Endlager

Geologe fordert Marschhalt bei Endlagersuche

Nach Meinung von Geologe Marcos Buser treibt die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) die Standortsuche für das Endlager zu rasch voran. Der langjährige Kritiker fordert mehr Zeit für eine «bessere Lösung».

Zeichen des Protests gegen das mögliche Endlager im Zürcher Weinland.

Zeichen des Protests gegen das mögliche Endlager im Zürcher Weinland. Bild: Marc Dahinden

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Das Wort «moderieren» bedeutet mässigen, lenken. So gesehen hatte die Moderatorin und Journalistin der Wochenzeitung WOZ, Susan Boos, nichts zu moderieren an der Buchvernissage vom Donnerstagabend im Kulturhaus Kosmos in Zürich. Denn auf dem Podium waren sich Grünen-Präsidentin Regula Rytz und Geologe Marcos Buser in Sachen Endlager vollends einig.

An der Vernissage ging es um Busers neues Buch «Wohin mit dem Atommüll?» (Rotpunktverlag). Journalistin Boos hatte für Buser den Kontakt zum Verlag hergestellt. Deshalb hat Buser sie am Donnerstag auch als «Türöffner» bezeichnet.

70 Jahre und keine Lösung

Buser arbeitet als Geologe und Sozialwissenschafter seit über 40 Jahren am Thema Endlager. Früher war er Mitglied in der Expertenkommission für das Schweizer Endlagerkonzept und in der Eidgenössischen Kommission für nukleare Sicherheit. Er gilt als scharfer Kritiker der drei Hauptakteure in der Schweizer Endlagersuche: der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra), des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi) und des bei der Suche federführenden Bundesamts für Energie (BFE).

«Es braucht den Rückblick und die Offenheit, zu den eigenen Fehlern zu stehen. Das tut der Glaubwürdigkeit gut.»Marcos Buser

Buser kritisiert die Atomwirtschaft, die auf der Welt seit 70 Jahren hoch radioaktive Abfälle produziert und noch immer keine Lösung für die Entsorgung gefunden hat. Das seien «unhaltbare, gewaltige Risiken», sagte er am Donnerstag in Zürich. Rytz sprach von «schlimmen Erbschaften» der Atomenergie. Sie bezeichnete Buser als «mutigen Universalgelehrten» und «kritischen Geist».

Er sagt, dass man sich bei der Entsorgung radioaktiver Abfälle seit Jahrzehnten auf Irrwegen befinde. Die Geschichte dieses kollektiven Scheiterns müsse endlich historisch aufgearbeitet werden, fordert Buser. «Es braucht den Rückblick und die Offenheit, zu den eigenen Fehlern zu stehen. Das tut der Glaubwürdigkeit gut.» Die Nagra und die anderen Akteure müssten eine Fehler- und Lernkultur entwickeln und Kritik zulassen.

Suchverfahren eine «Show»

Marcos Buser bezeichnet den Prozess der Endlagersuche als unglaubwürdig, als «Show». In Wahrheit gehe es der Nagra um eine zweite nukleare Ära. «Sie will den Pfad der Kernenergie wieder öffnen, also Rahmenbewilligungen für neue Reaktoren wieder ermöglichen.» Daher treibe die Nagra die Standortsuche für das Endlager derart voran – zulasten der Sicherheit, wie Buser findet. «Wir können nicht in Eile, überstürzt ein Endlager bauen.» So seien etwa die Einlagerung abgebrannter Brennelemente und deren etwaige Rückholung aus dem Untergrund noch gar nie eins zu eins getestet worden.

Buser arbeitet derzeit an einem neuen Endlagerkonzept, schreibt an zwei weiteren Büchern. Die Atomwirtschaft sei deswegen «sehr nervös, das wird für sie eine sehr unangenehme Sache». Er fordert mehr Zeit für eine «bessere Lösung». Und bis es so weit ist, sollen die radioaktiven Abfälle für bis zu 300 Jahre in ein unterirdisches, aber oberflächennahes Zwischenlager verlegt werden. Dass sie heute an der Erdoberfläche gelagert werden, «ist eine katastrophale Sache». Buser will, dass die Gesellschaft an der Erdoberfläche für die Kontrolle des Tiefenlagers mitverantwortlich ist.

Ganz anders sieht das die Nagra: Die Geologie im Untergrund sei stabil, nicht aber die Gesellschaft an der Oberfläche, die darum nicht für die Langzeitsicherheit der Abfälle sorgen könne. Daher müsse das Lager möglichst rasch von der instabilen Gesellschaft abgekoppelt werden. Um ihr Argument zu unterstreichen, zeigt die Nagra jeweils ein Foto der 1945 zerbombten Stadt Dresden als Zeichen für die unsichere, unzuverlässige Gesellschaft. Beim Anblick soll sich der Betrachter besorgt fragen: Was würde mit den hoch radioaktiven Abfällen im Zwilag passieren, wenn in 74 Jahren wieder ein solcher Krieg tobt, die Gebäude bombardiert werden? Die Antwort, die sich die Nagra wünscht: unter die Erde mit den Abfällen, möglichst rasch. Marcos Buser hält dies für überstürzt – er vertraut der Gesellschaft mehr als die Nagra.

(Der Landbote)

Erstellt: 13.04.2019, 09:24 Uhr

Marcos Buser ist Geologe, Sozialwissenschafter und Buchautor. (Bild: Donato Caspari)

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