Winterthur

«Ideologien, welcher Couleur auch immer,sind nicht mein Ding»

Silvia Livio ist eine Fernsehlegende. Die ersten Jahre wuchs sie in Winterthur auf, wo sie heute wieder wohnt. Seit sie pensioniert ist, dreht sie nur noch Filme nach ihrem Gusto. Und aus Tierliebe hat sie kürzlich Kalbsbratwürste wieder zurück ins Regal gelegt.

Mit ihrer Kamera dreht Silvia Livio heute essayistische Filme nach ihren eigenen Vorstellungen.

Mit ihrer Kamera dreht Silvia Livio heute essayistische Filme nach ihren eigenen Vorstellungen. Bild: Nathalie Guinand

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer Silvia Livio trifft, fragt sich womöglich: Kenne ich das Gesicht nicht von irgendwoher? Kann gut sein, denn von 1976 bis 1986 war sie Ansagerin beim Schweizer Fernsehen. Später stand sie als Moderatorin bei 3sat im Scheinwerferlicht und als Produzentin und Redaktorin hinter den Kulissen. Ihre 70 Jahre sieht man ihr nicht an, sie ist immer noch eine attraktive, gut ausssehende Frau, die Ruhe und Charme ausstrahlt. Man kann sich vorstellen, dass sie bei den Zuschauern sehr gut ankam.

«Das Fernsehen als Medium hat mich fasziniert.»Silvia Livio

Vor ihrer TV-Karriere hatte die gelernte Buchhändlerin eine Schauspielausbildung gemacht, am Konservatorium in Bern. «Das Fernsehen als Medium hat mich fasziniert.» Sie schrieb deshalb eine Bewerbung und wurde gleich angenommen. «Ich war überglücklich.» Anfangs wurde sie als Produktionsassistentin in der Abteilung Information eingesetzt. «Aber als gelernte Schauspielerin reizte mich natürlich auch die Arbeit vor der Kamera.» Bald durfte sie als eine der ersten Frauen die Regionalnachrichten lesen. Das sei damals eine Sensation gewesen, sodass das ZDF sogar einen Beitrag gedreht habe, erzählt Silvia Livio.

Während es bei der SRG heute keinen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Journalisten zu geben scheint, tickte die Fernsehwelt Anfang der 1970er-Jahre noch anders. «Frauen wirken inkompetent, wenn sie einen politischen Kommentar sprechen, hiess es damals», sagt sie. Die Ansagerinnen sassen hübsch zurechtgemacht hinter einem Pult und lasen einen Text vor, den sie selber auf der Schreibmaschine verfasst hatten. «Damals gab es noch keinen Teleprompter.» Abgesehen von einer Pause zum Abendessen blieben sie im Studio, während die Sendungen liefen. Zum Sendeschluss wurden dann die Zuschauer mit netten Worten in die Nacht verabschiedet.

Das Fernsehen, das damals noch ausschliesslich eine Sache öffentlich-rechtlicher Art war, spielte in der Gesellschaft eine wichtige Rolle. Manchmal hätten Zuschauer sie und ihre Kolleginnen im Studio angerufen und ihre persönlichen Probleme geschildert: «Wie bei der Dargebotenen Hand», erinnert sich Silvia Livio. Auch war damals nicht allen Zuschauern klar, dass TV eine einseitige Kommunikationsart ist. Einmal habe eine Zuschauerin nach einer Sendung der «Rundschau» Heiner Gautschy angerufen und sich dafür entschuldigt, dass sie im Morgenrock vor dem Fernseher gesessen habe.

Neben ihrem Job als Ansagerin stellte Silvia Livio früh die Weichen und fing an, fürs Fernsehen auch Beiträge zu realisieren, erst für die Sendung «Frau 84» und später auch für die «Kulturzeit» auf 3sat. Als die Privatsender 1984 erstmals über Satellit auf Sendung gingen, reagierten die öffentlich- rechtlichen Sendeanstalten der deutschsprachigen Länder darauf, indem sie mit 3sat einen ebenfalls über Satellit verbreiteten Sender gründeten. Hier arbeitete Silvia Livio ab 1987 als Redaktorin und Moderatorin des Magazins «Bilder aus der Schweiz». Darin versuchte sie mit bearbeiteten Beiträgen des Schweizer Fernsehens und Eigenproduktionen die Deutschen und die Österreicher für das Leben der Schweiz zu interessieren.

Heute sei der europäische Gedanke bei 3sat nicht mehr so präsent wie in den 80er- und frühen 90er-Jahren. Damals produzierte 3sat das «Intercity-Magazin» aus Berlin, Wien und Zürich, als dessen Moderatorin Silvia Livio regelmässig nach Berlin reisen musste. «Das war aufregend und spannend, besonders zur Zeit des Mauerfalls.»

«Meine Arbeit habe ich immer als vermittelnd und dienend verstanden»

Als sie 2013 in den Ruhestand ging, hat sie sich eine semiprofessionelle Kamera und einen Schnittplatz für daheim angeschafft. Damit realisiert sie jetzt essayistische Filme, ganz nach ihren Vorstellungen. Vor allem kulturelle und philosophische Themen sprechen sie an. «Unter Produktionsdruck hat man ja immer zu wenig Zeit.» Einen Film mit dem Titel «Zwischenhalt» hat sie schon fertiggestellt.

«Meine Arbeit habe ich immer als vermittelnd und dienend verstanden», erzählt sie. Das heisse jedoch nicht, unkritisch und distanzlos zu sein. «Ich verstehe Dienen generell als Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.» Beim Dienen sei man nicht so selbstbezogen: «Es öffnet die Ohren und weitet den Blick.» Aus diesem Gedanken war sie auch Gründungsmitglied des Serviceclubs Kiwanis Winterthur Stadt.

Das Wohl der Tiere liegt ihr neben dem Filmen ebenso am Herzen. Sie würde gern einen Ort schaffen, an dem Kinder Patenschaften für Tiere übernehmen können. «Die Kinder sollen eine Beziehung zu Tieren aufbauen können, das tut beiden gut.» Sie stehe schon in Kontakt mit dem Winterthurer Tierschutzverein. Nach dem Tod ihrer alten Katze verzichtet sie allerdings auf ein eigenes Tier: «Man ist doch zu stark angebunden.»

Unter Tierliebe verstehe sie auch nicht die Vermenschlichung von Tieren, sondern einen respektvollen Umgang mit ihnen. Aus diesem Grund esse sie nur noch sehr selten Fleisch: «Das hat vor allem mit Mitgefühl zu tun und nicht mit einer Ideologie. Ideologien, welcher Couleur auch immer, sind nicht mein Ding.» Diesen Sommer habe sie einmal Kalbsbratwürste für eine Grillparty im Einkaufskorb gehabt. Als sie an der Kasse warten musste, habe sie Bilder von herzigen Kälbern vor Augen gehabt: «Ich musste die Würste ins Regal zurücklegen.» (Der Landbote)

Erstellt: 09.09.2018, 17:59 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare