Kino

Fatales Treiben im Dämmerlicht

In der Filmreihe «Ich seh schwarz» lassen sich im Kino Cameo zurzeit einige der besten Film Noir-Klassiker wiederentdecken. Erst in der Dunkelheit des Kinos kommt ihre ästhetische Qualität zum Tragen.

Ein Irrlicht zwischen Gut und Böse:  Orson Welles als korrupter Sheriff Hank Quinlan in «Touch of Evil».

Ein Irrlicht zwischen Gut und Böse: Orson Welles als korrupter Sheriff Hank Quinlan in «Touch of Evil». Bild: Wikipedia

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Los Robles, ein Grenzstädtchen zwischen den USA und Mexiko, Ende der 1950er-Jahre. Ein Auto – es sitzen darin ein Mann gesetzteren Alters und eine junge Frau – bahnt sich vom mexikanischen Teil der Stadt kommend im Slalom seinen Weg durchs quirlige Treiben auf der Strasse und überquert dabei den kaum bewachten Grenzübergang.

Die Stimmung ist heiter, die Nacht lau, parallel zum Auto bewegt sich zu Fuss minutenlang ein zweites Paar. Sie blond, er dunkel, beide offensichtlich schwer verliebt: der mexikanische Drogenfahnder Miguel Vargas und seine amerikanische Frau Susie. Derweil das Auto nach der Grenze Fahrt aufnimmt, bleiben Vargas und Susie stehen. «Jetzt habe ich dich über eine Stunde nicht geküsst, Darling», sagt er; wie sich ihre Lippen berühren, zerreissen Blitze des wenige Meter entfernt detonierenden Autos die Dunkelheit.

Diese Szene, in einer einzigen, fast vier Minuten langen Einstellung gedreht, gilt als eine der berühmtesten Plansequenzen der Filmgeschichte. Es ist die Anfangsszene von Orson Welles 1958 entstandenem «Touch of Evil». Der Film erzählt in der Folge eine ziemlich verschwurbelte Geschichte, in der es unter anderem um die Drogenmafia geht, in der eine Frau entführt wird, einige Schüsse fallen und der mit dem Fall betraute US-Sheriff seine heilige Mühe hat mit Vargas, der ihm seine Hilfe anbietet.

Unbedingt erwähnen muss man Marlene Dietrich, die, stets eine Zigarette zwischen den Fingern, ein Pub betreibt, in dem nachts manch eine verlorene Seele strandet und unablässig ein mechanisches Piano dudelt.

Ohne Political Correctness

«Touch of Evil» basiert auf einem Pulp-Roman von Whit Masterson und gilt als Höhe- und Schlusspunkt des klassischen Film Noir: Kaum je zuvor, schreibt Joachim Kurz auf der Webseite «Kinozeit», seien die Grenzen von moralisch verwerflich und korrekt sowie von Schwarz und Weiss so fliessend ausgelotet worden wie in diesem Thriller. Auf Wunsch von Vargas-Darsteller Charlton Heston spielt Regisseur Orson Welles den korrupten Sheriff Hank Quinlan gleich selber; körperlich wuchtig, mental am Ende und zugleich fanatisch besessen: ein genialer Detektiv und lausiger Polizist – «Aber was für ein Mann», ruft die Dietrich aus.

«Touch of Evil» steht im Mittelpunkt, der letzte Woche gestarteten Cameo-Reihe «Ich seh schwarz: Der lange Schatten des Film Noir». Diese ist, wie es Cameo-Reihen häufiger sind, mit neun Filmen in der Auswahl erlesen, aber bedauerlich kurz.

Abrundtiefe Düsterkeit

Umso mehr lohnt es sich, jeden der gezeigten Filme, auch wenn man ihn im Fernsehen schon einmal gesehen hat, auf Leinwand anzuschauen. Denn mehr noch als bei anderen Filmen kommt beim Film Noir nur im Kinodunkel richtig zum Tragen, was diesen kennzeichnet: abgrundtiefe Düsterkeit. Eine fatale Stimmung oft wahnhafter Besessenheit herrscht hier, die sich einschreibt in stille Melancholie.

Eine fatale Stimmung oft wahnhafter Besessenheit herrscht hier, die sich einschreibt in stille Melancholie.

Streng genommen ist «Film Noir» kein Genre-, sondern ein Stilbegriff. Zum ersten Mal verwendet haben soll ihn der französische Filmkritiker Nino Frank 1946 für eine Reihe gerade entstandener Hollywoodfilme, die sich einer auffallenden Schwarz/Weiss-Ästhetik bedienen. Jane Greer gibt in «Out of the Past» (USA 1947) die Femme fatale, der Robert Mitchum als Ex-Detektiv Jeff Bailey rettungslos verfällt. Sie soll nach dem Dreh gesagt haben, es sei auf dem Set so dunkel gewesen, «dass man die halbe Zeit nicht wusste, wer da war».

Gedreht wurde oft bei Nacht, wo möglich an Originalschauplätzen. Als einer der frühen, stilbildendenden Noir-Filme gilt «The Maltese Falcon» (USA 1941) von John Huston, mit Humphrey Bogart in der Rolle des Privatdetektivs Sam Spade und Mary Astor, die diesen in einem heiklen Kunstdeal um Hilfe angeht. Er ist hartgesotten, sie gibt sich naiv; in einer frühen Szene schon sagt er, sie sei nicht die Unschuldige, als die sie sich ausgebe.

Ambivalenz

Auch das gehört zum Film Noir. Dass die Figuren ambivalent sind, sich bedeckt halten und Rollen spielen, die das Gegenüber durchschaut, um trotzdem mitzuspielen; manchmal – und darin liegt der grosse Reiz dieser Filme – weiss man als Zuschauer am Schluss nicht, wer wen wie und bis wann an der Nase herumführte oder ob man gar selber gelackmeiert wurde.

Der Stil des Film Noir wurde nach der der klassischen Phase oft wieder aufgegriffen und weitergeführt, nicht nur in den USA. Die Cameo-Reihe schlägt den Bogen, ausgehend vom «Maltese Falcon», über US-Klassiker wie Edward Dymytriks «Murder, My Sweet» (1944) und Billy Wilders «Sunset Boulevard» (1950) bis zu Carol Reeds in England entstandenem «The Third Man» (1949) und zeigt mit «Ascenseur pour l‘échafaud» (Louis Malle, F 1958) und Lawrence Kasdans «Body Heat» (USA 1981) auch zwei Neo Noir-Klassiker.

Die eigentliche Perle der Reihe aber ist, weil kaum je zu sehen und notabene der einzige von einer Frau gedrehte Noir-Klassiker: Ida Lupinos «The Hitch-Hiker» (1953), in dem zwei Angler aus Kalifornien von einem per Autostopp reisenden Serienmörder ins mexikanische Santa Rosalía entführt werden.


Kino Cameo, Lagerplatz, bis 26.2.

Erstellt: 20.01.2019, 14:58 Uhr

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