Häusliche Gewalt

Gewürgt, bedroht, geschlagen: Szenen einer gewalttätigen Ehe

Vor Bezirksgericht stand letzte Woche ein Mann, der seine Ehefrau während mehr als 10 Jahren bedroht, geschlagen und gewürgt hatte – bis diese zur Polizei flüchtete.

Das Opfer, eine Mutter von zwei Kindern, musste fast wöchentlich körperliche Übergriffe über sich ergehen lassen.

Das Opfer, eine Mutter von zwei Kindern, musste fast wöchentlich körperliche Übergriffe über sich ergehen lassen. Bild: Thomas Egli

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Die zwei Noch-Eheleute, die letzte Woche vor Bezirksgericht standen, haben sich seit über einem Jahr nicht gesehen und wurden auch im Gerichtssaal getrennt angehört. Nach elf Ehejahren war die knapp 40-jährige Frau im April 2017 zur Stadtpolizei Winterthur gegangen, und hatte ihren Mann angezeigt. Seither leben sie und ihre zwei Kinder an einem geheimen Ort.

Ihre Ehe sei von Angst geprägt gewesen, sagt die Privatklägerin vor Gericht. In den schlimmsten Zeiten sei sie von ihrem Mann fast wöchentlich geschlagen, bedroht und gewürgt worden. In den Wochen vor der Anzeige hätten die Drohungen eine neue Qualität erreicht. «Er sagte mir ganz ruhig, wie als Fakt: Dieses Mal bringe ich dich wirklich um.»

«Ich bin ein sehr guter Mensch. Keiner hier ist so gut wie ich.»Der Täter

Der Beschuldigte ist Schweizer, 2016 eingebürgert, wie die ganze Familie. Vor Gericht beansprucht er aber eine Türkisch-Dolmetscherin. Die Klägerin spricht dagegen fliessend Hochdeutsch, sie ist in Deutschland aufgewachsen, wo sie auch studiert hat. Auch als Mutter war sie zu 100 Prozent berufstätig. «Wenn ich blaue Flecken im Gesicht hatte, sagte ich auf Arbeit ich müsse zuhause bleiben, weil das Kind krank sei.»

Schlimmer als die Schläge sei das Würgen gewesen, sagt sie. «Ich hatte jedes Mal Todesangst, denn ich wusste nie: Lässt er diesmal rechtzeitig los?» Sie schildert detailreich die verschiedenen Varianten: Kehle zudrücken, Mund und Nase verdecken, ein Knie auf der Kehle als sie am Boden lag. Meist waren die Anlässe zur Gewalt nichtig: Er warf ihr vor, ihn mit Aussagen vor seinen eigenen Verwandten blossgestellt zu haben. Noch Monate später habe er mit der Gewalt seine Frau dazu zwingen wollen, sich dafür zu entschuldigen, beschreibt die Staatsanwaltschaft.

Seine Familie deckt ihn

«Pure Fantasie», sagt der Angeklagte. Sie hätten eine liebevolle, moderne Ehe geführt. Er ist ein kräftiger Mann mit Bart, der laut redet und viel gestikuliert. Mehrmals steht er auf, um darzustellen, wie sich Szenen seiner Meinung nach abgespielt hätten. Er kritisiert die Staatsanwaltschaft: «Sie wurde ausführlich angehört, ich nur ganz oberflächlich. Man wollte wohl einen Schuldigen, erst recht wenn er Ausländer ist.» «Sie sind Schweizer», korrigiert der Richter. «Trotzdem Ausländer», schnaubt er. Auf die Frage, wie er seinen Charakter beschreiben würde, sagt er: «Ich bin ein sehr guter Mensch. Keiner in diesem Raum ist so gut wie ich.»

«Wenn ich blaue Flecken im Gesicht hatte, sagte ich im Geschäft, ich bleibe zuhause weil das Kind krank ist.»Das Opfer

Wie so oft bei häuslicher Gewalt, gibt es kaum Zeugen. Bei einem Vorfall, der sich bei Verwandten in Deutschland abgespielt haben soll, und bei dem die Klägerin von Würgen und Schlägen mit einem türkischen Nudelholz berichtet, entlasten die Anwesenden den Ehemann. «Das muss nicht verwundern», sagt der Staatsanwalt. «Er wusste genau, dass er von seiner eigenen Familienseite nichts zu befürchten hat.» In einem anderen Fall berichtet der älteste Sohn, er habe gesehen, wie der Vater die Mutter würgte. Das ist dann auch der einzige Fall, wo der Beschuldigte ansatzweise zustimmt: «Sie lag unter mir und schrie: Küss mich, schlaf mit mir! Ich habe ihr den Mund zugehalten, damit das Kind das nicht hören muss.»

Der Sohn hatte gewünscht, dass der Vater wegen Schlägen gegen ihn selbst nicht bestraft werde. Die Mutter erklärt: «Er hat mit Klassenkameraden geredet und einige sagten, ihr Vater schlage sie mit einem Gürtel. Also sieht er das als normal und will seinen Vater schützen.»

Endlich ohne Angst schlafen

Das Gericht sprach den Mann antragsgemäss schuldig der mehrfachen Nötigung und verhängte eine Haftstrafe von 18 Monaten, sowie eine Genugtuung von 2000 Franken für die Ehefrau. «Insgesamt waren die Aussagen der Ehefrau glaubhafter», begründet der Gerichtspräsident. «Sie schilderte die Vorfälle sehr detailliert und ohne Übertreibungen, sagte auch von sich aus, wenn etwas nicht zutraf.» Die Frau ist, nach Angaben ihrer Psychologin, durch die jahrelange Misshandlung massiv traumatisiert. «Momentan geht es mir schlecht, wegen des Prozesses», sagte sie. «Aber sonst geht es uns besser. Es ist gut, ohne Angst einschlafen zu können.»

Erstellt: 23.06.2019, 19:20 Uhr

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