Kunstausstellung

Flanierend Grenzen überwinden

Zwei Dutzend Künstlerinnen und ­Künstler machen sich im Kulturort Weiertal Gedanken zum ­Thema Grenze. Bei genauem Hinschauen findet der Betrachter viele verborgene Schätze.

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Grenzen zieht man. Man lotet sie aus. Menschen suchen sie, gehen nah an sie ran. Manche grenzen sich ab manchmal, grenzen einander ein oder aus, tun Grenzwertiges. Sie sind, sie werden begrenzt. Grenzen gilt es zu respektieren.

Derlei Wortfelder mag Maja von Meiss in Gedanken durch ihren Park getragen haben, als sie an die Ausstellung gedacht hat, die dort heute Nachmittag Vernissage feiert: Sie hat ihr den Titel «Grenzenlos» gegeben. Entstanden ist eine grosse Schau im herrlichen Garten und in den Räumen des Kulturorts Weiertal. Sie macht den Titel der Ausstellung in den unterschiedlichsten Positionen der zwei Dutzend teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler erlebbar.

Grenzenlose Gier

Im Park, wo die Grenzen zwischen Kunst und Natur bisweilen verwischen, an Weihern und Bächen, unter Obstbäumen und auf den Wiesen finden sich Objekte, Bilder, Installationen, Video- und Audioarbeiten. Manche drängen sich dem Betrachter auf, andere sind verborgen und wollen entdeckt werden.

Da stehen etwa Bienenhäuschen, die zum Betrachter zu reden scheinen. Blumennamen sind hinter dem Summen eines Bienenschwarms zu hören, so, wie sie früher im Volksmund genannt wurden, sie erinnern an Liebe oder Erotik: Venusnabel, Paradiesapfel, Rührmichnichtan und Vergissmeinnicht. Dorothee von Rechenberg sagt mit ihrer Audioinstallation «Tausendschönchen»: «Bienen kümmern sich nicht um Grenzen.» Man kann das im Begleitkatalog zur Ausstellung nachlesen. Früher habe die Natur unmittelbarer zu den Menschen gesprochen.

«Bienen kümmern sich nicht um Grenzen.»Dorothee von Rechenberg,
Künstlerin

Grenzenlose Gier, grenzenloser Missbrauch ist das Thema in einer zweiten Audioarbeit, die man nur dann wahrnimmt, wenn man genau hineinhorcht in die Natur. Unter einem Kirschbaum hört man Wasser rauschen, es ist aber kein Wasser, es ist der Klang eines Cellos, das Rascheln von Büchern wie der Bibel oder des Korans, mit dem Rut Himmelsbach der Urgewalt des Wassers nachgeht. «Wasser-Requiem» nennt sie die Arbeit, ein Totengesang also: «Namhafte Firmen kaufen in armen Regionen der Welt Wasserquellen auf, um dieses Wasser – in PET-Flaschen abgefüllt – für teures Geld an die Einwohner zurückzuverkaufen. Ein zynischer Kreislauf», findet die Künstlerin.

Politische Grenzen thematisiert Notta Caflisch mit «Refuge Hope»: Auf Stelen setzt sie Abgüsse ihrer eigenen Hände, die an Schattenspiele erinnern, wie Vögel scheinen sie frei davonzuflattern. «Randulin ist der romanische Name für Schwalbe», sagt Caflisch.

Die Schwalbe, das Friedenssymbol, meint in seiner Übersetzung auch die ausgewanderten Handwerker, die im Engadin des 18. Jahrhunderts immer wieder in ihre Dörfer zurückkehrten, um die Familie und die alte Heimat zu unterstützen.

Über der Landesgrenze gesucht

Von Meiss hat Kunstschaffende aus Basel, aus Graubünden und aus dem Fürstentum Liechtenstein eingeladen, sich für die Ausstellung zu bewerben, und sich dabei an Visarte, den Berufsverband der visuell schaffenden Künstlerinnen und Künstler, gewendet, wie sie es jeweils alle zwei Jahre tut, zwischen den Skulpturbiennalen, die seit 2009 hier stattfinden.

Eine dreiköpfige Jury, bestehend aus Maja von Meiss, der Direktorin des Kunstmuseums Thun Helen Hirsch und Andreas Vogel, der den Fachbereich Gestaltung und Kunst an der Hochschule der Künste in Bern leitet, hat aus 45 Eingaben 24 Künstler ausgewählt. Von Meiss hat die Arbeiten weiträumig auf ihrem Areal verteilt, das sie und ihr Partner zum inzwischen überregionalen Schauplatz für räumliche Gegenwartskunst gemacht haben: In mehr als 60 Ausstellungen haben die beiden hier rund fünfhundert Kunstschaffenden die Gelegenheit gegeben, ihre Arbeiten zu zeigen.

(Der Landbote)

Erstellt: 26.05.2018, 09:59 Uhr

Einen Besuch wert

Die Ausstellung

Park und Galerie des Kulturorts Weiertal, Rumstalstrasse 55.
Vernissage: Heute, 17 Uhr.
Bis 9. September. Mi–Sa 14–18 Uhr, So 11–17 Uhr. Mit Werken von Matthias Aeberli, Flurina Badel, Jérémie Sarbach, Ernst Brassel, Notta Caflisch, Maria Dundakova, Matthias Frey, Beate Frommelt, Gertrud Genhart, Adelheid Hanselmann, Lilian Hasler, Rut Himmelsbach, Marie-Louise Leus, Patrick Leppert, Maboart, Fabian Matz, Claudia Schmid, Nicole Schmölzer, Venice Spescha, Maja Thommen, Nora Vest, Dorothee von Rechenberg und Dominik Zehnder.
mek

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