Historische Instrumente

Handwerker und Bücherwurm

Der Instrumentenbauer und Restaurator Martin Vogelsanger bezieht sein grosses Wissen aus Fachliteratur und alten Quellen. Auch von Umberto Eco hat er fast alles gelesen.

Kasten aus Buchsbaum, vom Nachbarsgarten im Inneren Lind: Martin Vogelsanger stimmt sein Cembalo. Das historische Vorbild stammt aus dem Jahr 1697

Kasten aus Buchsbaum, vom Nachbarsgarten im Inneren Lind: Martin Vogelsanger stimmt sein Cembalo. Das historische Vorbild stammt aus dem Jahr 1697 Bild: Heinz Diener

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«Das stammt vom Nacken des Hirschs.» Das sämisch gegerbte Hirschleder, das Martin Vogelsanger in der Hand hält, wurde früher in Hammerflügeln anstelle von Filz für die Dämpfung eingesetzt. Schon nimmt er ein anderes Leder aus einer der zahlreichen Schubladen, diesmal ein weisses vom Schaf, aus dem man früher auch Handschuhe machte. «Haben Sie schon einmal eine Katze gestreichelt? Wenn Sie mit der Hand vom Kopf nach hinten fahren, beginnt sie zu schnurren, in der Gegenrichtung ergreift sie die Flucht.»

Die Haarrichtung müsse auch bei der Verwendung von Leder im Instrumentenbau berücksichtigt werden, sagt Vogelsanger. Neben dem Schreibtisch steht ein Modell des komplexen Anschlagsmechanismus, wie ihn jede Taste eines Klaviers besitzt. Daran zeigt Vogelsanger, wo die Stosszunge auf das Leder trifft. Wer mit ihm ins Gespräch kommt, findet sich sofort im Detail wieder. Der Instrumentenbauer ist nicht nur handwerklich sehr geschickt. Er erweitert auch ständig sein Wissen über Materialien und Techniken.

Neues Atelier gesucht

Das Cembalo füllt den einen von zwei Räumen fast ganz aus. Im anderen steht eine Hobelbank, auf den Gestellen gegenüber liegen und stehen ganze Werkzeugsammlungen. Die klimatisierten Räume an der Trollstrasse, zwischen Garagen gelegen, dienen als Notbehelf: Sein Atelier in Oberwinterthur musste einem Bauprojekt weichen. Zahlreiche Instrumente, unter anderem das Cembalo der zwölfjährigen Tochter, das Holzlager sowie ein grosser Teil der Materialien sind in einem Depot eingelagert; seither ist er auf der Suche nach einem neuen Atelier, etwa hundert Quadratmeter sollte es haben.

«Frühe Quellen über das Handwerk sind grundlegend für das, was ich mache.»Martin Vogelsanger,
Instrumentenbauer

In Winterthur einen bezahlbaren Raum dieser Grösse zu finden, der sich auch klimatisch eigne, sei schwierig. Auch in der Wohnung im Inneren Lind, wo Vogelsanger mit Frau und Tochter wohnt, gibt es keine Platzreserven mehr.

Vogelsanger spielt einige Akkorde und erklärt am offenen Instrument, wie die Töne eines Cembalos erzeugt werden: Die Saiten werden vom Kiel – einem kleinen Stift aus Kunststoff – angezupft, daher der charakteristische Klang; im Klavier dagegen werden die Saiten angeschlagen.

Museen als Auftraggeber

Das Cembalo ist der Nachbau eines historischen Instruments, hergestellt 1697 von Carlo Grimaldi in Messina auf Sizilien. Unzählige Male sei das Original schon nachgebaut worden, sagt Vogelsanger. Seine Version besitzt Tasten aus Buchsbaum, vom Ast eines Baumes, der im Garten des Nachbars im Inneren Lind stand. Vogelsanger freut sich: Ein Baum dieser Grösse sei relativ selten, und noch seltener sei die Flammung, die der Ast aufgewiesen habe. Sie verleiht den naturbelassenen Tasten nun eine besondere Note.

Das Instrument ist fast fertig, nur die Kiste um das Cembalo herum fehlt noch. Danach wolle er es wenn möglich verkaufen. Auch in dieses Instrument hat Vogelsanger seine ganze Leidenschaft gesteckt. Genau wie zuvor in die Instandstellung des Tafelklaviers der Hortense de Beauharnais aus dem Jahr 1831, das jetzt wieder im Schloss Arenenberg am Untersee steht. Oder in den um 1825 entstandenen Wiener Hammerflügel «Franz Dorn», den er für das Kunsthistorische Museum in Wien restauriert und spielbar gemacht hat. Vogelsanger arbeitet häufig im Auftrag von Museen. Für das Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen etwa restauriert er kostbare historische Möbel. Beteiligt war er auch an der Restaurierung der Chororgel in der Luzerner Hofkirche.

Der in Schaffhausen aufgewachsene Spezialist für historische Instrumente ist im letzten Jahr 65 Jahre alt geworden. Einen Nebenverdienst bietet ihm seine Ausbildung zum Klavierstimmer, eine Tätigkeit, die neben einer hohen Musikalität die Fähigkeit zur Konzentration, ein trainiertes Gehör und gute feinmotorische Fähigkeiten erfordert. Vogelsanger spielte früh Flöte und Klavier, machte bis Mitte zwanzig als Flötist Rockmusik in einer Band, entschied sich dann aber für das Handwerk.

Ruhigsein musste er lernen

Die feinmotorischen Fähigkeiten und das ruhige, beharrliche Arbeiten hätte man ihm als Kind eher nicht zugetraut, erinnert sich Vogelsanger: Mit heutigen Massstäben gemessen, wäre er wohl ein ADS-Kind gewesen. Er flog auch in der Probezeit aus dem Gymnasium – ausgerechnet wegen ungenügender Leistungen in Chemie, einem der Fächer, in denen er heute so viele Kenntnisse besitzt.

So begann er in Zürich eine Lehre als Klavierbauer. Dort fand er einen Lehrmeister, der für seinen Wissensdurst und seine Neugierde Verständnis zeigte, ihn aber auch ermahnte, «jetzt einmal am Platz zu bleiben». In der Lehre entwickelte er die Fähigkeit, ruhig und konzentriert zu arbeiten. Die Meisterlehre absolvierte er später in Ludwigsburg in Deutschland.

«Ich bin ein Bücherwurm»

Vogelsanger hat in Musikhäusern in Zürich, Winterthur und Schaffhausen gearbeitet und die tief greifenden Veränderungen miterlebt, die die Branche in den vergangenen Jahrzehnten durchmachte. «Ich war ehrgeizig», erinnert sich Vogelsanger. Schon während der Lehre 1969 fing er Feuer für das Restaurieren und Reparieren von Instrumenten und führte «für das Sackgeld» nebenbei Aufträge aus. Ab 1980 arbeitete er selbstständig als Restaurator von Tasteninstrumenten in Freiburg im Üechtland.

Auf dem Schreibtisch steht ein Buch des Philosophen Peter Bieri, «Das Handwerk der Freiheit», das ihn schon lange begleitet. Im Gestell findet man Werke zum Instrumentenbau, zur Kunstgeschichte und zur Möbelstilkunde, historische Warenlexika, Lexika über Gerbereichemie, ein Taschenbuch zur Physik und so weiter. Bücher und Literatur bedeuten ihm viel. «Ich bin ein Bücherwurm», sagt Vogelsanger.

Besonders Quellenliteratur fasziniere ihn – man entdecke darin immer wieder Neues. Damit eignet er sich fortlaufend dieMaterialkenntnisse an, die er für die historischen Instrumente braucht. In alten Schreinerhandbüchern etwa findet er nützliches Wissen über Hölzer und ihre Verarbeitung. Eine Diplomarbeit von 1981, verfasst von einem Freund, informiert über die Anfänge der Drahtherstellung im Mittelalter – das Material wurde ebenso für die Kettenhemden der Ritter gebraucht wie für die Herstellung von Saiten. «Frühe Quellen über das Handwerk sind grundlegend für das, was ich mache.»

Sein Wissensdurst reicht über die praktische Anwendung hinaus, er liest auch, um in andere Zeiten und Wissensgebiete einzutauchen. «Ich habe fast alles von Umberto Eco gelesen», sagt Vogelsanger. Auch für den Alltag im Mittelalter interessiert er sich und für Kirchengeschichte, etwa für die sozialen Hintergründe des Konstanzer Konzils von 1414 bis 1418, und das stets auf einer wissenschaftlichen Ebene.

Von einem Praktikum, das er in den 1980-Jahren in Wien machte, kehrte er mit über tausend kopierten Seiten zurück, darunter das Werk eines Alchemisten aus dem 18. Jahrhundert mit über tausend Rezepten. «Um 16 Uhr war in der Werkstatt in Wien jeweils Feierabend, dann ging ich in die Nationalbibliothek.»

Skeptischer Wissenschaftler

Auf drei Stellen nach dem Komma genau misst Vogelsanger den Durchmesser der Saiten, und er weiss fast alles über die Eigenschaften der verschiedenen Legierungen von Saitendrähten. «Die Zugkraft und Elastizität der Saiten wird heute mathematisch erfasst und gemessen. Früher war die Erfahrung ausschlaggebend, die man sich durch Experimentieren und mithilfe der mündlichen Überlieferung aneignete.» In Italien sei für alle Saiten durchgängig Messing verwendet worden, was einen homogenen Klang ergebe. Ob man den als schön empfinde, sei allerdings eine Geschmacksfrage, wie überhaupt das, was man als guten Klang bezeichne.

 «Die Zugkraft und Elastizität der Saiten wird heute mathematisch erfasst und gemessen. Früher war die Erfahrung ausschlaggebend, die man sich durch Experimentieren und mithilfe der mündlichen Überlieferung aneignete.»

Vogelsanger ist nicht nur Kunsthandwerker, sondern auch Wissenschaftler – mit einer Portion Skepsis. Erst spät, von 2005 bis 2010, studierte er an der Hochschule der Künste in Bern Konservierung und Restaurierung. Schon der Titel seiner Masterarbeit verrät Distanz gegenüber dem eigenen Tun: «Ein Hammerflügel auf Abwegen. Zur Spielbarmachung einer Sonderform des Wiener Hammerflügels Anfang des 19. Jahrhunderts».

Er selbst hat das Instrument auf Wunsch des Auftraggebers, des Kunsthistorischen Museums in Wien, spielbar gemacht. Ob das sinnvoll sei, davon ist er nicht mehr überzeugt; seit Jahren werde darüber diskutiert. «Ich bin heute in dieser Sache absolut kritisch eingestellt», sagt Vogelsanger. Er wäge sorgfältig ab und entscheide sich eher dafür, die Substanz zu erhalten und das Instrument nur zu konservieren. Denn es sei eine Illusion zu glauben, dass es jemals wieder so klingen werde wie im Originalzustand.

Das Projekt, das ihn zurzeit am meisten beschäftigt, ist die Suche nach einem Atelier. Eine innere Unruhe treibt ihn an; sobald er genügend Platz hat für seine Instrumente und wieder alle Materialien zur Hand, wird er mit voller Energie loslegen. Noch etwa zehn Jahre, schätzt Vogelsanger, möchte er so weiterarbeiten.

Erstellt: 16.09.2018, 17:55 Uhr

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