Kefikon

Feuchte Wälder soll Waldschnepfe anlocken

Im Westen und Süden des Landes als Delikatesse gejagt, soll die in der Deutschschweiz geschützte Waldschnepfe in der Region wieder heimisch werden. Etwa mit Tümpeln in Wäldern, wie es ein Projekt zwischen Ellikon an der Thur und Kefikon vorsieht.

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Umgangssprachlich besitzt die Schnepfe einen zweifelhaften Ruf: Sie muss als Schimpfwort für Frauen oder Prostituierte herhalten.

Es hat wohl mit dem Balzverhalten der Waldschnepfe zu tun, im Jagdjargon Schnepfenstrich genannt. Jeweils im Frühling und Vorsommer fliegen die Männchen mit dem langen spitzen Schnabel umher und geben ihren typischen Lockruf von sich: «Quorr-quorr-pitz.» Ein bisschen wie ein erkälteter Frosch.

Doch im Schweizer Mittelland ist der Lockruf in den letzten 40 Jahren quasi verstummt. Nur im Jura, in den Voralpen und Alpen gibt es noch regelmässige Sichtungen. Auf der roten Liste der gefährdeten Arten ist der taubengrosse Bodenbrüter als «verletzlich» eingestuft.

2000 Abschüsse jährlich

Trotzdem ist die Schnepfe nur in der Deutschschweiz vor den Jägern geschützt. In den französischsprachigen Kantonen und im Tessin darf sie im Herbst gejagt werden. «Dann ziehen grosse Schwärme aus Russland und Skandinavien durch die Schweiz», sagt Martin Baumann, stellvertretender Chef der Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität vom Bundesamt für Umwelt (BAFU). Im restlichen Europa ist die Schnepfe denn auch überhaupt nicht gefährdet, Baumann spricht von Millionen von Waldschnepfen. «Fünf, sechs, sieben Millionen davon werden jährlich europaweit abgeschossen, ohne dass der Bestand abnimmt.» In der Schweiz werden jedes Jahr rund 2000 Schnepfen erlegt.

Der Vogel gilt als Delikatesse, nicht nur das Fleisch, auch die Innereien werden zu einem Brotaufstrich, dem sogenannten Schnepfendreck, verarbeitet. «Es ist eines der wenigen Wildtiere, das komplett verarbeitet wird», sagt Baumann. Bereits in mittelalterlichen Büchern finden sich Rezepte, wie man Schnepfen möglichst schmackhaft zubereitet. Entsprechend alt ist insbesondere in der lateinischen Schweiz die Tradition, die mit der Schnepfenjagd zusammenhänge: «Dazu sind speziell ausgebildete Hunde nötig. Die Jagd ist sehr aufwändig, ein Jäger erlegt an einem Tag mit Glück vielleicht zwei, drei Schnepfen, die je 300 Gramm wiegen.»

«Fünf, sechs, sieben Millionen davon werden jährlich europaweit abgeschossen, ohne dass der Bestand abnimmt.»Martin Baumann, stellvertretender Chef der Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität vom Bundesamt für Umwelt (BAFU)

Anders in der Deutschschweiz, wo das Jagdverbot bereits seit Jahrzehnten gilt. Trotz dieses Verbots habe sich der einheimische Bestand der Schnepfe in der Deutschschweiz nicht erholt, sagt Baumann. Damit werde klar, dass nicht die Jagd die Schnepfe bedrohe, sondern andere Faktoren der Landnutzung. «Die Jäger haben ein grosses Interesse, dass es der Schnepfe gut geht, weshalb sie in stundenlanger Arbeit deren Lebensräume pflegen und aufwerten.»

Trotzdem soll die Schnepfenjagd gemäss dem neuen eidgenössischen Jagdgesetz, das diese Woche von der Bundesversammlung beschlossen wurde, eingeschränkt werden: Der Beginn der herbstlichen Jagdzeit soll von Mitte September auf Mitte Oktober verschoben werden. Das ist der Zeitpunkt, zu dem die einheimischen Schnepfen nach Süden weggeflogen sind. Heisst: Mit der Revision des Jagdgesetzes soll sichergestellt werden, dass die in der Schweiz brütenden Schnepfen zu Beginn der Jagdsaison ausser Landes sind.

Rückgang erforscht

Diese Anpassung beruht auf den Ergebnissen einer BAFU-Forschungsgruppe, bestehend aus Schnepfenjägern, der Vogelwarte und dem Vogelschutz. Die Gruppe hat den Rückgang der Schnepfe in der Schweiz genauer untersucht. Erkenntnis: Die Veränderung der Landnutzung hat die Schnepfe wohl vertrieben. Die Lichtverschmutzung durch Siedlungen oder Strassenlampen setzt dem Vogel etwa zu. Auch die Entwässerung der Wälder passt dem regenwurmfressenden Bodenbrüter nicht.

Die Waldschnepfe liebt also feuchte Gebiete, die Mangelware geworden sind. Im Wald Engiholz zwischen Kefikon und Ellikon an der Thur (siehe Karte) will Waldbesitzer Jakob Siegwart deshalb drei Tümpel erstellen lassen: «Der Wald ist bereits sehr sumpfig und ich möchte der Natur etwas zurückgeben.» Dadurch sollen Amphibien, einen Lebensraum vorfinden, möglicherweise können von den feuchten Uferzonen auch andere Wildtiere wie die Waldschnepfe profitieren. Das Gesuch ist noch nicht bewilligt. Bezahlt werden die Kosten von voraussichtlich 7000 Franken vom Kanton Thurgau, der dieses Geld aus dem Neuen Finanzausgleich erhalten hat.

Der Bund will aufgrund des Schnepfen-Forschungsberichts solche feuchten Lebensräume wie im Engiholz künftig stärker fördern, damit die Schnepfe auch in der Deutschschweiz wieder als Vogel und nicht nur als Schimpfwort bekannt ist.

Erstellt: 01.10.2019, 18:38 Uhr

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