Interview

«Ich wurde verspottet, lächerlich gemacht»

Christoph Blocher hält am 2. Januar einen Vortrag zu Winterthurer Persönlichkeiten in der Eulachhalle. Mit seinen umstrittenen historischen Reden will der SVP-Stratege gegen das Geschichtsbild der «linken Gelehrten» ankämpfen.

Alt-Bundesrat Christoph Blocher in seinem Wohnzimmer in Herrliberg: «Die Mehrheit hat nicht immer recht.»

Alt-Bundesrat Christoph Blocher in seinem Wohnzimmer in Herrliberg: «Die Mehrheit hat nicht immer recht.» Bild: Moritz Hager

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Am 2. Januar halten Sie Ihre mittlerweile traditionelle Rede am Berchtoldstag, diesmal in Winterthur. Sie reden über die Gebrüder Sulzer, Jonas Furrer und Oskar Reinhart. Das tönt wenig spektakulär. Gibt es eine Rede ganz ohne Provokationen?
Christoph Blocher: Provokationen sind manchmal nötig, haben aber nicht Selbstzweck. Ich habe diese grossen Winterthurer gewählt, auch weil ich eine innere Beziehung zu ihnen habe. Wie die Gebrüder Sulzer bin ich Industrieller. Wie Jonas Furrer war ich Bundesrat. Und wie Oskar Reinhart sammle ich Kunst.

Sie reden in der Eulachhalle. Wie viel Publikum erwarten Sie?
Bisher kamen an diese Vorträge jeweils zwischen 500 und 1400 Personen. Am meisten waren es in Wattwil im Jahr 2013, als ich über Zwingli und den «armen Mann im Tockenburg» sprach. Damals rechneten wir mit 700 Zuhörern. Es kamen dann 1400. Ein Metzger hatte Hörnli, Ghackets und Apfelmus vorbereitet. Er verwarf die Hände: «Herr Blocher, jetzt sind es doppelt so viele Leute. Es kann bis zwei Stunden dauern bis ich für die anderen auch gekocht habe». Ich erwiderte: «Machen Sie das, ich rede, bis Sie fertig sind!»

Reden Sie in Winterthur auch zwei Stunden?
Nein, nein, in der Regel dauert der Vortrag eine Stunde.

Aber Ghackets und Hörnli gibt’s auch in Winterthur?
Nein, es gibt Wintiwurst, Sauerkraut und Kartoffeln. Es soll genug haben für alle.

Kommen Sie auch nach Winterthur, um vor grossem Publikum für die Regierungsratskandidatur der Winterthurerin Natalie Rickli Wahlkampf zu machen?
Nein, das hat sie nicht nötig. Die Berchtoldstag-Reden sind keine tages-politischen Veranstaltungen. Ich habe sie eingeführt, weil man den Leuten nach den völlerischen Festtagen etwas Geistiges bieten sollte. Der Saal ist immer voll. Diese Vorträge entsprechen offenbar einem Bedürfnis.

«Die SVP lanciert nur Initiativen, bei denen sie im positiven wie im negativen Fall gewinnt. Man muss Figgi und Müli haben.»

Gegen eine Ihrer historischen Reden, kürzlich in Uster, gab es Protest. Sie haben dort den Soldaten gedankt, die während des Landesstreiks 1918 gedient haben. Warum mögen sie es so, zu provozieren?
Ich provoziere nicht gerne! Aber manchmal muss man es in Kauf nehmen.

Warum?
Provozieren kommt von «provocare», lateinisch heisst das «hervorrufen». Manchmal braucht es das. Die meisten heutigen Historiker an den Universitäten sind links. Am deutlichsten sah man dies beim 100-Jahr-Jubiläum des Landesstreiks. Die Linken haben es fertig gebracht, diesen als harmlose Veranstaltung zu glorifizieren, gegen die man 200 000 Soldaten eingesetzt hat. Da fragte ich mich: Waren unsere Väter und Vorväter im Bundesrat und der Zürcher Regierung solche Unmenschen? Ich liess es abklären und kam zum Schluss: Die Verantwortlichen, die diesen Streik inszeniert hatten, wollten am Jahrestag der russischen Revolution einen Umsturz in der Schweiz. Sie riefen zu Gewalt auf, und schrieben von «offenem Bürgerkrieg». Darum musste man die Armee aufbieten.

Historiker werfen Ihnen Geschichtsklitterung und Schludrigkeit vor. Deuten Sie die Geschichte so um, dass es ins Bild der SVP passt?
Keiner hat mir eine Klitterung und Schludrigkeit nachgewiesen. Nachweisbar hat hingegen Nationalrat Grimm 1918 zu einem Umsturz aufgerufen.

Sie titulieren Ihre Kritiker als «Linksintellektuelle», manchmal sogar als «Kommunisten», auch wenn Sie wissen, dass das übertrieben ist.
Was ist da falsch? Beim wortführenden Geschichtsprofessor in Zürich handelt es sich um einen Marxisten.

Meinen Sie etwa Professor Jakob Tanner?
Ja, der. Und dem soll nicht widersprochen werden?

Geschichte zu deuten, steht jedem frei. Wenn Sie aber die Deutungshoheit für sich in Anspruch nehmen und andere Meinungen lächerlich machen, dann ist das keine offene, demokratische Debatte. Oder doch?
Die Deutungshoheit nehmen andere in Anspruch. Die Gelehrten machen sich über Leute ausserhalb ihrer «Zunft», die sich mit Geschichte befassen, lächerlich.

Sie bezeichnen sich selbst als Laien. Die Manuskripte ihrer Reden sehen aber aus wie Universitätsarbeiten. Es wird gemunkelt, dass Christoph Mörgeli Ihnen diese Reden schreibt. Ist da etwas dran?
Nein, meine Reden sind meine Reden und nur ich schreibe sie. Aber selbstverständlich ziehe ich Leute bei, die die Fakten – historischer und fachlicher Art – zusammentragen und überprüfen. Dazu gehört auch Christoph Mörgeli, ein hervorragender Historiker, den die linken Geisteswissenschaftler auf übelste Art aus der Uni hinausgemobbt haben.

Also ganz selbst schreiben sie diese historischen Reden nicht?
Ich schreibe jede Rede am Schluss selber. Kommen Sie am 2. Januar und hören Sie zu. Dann werden Sie merken, dass das die Rede des Redners ist!

Alt-Bundesrat Christoph Blocher. Bild: Moritz Hager

Sie alleine gegen die anderen. Warum gefällt Ihnen diese Ausgangslage so gut?
Es gefällt mir nicht, aber manchmal muss man auch etwas tun, wenn man allein ist. Oft spreche ich aus, was viele Leute denken, aber sich nicht getrauen, es offen zu sagen, weil sie nachher Verunglimpfungen, Verspottung, Verfehlungen ausgesetzt sind. Schon bei der Europa-Abstimmung im Jahr 1992...Wie alt sind Sie?

Jahrgang 1975.
…dann waren Sie damals ja noch nicht einmal stimmberechtigt… Der politische Hauptkampf in meinem Leben war es, dafür zu sorgen, dass die Schweiz nicht der EU beitritt. Anfang 1992 stand ich mit dieser Meinung alleine. Und wurde verunglimpft, verspottet, lächerlich gemacht und verfolgt. Alles was Rang und Namen hatte, verkündete, wenn wir Europa nicht beitreten, verhungern wir in der Schweiz über kurz oder lang. Aber am Schluss hat sich die Mehrheit der Bevölkerung bei 80 Prozent Stimmbeteiligung für die Unabhängigkeit entschieden. Heute stehen wir leider wieder vor derselben Schicksalsfrage...

Die Mehrheitsverhältnisse waren bei der letzten Abstimmung aber ganz anders: Über 66 Prozent sagten Nein zur Selbstbestimmungsinitiative der SVP.
Und? Dann gilt das. Leider hat die Mehrheit so entschieden. Aber die SVP lanciert nur Initiativen, bei denen sie im positiven wie im negativen Fall gewinnt. Bei einem Ja profitiert die Schweiz, bei einem Nein die Partei. Es ist wie beim Brettspiel: Man muss Figgi und Müli haben!

Profitiert die SVP auch bei einer so deutlichen Niederlage wie bei der Selbstbestimmung?
Bei dieser Abstimmung sowieso. Was die Mehrheit beschliesst, muss gelten. Aber die Mehrheit hat nicht immer Recht. Schauen wir die Weltgeschichte an. Wie war das in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg? War am Schluss in manchen Ländern nicht die Mehrheit auf der Seite Hitlers?

Jetzt vergleichen Sie sich und die SVP wieder mit dem Widerstand gegen die Nationalsozialisten...
Das nicht. Aber die Gefahr besteht, zu allen Zeiten, dass Leute nur wegen anderer Meinung verunglimpft werden. Darum muss man aufpassen. «Kauft nicht bei Juden», hiess es damals. «Ein Christ kann nicht SVP wählen.» Das sagt Franziska Driessen, die oberste Katholikin von Zürich heute. Eine Anmassung sondergleichen. Sie spricht gleichsam als Gott und verurteilt.

Solche Debatten zeigen doch: Die Meinungsfreiheit blüht in der Schweiz.
Sie besteht. Aber blühen ist übertrieben. Wenn man eine andere Meinung als die Mainstream-Medien hat, zu denen auch der «Landbote» gehört, dann bekommt man das zu spüren.

Apropos «Landbote»: Den wollten sie einmal kaufen?
Viele Modelle sind herumgeschwirrt, auch der Tausch von «Landbote» mit «Basler Zeitung». In der notleidenden Zeitungsbranche hat schon jeder mit jedem über jede mögliche Konstellation gesprochen.

Wurden sie im Fall des «Landboten» einmal konkret angefragt?
Das müssen Sie meine Sache sein lassen.

Sie haben jetzt einen Grossverlag aufgebaut mit 25 Gratiszeitungen, darunter auch die «Winterthurer Zeitung». Welche Strategie verfolgen sie da?
Mir ist die Medienvielfalt wichtig, die eben auch eine Verlagsvielfalt sein muss. Wenn alle Zeitungen demselben Verleger gehören, ist das doch keine richtige Vielfalt mehr. Und die Vereinheitlichung im nationalen und internationalen Bereich ist wohl eine ökonomische Notwendigkeit, aber ein Verlust. Jetzt steht dann sogar in der «Basler Zeitung» dasselbe wie im «Tagi» und im «Landboten».

«Die oberste Katholikin Zürichs spricht gleichsam als Gott und verurteilt.»

Warum haben Sie die «Basler Zeitung» denn abgegeben?
Sie hatte alleine wirtschaftlich keine Überlebenschance. Es ist leider so. Aber ich glaube, im Lokalen lässt sich etwas machen. Je globaler die Welt wird, desto mehr interessieren sich die Leute für ihre Heimat. Sie interessiert, was vor der Haustür passiert. Zum Beispiel die Frage: Was hatten wir für bäumige Menschen in Winterthur? Dazu leiste ich mit meiner Rede am 2. Januar einen Beitrag. In diesem lokalen Bereich sind wir mit unseren 25 Gratisanzeigern jetzt gut aufgestellt – mit rund 800 000 Lesern wöchentlich.

In Winterthur gab es Proteste nach Ihrem Zeitungskauf...
Selbstverständlich! Linken kann das nicht passen.

Sie grinsen. Freut Sie das sogar?
Nein. Aber es zeigt, wie die Linken denken. Ich habe noch nie gegen das Erscheinen einer linken Zeitung protestiert.

Reden wir noch übers Geld: Laut der Goldenen Bilanz mit den 300 reichsten Schweizern hat die Familie Blocher von elf Milliarden Franken Vermögen eine Milliarde eingebüsst.
Vielleicht sogar mehr. Wie bei allen Unternehmern besteht auch unser Vermögen nicht aus Geld, sondern aus dem Wert der Unternehmen. Der Wert der Firmen schwankt, das gehört zum Geschäft, aber es ist immer das gleiche Unternehmen. Wertgewinne und -verluste spüren Sie erst beim Ausfüllen der Steuererklärung.

Sind Sie gerne reich?
Nein.

Warum nicht?
Reichtum als Selbstzweck hat keinen Sinn. Der gute Unternehmer wird reich, weil das Unternehmen viel wert ist. Darum freut es mich, wenn unsere Firmen einen hohen Wert haben. Nicht wegen des Reichtums.

Trotz ihres riesigen Vermögens und ihrer schönen Villa hier in Herrliberg haben Sie es immer geschafft, dass die Leute Sie nicht als Bonzen wahrnehmen. Gibt es da einen Trick?
Ach was! Wieso soll ich jetzt ein Bonze werden, nur weil die Firmen viel wert sind? Ich wollte Bauer werden, hatte aber leider keinen Hof. Wie das Leben so spielt, wurde ich Unternehmer. Aber ich bin doch noch derselbe, wie damals als Lehrling im Zürcher Weinland, der auf dem Acker Härdöpfel aufgelesen hat.

Was steht denn auf Ihrer Weihnachts-Wunschliste?
Normalerweise nichts. Dieses Jahr sind aber zwei CDs erschienen, mit Originalaufnahmen von Karl Barth, einem Theologen, mit dem ich mich gerne beschäftige. Auch er war so ein unmöglicher Provokateur und Einzelkämpfer.

Und was sind Ihre Neujahrsvorsätze fürs Wahljahr 2019?
Mein Vater hat mich gelehrt: «Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.»

Erstellt: 23.12.2018, 16:57 Uhr

Rede in Winterthur

Christoph Blochers diesjährige Berchtoldstags-Rede in Winterthur trägt den Titel «Eine Würdigung von Winterthurer Persönlichkeiten und ihre Bedeutung für die heutige Schweiz» und dreht sich um die Gebrüder Sulzer, Jonas Furrer und Oskar Reinhart. Organisiert wird der Anlass von der Winterthurer SVP.

Berchtoldstags-Veranstaltung in der Eulachhalle, 2. Januar, 10.30 Uhr (Türöffnung 9.30 Uhr). Eintritt frei. Shuttlebus ab Hauptbahnhof.

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