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Gitarrenhändler rüsten sich fürs Palisander-Verbot

Seit Januar steht das Tropenholz Palisander unter strengem Artenschutz. Weil es in fast jeder Gitarre verbaut wird, haben die Winterthurer Gitarrenhändler alle Hände voll zu tun mit besorgten Kunden und Lieferanten.

Viel Aufwand wegen neuer Auflagen: Fast alle Gitarren, die auf dem Bild zu sehen sind, haben einen Korpus aus dem rötlichen Tropenholz.
Viel Aufwand wegen neuer Auflagen: Fast alle Gitarren, die auf dem Bild zu sehen sind, haben einen Korpus aus dem rötlichen Tropenholz.
Nathalie Guinand

Zwanzig bis dreissig besorgte Anfragen hat Franco Marioli vom Fachgeschäft «Die Gitarre» am Kirchplatz im neuen Jahr schon erhalten. Grund ist eine Änderung, die ausserhalb der Musiker-Szene fast unbemerkt geblieben ist: die Unterschutzstellung aller Unterarten des Tropenbaums Palisander. Das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (Cites) hat es an seiner Tagung Anfang September beschlossen, seit 2. Januar ist es in Kraft. Instrumente, die Palisanderholz enthalten, dürfen seither nur noch unter strengen Auflagen importiert und verkauft werden.

Das wichtigste Klangholz überhaupt

Für die Instrumenthändler und -bauer ist das eine Herausforderung, denn das rötliche Holz (Englisch: rosewood) gilt als eins der wichtigsten Klanghölzer. «Fast jede akustische Gitarre enthält Palisander», sagt Marioli. Das rötliche Holz wird für den Korpus und Griffbretter verwendet und ist dort viel häufig als Alternativen wie Ahorn. Bei den E-Gitarren hätten zumindest deutlich mehr als die Hälfte der Modelle Griffbretter aus Palisander, sagt Iwo Trachsel vom Musikladen «Backstage Music» an der Neustadtgasse.

Dass das bedrohte Tropenholz nun unter Schutz steht, finden Marioli und Trachsel grundsätzlich begrüssenswert. Doch für ihre Branche bringt die Neuerung einige Unsicherheiten: Müssen Sie ihre Instrumente nun besonders deklarieren? Und worauf ist beim Einkauf künftig zu achten? Prinzipiell haben die Behörden und der Zoll nämlich das Recht, undeklarierte Ware zu konfiszieren. Beide Musikgeschäfte haben sich deswegen ans zuständige Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) gewendet.

Das Bundesamt ist noch nicht soweit

Dort arbeitet man auf Hochtouren an einer entsprechenden Umsetzung für die Schweiz. Das dauert noch ein paar Monate. Nachbarländer wie Deutschland sind bereits einen Schritt weiter und haben entsprechende Zertifizierungs- und Anmelde-Prozesse eingerichtet. In der Schweiz wolle man diese im Frühling nachreichen, heisst es auf Nachfrage beim BLV. Bis dahin gelten die alten Bestimmungen. «Einem meiner Lieferanten reicht diese Zusicherung aber nicht», sagt Marioli. «Er will mir erst gegen eine Bestätigung vom Amt neue Instrumente liefern.» Weitere Gitarrenbauer seien mit Lieferungen im Verzug, weil die Lizenzierung ihrer Produkte aufwändig ist. «Ich habe in weiser Voraussicht im alten Jahr vorbestellt und habe darum keinen Engpass», sagt Marioli.

Für die Kunden ändert sich nichts – ausser...

Für die Kunden und alle Besitzer älterer Gitarren ändert sich nichts. Sie können ihr Instrument beim BLV anmelden - müssen aber nicht. Erst wenn sie ihr Instrument auf internationalen Plattformen wie eBay weiterverkaufen möchten, wird es heikel. Dann müssen sie beweisen können, dass sie ihre Gitarre vor 2017 erworben haben (etwa mit dem Kaufbeleg) oder das Geschäft sie früher importiert hat. Einzig für Berufsmusiker, die viel reisen, empfiehlt Marioli auf jeden Fall eine Registrierung, um Probleme am Zoll zu vermeiden. «Ich gehe davon aus, dass es einen Instrumentenpass geben wird.» Ein solcher existiert bereits für Gitarren aus dem sogenannten Rio-Palisander aus dem Amazonasgebiet. Es gilt als bestes Instrumentenholz überhaupt - und ist bereits seit 1992 streng geschützt.

Bei Backstage Musik sei der Zusatzaufwand überschaubar, sagt Jvo Trachsel. «Die grosse Arbeit haben die Hersteller, nicht wir Händler», sagt Trachsel. «Jedes Instrument bei mir im Laden hat ja eine Seriennummer, anhand der ich nachweisen kann, wann es gebaut wurde.» Für Marioli ist die Sache deutlich aufwändiger: «Klassische Konzertgitarren haben normalerweise keine Seriennummern.» Bis das Bundesamt verlauten lässt, wie der neue Prozess funktioniert, hat Marioli sich ein System ausgedacht, wie er jeder verkauften Gitarre eine eindeutige Nummer zuordnen kann.

Die Hoffnung: weniger importierte Billig-Gitarren

Durch den zusätzlichen administrativen Aufwand, den eine Zertifizierung mit sich bringt, sei es möglich, dass sich Gitarren künftig ein wenig verteuern, sagen Marioli und Trachsel übereinstimmend. Für die lokalen Händler könnte die Änderung aber sogar eine Chance sein, hofft Marioli: «Es wird für die Kunden schwieriger, Instrumente im Ausland zu bestellen.» Zwar würden sich die Branchenriesen wie Thomann sicher bald ein Standardformular dafür ausdenken, aber die Zeiten von «Click and Buy» im Internet seien vorbei. «Ich hoffe zudem, dass es für China schwieriger wird, billige Schrammelgitarren in den Markt zu spülen.»

Verschwinden wird Palisander aus dem Gitarrenbau nicht. Die Hersteller unterhalten Holzlager und beziehen ihr Holz teils bereits seit Jahrzehnten aus nachhaltiger Produktion. Sie würden wohl auch künftig gewisse Kontingente bewilligt bekommen. Es sei aber gut möglich, dass Ersatzhölzer wie Ahorn einen Aufschwung erleben, sagt Marioli. Bei den Griffbrettern für E-Gitarren könnten sich auch synthetische Ersatzstoffe durchsetzen, glaubt Trachsel. Anstelle von echtem Ebenholz setzen manche Hersteller bereits auf das künstliche Material «Richlite». Womöglich spielen E-Gitarristen ihre Riffs bald auf regenwaldfreundlichem Synthetik-Palisander.

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