Medien

«Handys gehören nachts ausgeschaltet»

Jeder zweite Jugendliche fühlt sich unter der Woche zu wenig erholt. Medienpsychologin Isabel Willemse erklärt den Zusammenhang zwischen Mediennutzung und Schlafqualität.

Das Blaulicht des Bildschirms verzögert die Ausschüttung des schlafanstossenden Hormons Melatonin. Deshalb sollte das Handy aus dem Schlafzimmer verbannt werden.

Das Blaulicht des Bildschirms verzögert die Ausschüttung des schlafanstossenden Hormons Melatonin. Deshalb sollte das Handy aus dem Schlafzimmer verbannt werden. Bild: Shotshop

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Die neueste Studie der ZHAW zeigt, dass sich die Hälfte der Schweizer Jugendlichen unter der Woche zu wenig erholt fühlt. Wo liegen die Gründe dafür?

Isabel Willemse: Unsere Studie, die den Schlaf in Zusammenhang mit der Mediennutzung untersucht hat, zeigt, dass Partys, Videospiele und auch das Handy Risikofaktoren für die Schlafqualität der Jugendlichen sind. Unternehmen die jungen Erwachsenen hingegen etwas mit der Familie oder lesen sie vor dem Schlafen ein Buch, besteht ein positiver Zusammenhang zur Schlafqualität.

Jeder zweite Jugendliche schläft schlecht. Ein Befund, der aufrütteln sollte?

Man muss das ein wenig relativieren. Ein Stück weit liegt die schlechte Schlafqualität bei Jugendlichen in der Entwicklung. Die Schlafphasen verändern sich in diesem Alter; die jungen Erwachsenen werden zu Abendmenschen. Viele Erwachsene können sich wohl noch an die Zeit erinnern, als sie spätabends unter der Bettdecke mit der Taschenlampe ein Buch gelesen haben. Ganz neu ist das also nicht.

Trotzdem besteht ein Zusammenhang zwischen Medien­nutzung und Schlafqualität.

Die veränderte Nutzung mobiler Geräte macht es heute sicherlich schwieriger als früher, den Medienkonsum der Jugendlichen zu kontrollieren. Früher stand der Fernseher im Wohnzimmer, und die Eltern hatten die Kontrolle darüber. Das kleine Handy hingegen kann überall sein. Zudem ist es sehr viel interaktiver als ­beispielsweise ein Buch, gerade wenn man vor dem Schlafen noch Nachrichten verschickt und in Kontakt steht mit der Aussenwelt. Man weiss heute, dass die Blaulichtanteile der Bildschirme verhindern, dass man müde wird, daher gehören mobile Geräte nicht ins Schlafzimmer.

Gibt es weitere Empfehlungen, die sich aus den Resultaten der Studie ableiten lassen?

Vor dem Schlafengehen sollte eine einstündige Bildschirm­pause eingehalten werden. Zudem gehören Handys in der Nacht ausgeschaltet, oder mindestens in den Flugmodus gestellt. Auch als Wecker sind die kleinen Geräte ungeeignet. Wird ein herkömmlicher Wecker genutzt, gibt es auch keinen Grund, das Handy mit ins Schlafzimmer zu nehmen. Sind die Jugendlichen während des Unterrichts oft schläfrig oder unkonzentriert, sollte der Medienkonsum in den Abendstunden thematisiert werden. Nicht immer allerdings sind die Medien der Hauptbösewicht.

Was beeinflusst die Schlafqualität der Jugendlichen ausserdem?

Wir konzentrieren uns auf die Mediennutzung; andere Studien allerdings zeigen, dass schwie­rige Situationen in der Schule, Prüfungsdruck oder Probleme zu Hause die Schlafqualität noch viel negativer beeinflussen. Bei Schlafproblemen lohnt es sich sicherlich, die Mediennutzung zu thematisieren. Schule und ­Eltern sollten allerdings auch weitere Aspekte im Auge haben. Eine exzessive Mediennutzung kann beispielsweise auch eine Strategie gegen Stress sein. So können Videospiele mangelnde Erfolgserlebnisse in der Schule kompensieren. Das Gamen zu verteufeln, hilft in dieser Situation nicht weiter.

Wie sollten Eltern stattdessen reagieren?

Sie sollten nach dem Grund für die Mediennutzung suchen und sich fragen, ob sie alleine dem Spass dient oder – wie beim Beispiel mit dem Gamen – eine Funktion hat. Schwierigkeiten sollten angesprochen werden, auch wenn das für beide Seiten oft unangenehme Gespräche bedeutet. Es ist enorm wichtig, dass sich Eltern mit dem Medienkonsum ihrer Kinder auseinandersetzen und Interesse zeigen. Positives Interesse. Allzu oft müssen die Medien als Sündenbock herhalten.

Inwiefern?

In vielen Familien wird über die Mediennutzung hauptsächlich gestritten. Dabei geht es nicht nur darum, Regeln aufzustellen. Eltern sollten sich ehrlich dafür interessieren, wie ihre Kinder Medien nutzen. Nicht, indem sie heimlich nachsehen, sondern indem sie sich mit ihnen hinsetzen und darüber sprechen. Es sind ganz neue Blickwinkel möglich, wenn man sich einmal mit dem Sohn oder der Tochter vor den Bildschirm setzt und beispielsweise bei einem Videospiel mitmacht. Das spielt sich nämlich oft sehr viel herausfordernder als gedacht.

Klare Regeln für den Umgang mit Medien braucht es trotzdem?

Unbedingt! Ich bin gerade auch durch meine Arbeit als Therapeutin eine Verfechterin von Regeln für den Umgang mit Medien. Es braucht nicht allzu viele, dafür sollten sie konsequent umgesetzt werden. Und je früher Eltern mit Regeln beginnen, desto einfacher wird es, wenn die Kinder grösser werden. Auch Jugendliche sind rein von ihrer Entwicklung her noch nicht in der Lage, negative Konsequenzen der Mediennutzung einzuschätzen, und brauchen Leitplanken. Oft höre ich später, dass sie froh gewesen waren um solche Vereinbarungen. Jugendliche gehen besser mit ­Regeln um, wenn sie mitreden können. Für Verträge zur Mediennutzung gibt es sehr gute und einfache Vorlagen.

Wie können solche Regeln aussehen?

Das Wichtigste: Die Eltern haben eine grosse Vorbildfunktion. Natürlich gibt es Sachen, die Erwachsene dürfen und Kinder nicht, aber Kinder beobachten und übernehmen Verhaltensweisen. Haben Vater oder Mutter beim Essen das Handy auf dem Tisch und sind ständig erreichbar, können sie das den Kindern schlecht verbieten. Es lohnt sich sicherlich, handyfreie Zeiten zu vereinbaren. Das gemeinsame ­Essen kann ein Beispiel sein. Für kleinere Kinder kann es auch Sinn machen, nach dem Nachtessen ganz auf Bildschirmmedien zu verzichten. Eltern müssen sich oft selbst an der Nase nehmen und ihre Mediennutzung anpassen, wollen sie für die ganze Familie geltende Regeln vereinbaren.

Digitale Medien sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Bereits in der Gruppe der Jugendlichen besitzen 98 Prozent ein eigenes Smartphone. Wohin führt diese Entwicklung?

Ich bin überzeugt, dass im persönlichen Gebrauch der mobilen Geräte bald eine Sättigung erreicht sein wird. Das Bewusstsein für Offlinezeiten nimmt zu. Der Mensch braucht soziale Kontakte und nonmediale Aktivitäten. Dieses Bedürfnis ist da – in jedem von uns. Zudem zeigen unsere Studien, dass der Anteil der non­medialen Freizeitbeschäftigungen bei Jugendlichen seit 2010 stabil geblieben ist. Dass sich ­diese Zahlen überhaupt nicht verändern, hat uns zu Beginn doch etwas überrascht. Trotz Verbreitung des Smartphones haben das Treffen mit Freunden, die Zeit beim Sport oder der Musik noch immer den gleichen, grossen Stellenwert. Vor allem die Gespräche und das Zusammensein mit Freunden sind den Jugendlichen enorm wichtig. Daran hat sich trotz technischem Fortschritt in all den Jahren nichts geändert.

Erstellt: 20.05.2016, 20:57 Uhr

Tipps gegen Schlafprobleme

Bildschirmpause vor dem Zubettgehen: Die Ausschüttung des schlafanstossenden Hormons Melatonin wird durch die Blaulichtanteile der Bildschirme verzögert. Vor dem Schlafen sollte deshalb eine einstündige Bildschirmpause eingehalten werden.
Geräte ausschalten: Für einen ungestörten Schlaf sollten mobile Geräte ausgeschaltet oder in den Flugmodus (ohne WLAN) gestellt werden.
Handy nicht als Wecker nutzen: Anstelle des Handys wird besser ein herkömmlicher Wecker verwendet – so gibt es auch keinen Grund, das Gerät mit ins Zimmer zu nehmen.

Medienkonsum thematisieren: Bei Schülerinnen und Schülern, die während des Unterrichts nicht bei der Sache sind, sollte der Medienkonsum – insbesondere in den Abendstunden – zum Thema gemacht werden.

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