine besondere Bedeutung hat.

«Die Notre-Dame ist ohne Frage eine der schönsten Kathedralen in Mitteleuropa, aber das wäre sie auch, wenn sie nicht katholisch wäre», meint Pfarrer Hugo Gehring.

«Die Notre-Dame ist ohne Frage eine der schönsten Kathedralen in Mitteleuropa, aber das wäre sie auch, wenn sie nicht katholisch wäre», meint Pfarrer Hugo Gehring. Bild: Heinz Diener

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gestern ist mit dem Brand in der Notre-Dame in Paris eine der grössten katholischen Bauten beschädigt worden. Welche Bedeutung hat die Kathedrale für die katholische Gemeinde? Hugo Gehring: Die Notre-Dame hat nicht per se eine besondere Bedeutung für uns Katholiken. Früher gingen wir mit unseren Firmlingen alle zwei Jahre nach Paris, aber nicht wegen den religiösen Sehenswürdigkeiten, sondern weil Jugendliche in diesem Alter die Stadt interessiert.

Die Kirche ist kulturell gesehen wichtiger.
Sie ist das Herz von Paris. Es gibt tausende Kathedralen, ein Katholik hat nicht zu allen davon eine Beziehung. Die Notre-Dame ist ohne Frage eine der grossartigsten und schönsten Kathedralen in Mitteleuropa, aber das wäre sie auch, wenn sie nicht katholisch wäre.

Die Notre-Dame beherbergte auch viele Kunstschätze, darunter die Dornenkrone, die Jesus auf dem Weg zu seiner Kreuzigung getragen haben soll. Geht Ihnen das nicht unter die Haut, dass diese Krone hätte zerstört werden können?
Diese Dornenkrone gehört zum Reliquienkult des Hochmittelalters, sie ist ein Erwerbsstück eines französischen Königs. Ein Verehrungsobjekt, aber mit Jesus hat sie nichts zu tun. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies die Dornenkrone ist, die Jesus getragen hat, ist gleich null. Sie hat keinen historischen Wert.

Sie sind erstaunlich gefasst. War das auch so, als Sie vom Brand erfahren haben?
Ich habe es gestern in den Abendnachrichten gesehen. Natürlich tut es weh, es ist wie ein Trauerfall. Die Kirche kann man wieder aufbauen, aber es hat schon etwas Einmaliges, das Menschliche strahlt ja auch in die Objekte aus. Gleichzeitig habe ich sofort relativiert: Das ist ein Gebäude aus Holz und Stein und auf der ganzen Welt sterben Menschen an Hunger und das macht auch keine Schlagzeilen.

Und wenn der Petersdom gebrannt hätte?
Wenn der Petersdom gebrannt hätte, wäre es wohl anders. Dann hätte es das Herz der katholischen Kirche getroffen.

Werden Sie in der Kirchgemeinde Spenden sammeln oder einen speziellen Gottesdienst veranstalten?
Nein, wir sammeln lieber für arme Leute.

Mit dem Brand in der Notre-Dame stehen nun die Kirchen und deren Brandschutzmassnahmen im Fokus. Welche haben Sie getroffen für die Peter und Paul-Kirche?
Wir sind feuertechnisch geschützt nach den gesetzlichen Vorschriften. Wir haben Rauchmelder und Wasserleitungen, die bis in den Turm hoch gehen. So könnte man im Falle eines Feuers auch von oben her löschen.

Stellen Sie auch wertvolle religiöse Artefakte in der Kirche aus, die speziell geschützt werden?
Unsere Kirche wurde 1868 erbaut, sie ist also nicht richtig alt. Wir haben aber zwei wirklich wertvolle Dinge: Einen Kelch und ein Kreuz aus dem Kloster Rheinau, die sind beide gotisch und wurden ums 12. Jahrhundert hergestellt. Sie sind mit Emaille-Miniaturen verziert. Das Kreuz liegt einmal im Jahr an der Karfreitagsliturgie in der Kirche auf, danach geht es zurück zum Kelch in einen feuerfesten Tresor.

Erstellt: 16.04.2019, 17:01 Uhr

Artikel zum Thema

«Man kann die Stadtkirche nicht mit der Notre Dame vergleichen»

Stadtkirche Nach dem Brand in der Notre Dame Kirche in Paris stellt sich die Frage: Kann so etwas auch in Winterthur passieren? Der Winterthurer Feuerwehrkommandant Jürg Bühlmann will es nicht ausschliessen, aber man sei vorbereitet. Mehr...

«Das sind weltbekannte Fenster, es ist erschütternd»

Winterthur Ob die berühmten Rosenfenster den Brand in der Notre-Dame überlebt haben, ist noch unklar. Glasmalerin Aline Dold mit Atelier in Seuzach ist im Austausch mit Pariser Kollegen. Mehr...

«Auch wir Katholiken feiern die Reformation»

Bettag Die beiden Pfarrer Hugo Gehring und Markus Vogt klären im Interview, was die Katholiken noch von den den Reformierten lernen können, gerade auch bei der Frauenfrage und bei der Frage des Zölibats. Mehr...

Zur Person

Hugo Gehring, geboren 1952 in Zürich, ist seit dem Jahr 2000 Pfarrer in der katholischen Pfarrei St. Peter und Paul in Winterthur.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.

Kommentare

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!