Winterthur

«Es werden wieder mehr Geschichten erzählt»

Seit Anfang Jahr ist Nadine Wietlisbach ­Direktorin des Fotomuseums Winterthur, das in diesem Jahr 25 Jahre alt wird. Was sind derzeit die wichtigsten Trends in der Fotografie und wo will Wietlisbach Schwerpunkte setzen?

Die Direktorin des Fotomuseums, Nadine Wietlisbach, vor einem Bild von Balthasar Burkhard (1944 bis 2010). Die Retrospektive wird bis 21. Mai im Fotomuseum gezeigt.

Die Direktorin des Fotomuseums, Nadine Wietlisbach, vor einem Bild von Balthasar Burkhard (1944 bis 2010). Die Retrospektive wird bis 21. Mai im Fotomuseum gezeigt. Bild: Marc Dahinden

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Frau Wietlisbach, fotografieren Sie selber?
Nadine Wietlisbach: Ja, mit dem Smartphone, wie ein Grossteil der Menschen heutzutage, und ohne künstlerischen Anspruch. Wenn ich zum Beispiel eine Nachricht sende, dann oft mit einem Foto.

Machen Sie auch Selfies?
Habe ich auch schon gemacht. Aber meine Instagram- und Facebook-Accounts sind nicht überschwemmt damit.

Seit Anfang Jahr sind Sie Direktorin des Fotomuseums. Mit welchen Ideen haben Sie den Stiftungsrat überzeugt?
Aus meiner Perspektive kann ich das natürlich nicht genau sagen. Ich fand, die Digitalität der Fotografie sollte in der Programmation des Fotomuseums einen festen Platz erhalten. Die Fotografie auf Papier braucht darunter nicht zu leiden, ich möchte die Vergangenheit des Mediums mit der Zukunft verbinden, in Form einer konstanten Gegenüberstellung. Das war der eine Punkt. Zum andern möchte ich die Vermittlung ausbauen. Es gilt, die Bild- und Medienkompetenz zu stärken: Welche Funktion hat die Fotografie in der heutigen Gesellschaft? Welchen emotionalen Stellenwert hat sie? Fragt man einen ­17-Jährigen, welches seine drei Lieblingsbilder sind, dann geht es zwanzig Sekunden, und er kann sie Ihnen zeigen. Es geht also einerseits um die technologischen Veränderungen, andererseits um die Veränderung unseres Verhältnisses dazu. Der dritte Punkt: Das Museum profitiert vom sehr guten Ruf, den es international hat. Nun wollen wir auch seine Position hier in Winterthur wieder stärken.

Sie finden, die Winterthurer ­sollen wieder mehr ins ­Fotomuseum gehen?
Genau. Die Winterthurerinnen und Winterthurer und auch die Bewohner der Region sollen sagen können: Das ist unser Museum.

Gibt es Zahlen zur Herkunft des Publikums?
Es wurden schon länger keine Erhebungen mehr gemacht. Wir haben nur die Informationen unseres Teams hier an der Kasse. Ich glaube schon, dass die Bevölkerung in das Museum geht. Aber sehr viele kommen von ausserhalb.

Sie wollen die Vermittlung ­stärken. An welche Formen ­denken Sie dabei?
Wir haben zusätzliche Stellenprozente geschaffen. Und ich habe jemanden mitgenommen aus meinem alten Team im Photoforum im Pasquart in Biel, das auf digitale Kunstvermittlung spezialisiert ist. Zwei Personen teilen sich nun eine Vollzeitstelle für die Vermittlung. Wir wollen verschiedene Zielgruppen ansprechen, vor allem auch junge Erwachsene. Bei der digitalen Vermittlung geht es um Fragen wie: Was passiert mit meinen Bildern, wenn sie auf einem Social-Media-Kanal herumgeistern? Wann gehört es mir überhaupt? Weshalb zirkulieren sie? Das ist eine der grössten Veränderungen, die das Medium durchgemacht hat: Es ist ein Zirkulationsmedium geworden. Es gibt in der Schweiz keine andere Institution, die sich mit solchen Fragen beschäftigt, wir wollen damit zu einem Kompetenzzentrum werden. Die Sammlung ist bereits digitalisiert, die Datenbank wird von der Wissenschaft genutzt. Wir wünschen uns, dass das reguläre Publikum den Zugang zu unserer digitalen Infrastruktur ebenfalls findet. Damit könnte man etwa Print-on-Demand-Projekte selber machen. Es wird aber auch weiterhin um analoge und Schwarzweissfotografie gehen, auch in Zusammenarbeit mit der Fotostiftung.

Sie haben es gesagt, es wird heute viel mehr fotografiert als früher, und die Bilder werden massenhaft verbreitet. Was sind die Kernfragen, die sich für das Fotomuseum in diesem ­Zusammenhang stellen?
Als Museum haben wir zum einen die Aufgabe, in der Fülle Konzentrationsmomente zu schaffen, die sich in einer bewussten, physisch sichtbaren Auswahl manifestieren. Zum anderen geht es darum, die Diskussion überhaupt zu führen: Wir müssen die gesellschaftliche Rolle der Fotografie als Medium reflektieren und hinterfragen, auch zusammen mit dem Publikum.

Das Fotomuseum hat sich bisher auf die Fotografie als Kunstform konzentriert.
Es gab durchaus schon Ausstellungen, die sich mit angewandter Fotografie beschäftigten. Heute ist es wichtig, darüber nachzudenken, in welchem Kontext ein Bild entsteht, wann, wo und unter welchen Umständen. Vor zwanzig Jahren fand man diese Fragen weniger drängend, die Fotografie galt als Medium, das die Wahrheit abbildet. Die Autorin und der Autor sind heute nicht mehr im selben Mass wichtig, wir gehen mit Datenmengen um, die gar nicht mehr zuordenbar sind. In diesem Bereich ist die Fotografie noch einmal facettenreicher geworden.

Sprechen wir über die Besucherzahlen: In den letzten drei Jahren kamen jeweils rund 33 000 Besucher. In den besten Jahren, 2008 und 2011, waren es 54 000. Ist das für Sie ein Thema und was wollen Sie unternehmen?
Klar, das ist ein Thema. Wir werden den Ausstellungsrhythmus wieder erhöhen, von derzeit drei pro Jahr auf vier. Das erhöht den Anreiz, das Haus mehrmals zu besuchen. Und wir werden nach wie vor Ausstellungen machen, die hoffentlich ein breites Publikum ansprechen.

Sie haben zuletzt das Photo­forum im Pasquart in Biel geleitet. Das Fotomuseum ist eine wesentlich grössere Institution. Wo liegen derzeit die Prioritäten Ihrer täglichen Arbeit?
Im Moment bei der Weiterentwicklung der Teamstruktur. Ich führe Gespräche mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, vom Kuratorenteam bis zum Reinigungspersonal. Ein grosser Bereich, der einen auch nachts wach hält, weil er so viel Spass macht, ist zudem die Programmation der nächsten beiden Jahre.

Was sind, abgesehen von Selfies und massenhafter Verbreitung der Bilder über die sozialen Medien, derzeit die wichtigsten Trends in der Fotografie?
Es werden wieder mehr Geschichten erzählt. Das Erzählen war nie ganz verschwunden, es erlebt aber zurzeit einen Aufschwung, was ich sehr erfreulich finde. Die Leute reisen an einen Ort und beschäftigen sich eingehend mit einem Thema, daraus entsteht dann eine fotografische Erzählung. Zudem wird die Diskussion darüber, wie man erzählen soll, wieder stärker geführt. Da geht es um ethische Fragen, die sich stellen, wenn ein Fotograf zum Beispiel nach Syrien reist. Ferner gibt es Themen, die stark vertreten sind, das Erkunden fremder Gebiete wie des ­Darknets etwa, dieses illegalen Marktplatzes, auf dem Dinge wie Waffen und Drogen gekauft werden.

Betrachten Sie auch Zeitungen mit einem fotografischen Auge?
Ja, klar.

Ist Ihnen da kürzlich etwas ­aufgefallen?
Die Art und Weise, wie das Porträt von Donald Trump beschnitten wird. Es sieht sehr oft auswie ein Mugshot, also eine Polizeiaufnahme, frontal und eng,sodass fast nur das Gesicht drauf ist. Obama sah man oft imGespräch mit Leuten, gestikulierend, Trump ist isoliert.

Wie kamen Sie zur Fotografie?
Fotografie im Kunstkontext hat mich immer interessiert. Ausserdem war mein Grossvater Autorennfahrer, er fuhr Bergrennen für Volkswagen. Davon gab es Fotoalben, und damit begann für mich als Teenager meine Beschäftigung mit der Fotografie. Es interessierte mich, weil es eine ganz eigene Sprache ist: Es ist Sportfotografie und es ist ein Männersport. Diese Fotografie folgte einem Rezept: Die Frauen überreichten die Blumen und den Pokal. Am meisten lernte ich, als ich in Luzern einen Kunstraum führte. Da war ich Reinigungsfrau, Technikerin und Kuratorin in einem. Dass es in Richtung Fotografie gehen würde, zeichnete sich im Nidwaldner Museum in Stans ab, wo ich für die Sammlung zuständig war. Dort hatte es alles, Kunst und Geschichte, Gemälde aus dem 15. Jahrhundert, eine Münzsammlung und Fotografien von Arnold Odermatt, dem Polizeifotografen. Ich konnte dort Ausstellungen kuratieren über zweieinhalbtausend Quadrat­meter. Dabei merkte ich, dass ich immer wieder auf die Fotografie zurückkam.

Welche grösseren Ausstellungen kommen auf uns zu?
Zum einen eine Ausstellung mit Jürgen Teller, der Anfang der 1990er-Jahre die Modefotografie komplett auf den Kopf gestellt hat. Die Models bekamen Ecken und Kanten, Teller machte auch Kampagnen mit älteren Persönlichkeiten. Er wurde in der Schweiz noch nie ausgestellt. Das zweite grosse Projekt dieses Jahres ist die Jubiläumsausstellung zum 25. Geburtstag des Fotomuseums im Herbst. Diese Ausstellung wird sich kontinuierlich verändern.

Erstellt: 17.03.2018, 10:03 Uhr

Zur Person

Nadine Wietlisbach, Jahrgang 1982, machte eine Lehre als Bodenlegerin, holte die Matura nach und studierte angewandte Kunst. Dabei merkte sie, dass sie gerne über Dinge schreibt, die sie gesehen hat. Sie studierte in Wien Kulturwissenschaften und machte in Zürich einen Master in Publizistik. Wietlisbach leitete unter anderem einen Kunstraum in Luzern und war im Nidwaldner Museum in Stans für die Sammlung zuständig. Zuletzt leitete sie das Photoforum im Pasquart in Biel. Wietlisbach wohnt mit ihrer Familie in ­Winterthur. dwo

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