Big Data

Gib uns deine Daten,wir geben dir nämlich nichts

Grossunternehmen sind darauf angewiesen, dass wir unsere Daten preisgeben. Wie es um Bereitschaft dafür steht, wird an der ZHAW erforscht.

An der ZHAW wird erforscht, unter welchen Umständen Menschen bereit sind, ihre Daten weiterzugeben.

An der ZHAW wird erforscht, unter welchen Umständen Menschen bereit sind, ihre Daten weiterzugeben. Bild: zvg

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Ein Mann in den USA erhält Paketpost. Es sind Dinge, die er nie bestellt hat. Zum Beispiel eine Flasche Tequila. «Sie werden bald zum Trinker», klärt ihn der Paketbote auf und überreicht im ein Pack Windeln: «Und ihre Freundin ist schwanger. Von Ihnen». Diese Szene ist der Inhalt eines Videos. Dr. Kurt A. Ackermann, Spezialist für Verhaltensökonomie an der ZHAW, zeigte es am letzten Innovationsapéro im Technopark als Einstieg in sein Thema.

Es geht um Daten und Datenspuren, die fast jeder Mensch gewollt und ungewollt hinterlässt. «Selbst im Schlaf bei Handy im Standby-Modus hinterlassen wir Daten», sagt er: «Handy im Ruhemodus, kombiniert mit der Uhrzeit, ergibt die Information, wann wir schlafen.»

«Wenn es um das Teilen von Daten geht, sind Konsumenten gegenüber Banken und Krankenkassen im Vergleich zu anderen Branchen eher skeptisch.»Dr. Kurt A. Ackermann,
Spezialist für Verhaltensökonomie 
an der ZHAW

Ackermann und der Zweitredner Roger Dobler wechseln beim Thema Daten den Blickwinkel. Sie betrachten die Materie aus der Sicht jener, die Daten sammeln. Sie interessieren sich dafür, wie Firmen zu mehr Daten aus ihrem potenziellen Kundenkreis kommen. Sie bieten einen Blick hinter die Kulissen. «Willingness to share data», so heisst der Titel ihrer Präsentation. Frei übersetzt: die Bereitschaft, Daten preiszugeben. Den gleichen Namen trägt ein Forschungsprojekt der beiden an der ZHAW. Ackermann und Dobler haben einen Index berechnet, der die «Willingness to share data» misst und Unternehmen zur Verfügung stellt.

Der Datenstrom, der Unternehmen wie Apple, Facebook, Google, oder Amazon zufliesst, ist gigantisch. Jede Minute werden laut einer von Ackermann zitierten Schätzung weltweit 13 Millionen Textnachrichten verschickt. Das ist eine ungeheure Menge individualisierter Daten, die Datensammler verwerten können. Und die Datenmenge wächst täglich. Trotzdem ist es durchaus möglich, die richtigen Informationen aus dem Datenfluss herauszuschälen.

Sie wissen es schon vor dir

Ackermann zeigt das am Beispiel der US-amerikanischen Handelfirma Target. Die Firma registriert, dass eine Frau geruchslose Seife, viele Wattebällchen, Desinfektionsmittel und Vitaminpillen kauft. Daraus schliesst Target mit grosser Wahrscheinlichkeit, dass die Frau ein Kind erwartet. «Bei einer Teenagerin weiss Target vor dem Vater der jungen Frau von ihrer Schwangerschaft.» So zugespitzt steht es in Ackermanns Präsentation.

Target weiss, was in der Gegenwart los ist. Der Grosshändler Amazon geht bereits einen Schritt in die Zukunft. Er hat 2014 ein Patent erhalten für die Anticipatory Shipping (vorauseilende Lieferung). Die Firma gibt an, dass sie aufgrund persönlicher Daten ihrer Kundschaft, kombiniert mit den Einkaufsgewohnheiten eines Kunden, weiss, was dieser als nächstes bestellt. Amazon lässt den betreffenden Artikel bereits im Voraus ins nächst gelegene Verteilzentrum liefern. Wenn der Kunde das Produkt erwartungsgemäss bestellt, hat er es in kürzerster Zeit im Haus. Dem anfangs gezeigten Video kommt das schon recht nahe.

Willst du deine Daten teilen?

Im Rahmen ihres Projekts haben Ackermann und Dobler eine Befragung durchgeführt, wie Private mit ihren Daten umgehen. 84 Prozent aller Befragten war der Schutz ihrer Privatsphäre und ihrer privaten Daten wichtig. Aber nur drei Prozent lesen die Datenschutzbestimmungen, denen sie zustimmen, wenn sie im Netz eine Seite aufmachen. Es gibt einen glatten Widerspruch zwischen dem Wunsch, die eigenen Daten zu schützen, und der täglichen Nutzungspraxis im Internet.

Trotzdem halten Private Nutzer ihre Daten Firmen gegenüber unter gewissen Umständen zurück. Was besonders erstaunt: Sobald eine Firma Nutzern für ihre Daten Geld anbietet, weckt sie deren Misstrauen. «Der Kunde wird mit mit der Nase darauf gestossen, dass seine Daten wertvoll sind», sagt Ackermann. Datensammler versuchen daher, Daten unbemerkt abzusaugen. Zum Beispiel mit der Frage nach dem Geburtsdatum oder dem Beruf für eine Funktion, bei der diese Angaben gar keine Rolle spielen.

Wer kriegt deine Daten ?

Es gibt zwei weitere wesentliche Faktoren, die Firmen helfen, Daten zu erhalten. Kunden geben bereitwillig Daten preis, wenn ihnen dafür der Alltag erleichtert wird. Zum Beispiel bei einer Fahrplanabfrage. Zudem spielt das Vertrauen, das sie einem Unternehmen entgegen bringen, eine entscheidende Rolle. Das ist je nach Branche unterschiedlich. Ackermann: «Wenn es um das Teilen von Daten geht, sind Konsumenten gegenüber Banken und Krankenkassen im Vergleich zu anderen Branchen eher skeptisch.»

Gerade die Banken setzen heute Druck auf, um Kunden dazu zu bringen, ihre Online Angebote zu nutzen. Sie bauen Filialen und Bankautomaten ab. Bereits wird die Forderung laut, das Bargeld abzuschaffen. Damit alle unsere Transaktionen wertvolle Daten erzeugen.

Erstellt: 25.11.2018, 16:03 Uhr

Dr. Kurt A. Ackermann, Spezialist für Verhaltensökonomie an der ZHAW

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