Heilpädagogik

Etwas mehr Hilfe für den Schulstart

Acht Kinder mit Trisomie 21 trainieren derzeit während einer Förderwoche ihre sprachlichen und motorischen Fähigkeiten – und lernen dabei zaubern.

Knöpfe machen, singen und tanzen: Kinder mit Trisomie 21 werden während einer Woche an der Hochschule für Heilpädagogik gezielt gefördert.

Knöpfe machen, singen und tanzen: Kinder mit Trisomie 21 werden während einer Woche an der Hochschule für Heilpädagogik gezielt gefördert. Bild: Doris Fanconi

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Lisa* legt den Kopf auf den Arm und schaut konzentriert durch ihre Brille auf das Papier, auf dem sie einen Zauberer lila anmalt. Die Sechsjährige hat Trisomie 21, auch Downsyndrom genannt. Die schräge Kopfposition hilft ihr, das Bild besser zu sehen.

Derzeit statten sich angehende Kindergarten- und Schulkinder wieder mit einem neuen Schulthek aus, suchen ein Etui aus und entscheiden, welche Farbstifte sie mitnehmen. Kinder mit Trisomie 21 kämpfen auch damit, einen Stift richtig zu halten oder eine Schere zu bedienen. Sätze mit mehreren Wörtern und die Aussprache fallen einigen noch schwer.

Damit auch sie gerüstet sind für den Schul- oder Kindergartenstart, führt die Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik (HfH) die Bewegungs- und Sprachförderwoche für Kinder mit Trisomie 21 (Bus21) durch. In der letzten Sommerferienwoche besuchen acht vier- bis achtjährige Kinder während fünf Stunden täglich den Kurs.

Sich in die Gruppe integrieren

Neben Lisa sitzt Elin* und mag nicht ausmalen. Vielmehr sagt sie zur Studentin, die sie betreut: «Selber» und gibt ihr den grünen Stift in die Hand. Diese schlägt vor, zusammen zu malen. Zuerst hält die Studentin den Stift und Elin führt ihre Hand. Nach kurzer Zeit nimmt sie den Stift selber in die Hand, lässt aber diejenige der Studentin noch nicht los.

Jedes Kind wird während der Förderwoche von einer Studentin begleitet. Die Studentinnen – die meisten sind noch am Anfang ihres Logopädie- oder Psychomotoriktherapie-Studium – haben den Kurs während des letzten Semesters als Wahlmodul vorbereitet. Nachdem die Kinder um 14 Uhr von ihren Eltern abgeholt werden, werten die Studentinnen den Tag aus und setzen Ziele, die sie Ende Woche erreichen möchten.

«Das sind meist grundlegende Dinge», sagt Projektleiterin und Psychomotoriktherapeutin Susanne Störch Mehring. Etwa, dass sich ein zurückhaltendes Kind in die Gruppe integriert oder sich ein anderes an Abmachungen hält.

Gewisse Fortschritte stellen die Projektleiterinnen schon am zweiten Kurstag fest. Paul* fragt am Dienstag explizit nach dem «Zauberschloss», ein Wort, dass er vor dem Kurs noch nicht kannte. Zaubern ist das Wochenthema, dass die Studentinnen gewählt haben. Neben Zaubersprüchen und Liedern lernen die Kinder auch zaubern – am Dienstag verwandeln sie ein weisses T-Shirt in ein farbiges.

«Gewisse Probleme können sich im Kindergarten oder der Schule anbahnen. Da können wir positive Inputs geben.»Christina Arn, Projektleiterin und Logopädiedozentin

Vor dem Batikfärben muss der Stoff aber mit Hanfschnüren abgebunden werden. Knöpfe sind eine Herausforderung für die kleinen Hände, deren Bewegungen oft verlangsamt und wenig präzise sind. Geduldig helfen die Studentinnen den Kindern bis auch Elin, die zuerst lieber zugeschaut, selber einen Knopf gemacht hat.

Die Förderwoche sei kein Therapieangebot, sagt Projektleiterin und Logopädiedozentin Christina Arn, dafür sei die Zeit zu kurz. Vielmehr gehe es um Prävention: «Gewisse Probleme können sich im Kindergarten oder der Schule anbahnen. Da können wir positive Inputs geben», sagt Arn.

Die Eltern schätzten vor allem den Austausch mit den Spezialistinnen, wenn sie die Kinder bringen und wieder abholen. Für die Studentinnen sei die Woche sehr anstrengend, sagt Susanne Störch: «Aber sie lernen im direkten Austausch mit uns Dozentinnen und bei der praktischen Arbeit mit den Kindern auch viel.»

Ausweitung wäre denkbar

Dieses Jahr führt die HfH Bus21 bereits zum fünften Mal durch. Den Impuls gab damals die Elternorganisation Insieme 21, die anfragte, ob ein Förderkurs explizit für Kinder mit Trisomie 21 möglich wäre. «Denkbar wäre auch eine spätere Ausweitung auch andere Behinderungen», sagt Christina Arn. Anmelden können die Eltern ihre Kinder über die Hochschule. Die Woche kostet sie 350 Franken, was die Materialkosten und die Verpflegung abdeckt.

Nach dem Znüni bleibt Elin noch einen Moment auf dem Sofa sitzen. Sie braucht eine Pause. Lisa legt wieder den Kopf schräg und setzt konzentriert ihren Namen unter ihre Zeichnung. Paul düst völlig aufgedreht durch den Raum. Gut, steht nun ein Fangis im Bewegungsraum der Hochschule an.

*Namen geändert. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 16.08.2018, 17:01 Uhr

Schülerzahlen

Integrierte Sonderschüler

Sämtliche Kinder mit Trisomie 21, die den Förderkurs an der Hochschule für Heilpädagogik besuchen, gehen in den regulären Kindergarten oder die Primarschule. Sie gehören zur den Schülerinnen und Schülern, die gezielte fachliche Unterstützung brauchen. Sie weisen einen «besonderen Bildungsbedarf» auf, wie es das kantonale Volksschulamt nennt, und sind integrierte Sonderschüler. Ihre Anzahl steigt im Kanton Zürich in den letzten Jahre leicht stärker als die Gesamtzahlen der Kindergarten- und Primarschülerinnen und -schüler. Von 113 508 Kindergarten- und Primarschülern waren im Jahr 2017 2283 integrierte Sonderschüler, das entspricht 2 Prozent. 2013 lag der Anteil der integrierten Sonderschüler im Kindergaren bei 1 Prozent, 2017 bei 1,4 Prozent. In der Primarschule waren 2013 1,9 Prozent Sonderschüler, 2017 2,2 Prozent. kme

Trisomie 21

Angeborenes Syndrom

Trisomie 21 ist ein genetischer Defekt. Das Chromosom 21 ist bei betroffenen Menschen dreifach vorhanden. Dies hat körperliche und gesundheitliche Auswirkungen und beeinträcht die kindliche Entwicklung. Typische Merkmale betreffen die Kopfform, die Augen und den Muskeltonus. Häufiger treten organische Schäden wie Herzfehler oder Magen- und Darmstörungen auf, wie die Elternorganisation Insieme 21 auf ihrer Webseite schreibt. Die geistigen Fähigkeiten von Menschen mit Trisomie 21 weisen eine enorme Streubreite auf. Die Spanne reicht von starken Einschränkungen bis zu durchschnittlicher Intelligenz. Über Förderung, Integration und gezielte Lernstrategien können Einschränkungen ausgeglichen werden. kme

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