Musikfestwochen

Hymnen für Millenials

Die Kölner Band Annenmaykantereit hat die Steinberggasse am Freitag verführt. Mit einem unspektakulären Konzert. Aber genau so musste es sein.

Auf der Strasse ist Annenmaykantereit zuhause. Für die Zugabe kletterten sie in die Fenster eines Altstadthauses.

Auf der Strasse ist Annenmaykantereit zuhause. Für die Zugabe kletterten sie in die Fenster eines Altstadthauses. Bild: Enzo Lopardo

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Die Steinberggasse war brechend voll. Zuschauer standen sich lächelnd auf den Füssen, schrien sich ein Konzert lang textsicher in Nacken und Ohren. Annenmaykantereit bewies am Freitagabend an den Musikfestwochen: Sie treffen ein Lebensgefühl.

Die Aufwärmphase dauerte acht Takte Gitarrenakkorde. Gerade genug, dass jeder auf dem Platz den Song erkannte. Henning May, der Mann mit einer Stimme wie Katerstimmung in der WG-Küche, sang die ersten Silben, schon sang Winterthur mit: «Die Vögel scheissen vom Himmel, und ich schau dabei zu.» Der erste Song «Marie» des neuen Albums «Schlagschatten» und der erste Song des Konzerts.

Wie handgemachtes Sauerteigbrot

Annenmaykantereit, neben dem Sänger sind das die beiden Gründungsmitglieder Severin Kantereit an den Drums und Christopher Annen mit der Gitarre. Später kam der Bassist Malte Huck dazu und seit 2014 der Trompeter Ferdinand Schwarz. In Winterthur schallte der raue, lakonische melancho-Sound der Band von Fassaden und Pflastersteinen wieder. Das Konzert war auch gut, weil eine Strassenmusik-Band nunmal in Fussgängerzonen wie die Steinberggasse gehört. Dort ist sie zuhause.

Sie sind als Strassenmusiker angetreten, damals 2011 in Kölns Innenstadt, wurden von Youtubeklicks auf die grossen Bühnen gespült. Aber nie verloren haben sie: Die zeitlose Freiheit der Fussgängerzone. Und die demütige Spielfreude der Strassenmusiker mit Aufmerksamkeit.

Dabei verlief das Konzert eigentlich unspektakulär. Im bestmöglichen Sinne. Das Echtsein ist das Geheimnis gelungener Coolness. Annenmaykantereit beherrschen das. Kein Getue, kein Gehabe. Weder bei ihren Songs, noch bei ihnen selbst.

Die Songs funktionieren vielleicht auch deswegen auf der Bühne beinahe noch besser als auf Platte. Es sind Arrangements für klassischen Rock: für Bass, Schlagzeug, Gitarre, Gesang. Manchmal Klavier, öfter Trompete. Unspektakulär. Und dabei unverfälscht und unfälschbar wie handgemachtes Sauerteigbrot. Das fasziniert. Das Publikum bleibt dabei bis zum Schluss. Es starrt auf die Bühne, als ob, wenn man nur lange genug hinschaut, etwas von dem gesehen werden kann, was man sucht. Genau davon handeln auch die Texte der Band, vom Verlorenhaben, Wiederfinden und was in beiden Fällen bleibt: die Liebe. Die Menschen der Steinberggasse singen fast jedes Wort des ganzen Konzerts mit.

Ein letzter Gänsehaut-Moment

Die Songs von Annenmaykantereit sind Hymnen. Nicht wegen den teilweise ziemlich eingängigen Refrains. Sondern weil das diffuse Gefühl zwischen den Zeilen punktgenau trifft. Es sind Songs für die Generation Praktikum, für Suchende zwischen zwanzig und fünfundreissig, Millenials. «Dann bist du 21, 22, 23 – du kannst noch gar nicht wissen was du willst. Dann bist 24, 25, 26, - und du tanzt nicht mehr wie früher», singen sie.

Vielleicht auch deswegen vermisst man keine grossen Ansagen, der Dialog mit dem Publikum passiert über die Musik. Beim Dankesagen verrät der Sänger Henning May, eines der ersten Konzerte der Schweiz sei an den Musikfestwochen Winterthur gewesen. 2014, die ersten grossen Auftritte der Band, sie seien am Morgen in der Früh in Köln losgefahren. Es habe geregnet, das Konzert war grossartig.

Das Konzert der Musikfestwochen 2019 beenden die Kölner nicht auf der Bühne, Henning May lehnt sich aus dem zweiten Stock der Steinberggasse 37 und singt «wenn du nicht mehr weisst wohin...» Und die Steinberggasse antwortet: «Komm zu mir.» Neben ihm, rittlings auf dem Fenstersims, spielt Ferdinand Schwarz Trompete dazu. Unspektakulär einfach, trotzdem ein letzter Gänsehaut-Moment.

Erstellt: 18.08.2019, 18:10 Uhr

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