Zum Hauptinhalt springen

Im Bauch des Bahnhofs

Damit im Stadttor täglich frische Luxemburgerli und Sushi-Rollen verkauft werden können, gibt es unter dem Bahnhofsplatz ein Stollensystem. Das Tor zur Unterwelt öffnet sich täglich dann, wenn keine Pendler unterwegs sind.

Der Boden des Bahnhofsplatzes hebt sich und ein Warenlift erscheint.
Der Boden des Bahnhofsplatzes hebt sich und ein Warenlift erscheint.
Johanna Bosshart
Lucio Buttinoni ist der Hauswart des Hauptbahnhofs und unser Führer im Untergrund.
Lucio Buttinoni ist der Hauswart des Hauptbahnhofs und unser Führer im Untergrund.
Johanna Bosshart
Die zwei grossen Eisspeicher werden nachts gefüllt und entlasten die Kühlanlage. An heissen Tagen sind sie um 15 Uhr leer.
Die zwei grossen Eisspeicher werden nachts gefüllt und entlasten die Kühlanlage. An heissen Tagen sind sie um 15 Uhr leer.
Johanna Bosshart
1 / 10

«Das ist unsere Lebensader», sagt Lucio Buttinoni. Der Hauswart drückt einen Knopf und der Boden hebt sich. Aus dem Granitplatten des Bahnhofsplatzes wächst ein Turm empor, vier Meter hoch und so gross wie ein Kinderzimmer. Ein Warenlift.

Er beliefert den wohl bestbesuchten Supermarkt der Stadt, den Coop im Untergeschoss des Stadttors. Fünf Tonnen kann er bewegen. Wenn er ausfällt, und für kleine Lieferungen zwischendurch, gibt es direkt neben dem Restaurant Jack&Jo noch eine zweite, viel kleinere Liftkabine.

Angeliefert wird von neun bis elf und von zwei bis vier, also dann, wenn weniger Pendler unterwegs sind. Doch wo fahren diese Lifte hin? Buttinoni und Michael Beck, Immobilienbewirtschafter des Bahnhofs Winterthur, führen uns eine steile Treppe hinab unter dem Bahnhofsplatz.

Ein erstes Zwischenlager steht dort voll mit Paletten voller Weinkartons, Konserven und leeren Plastikgebinde, aber auch frisch eingetroffene Waren wie Basilikum und Zitronentörtchen. An der Steckdose schläft ein elektrischer Gabelstapler.

Mülltrennung muss sein

Im Recyclingraum nebenan läuft gerade die halbstündige Schicht von Hauswarts-Lehrling Sascha Pfenninger. Er nimmt die Abfälle der eingemieteten Läden entgegen und wägt sie. Dann landen sie in der Karton- oder Müllpresse, Glas, PET und Alu werden aussortiert. «So können wir die Nebenkosten exakt abrechnen», sagt Buttinoni.

Der lange Gang ist gesäumt von den Hintertüren der Stadttor-Geschäfte. Vor dem «Sprüngli» stehen Gebäckkisten - leider leer! Durch eine halboffene Tür ist die kleine Küche des Caffé Spettaccololo zu sehen, dann endet der Gang im Hinterbau der Coop-Filiale. Dort hat es Kühl- und Tiefkühlräume, grosse Heissluftöfen für Gebäck und einen Pausenraum für die Mitarbeiter.

Eisspeicher für kühle Luft

Einen Stock tiefer, rund sieben Meter unter dem Bahnhofsplatz, ist das Reich der Haustechnik. Schon fast kompakt sind die zwei Gasbrenner der Heizung, viel voluminöser die Kühltechnik. Sie füllt einen ganzen Raum, und davor stehen zwei silbrig glänzende Tanks, so dick, dass es fünf Leute bräuchte, sie zu umarmen. Der Gedanke ist verlockend, sie sind nämlich schön kühl. «Eisspeicher», sagt Lucio Buttinoni. Sie funktionieren wie Boiler, nur umgekehrt: Nachts werden sie mit Eis gefüllt, tagsüber zieht die Kühlanlage von der gespeicherten Kälte. In der Regel reicht das für den ganzen Tag, an Hochsommertagen zumindest bis drei Uhr nachmittags.

Bewegt wird die Raumluft von mannshohen, leise brummenden Lüftungsanlagen. Viermal wird die Luft gefiltert, bis sie ins Gebäude strömt und die Abluft strömt durch einen Wärmetauscher. Nicht nur die Luft wird behandelt, auch das Abwasser: Im gleichen Stock ist ein Fettabscheider installiert, so gross wie ein Kleinwagen. Er gehört zum chinesischen Restaurant, dessen Wok-Abwässer sonst die Leitungen verkleben würden.

Trotz der soliden Betonbauweise haben wir perfekten Handyempfang. «Wir müssen immer erreichbar sein», sagt Buttinoni, der seinen Tablet-Computer immer im Blick hat. Störfälle seien allerdings selten, die Technik funktioniere solide. Auch das Sprinklersystem habe er noch nie in Aktion gesehen. Er klopft auf Holz.

Die Unterwelt schrumpft

Vorbei am grossen Warenlift gelangen wir ins Untergeschoss des alten Bahnhofsgebäudes, das im SBB-Jargon Aufnahmegebäude heisst. Auch hier gibt es lange weisse Gänge, Lagerräume und die Rüst- und Spülküche des früheren Bahnhofsbuffets (heute Jack&Jo). Versteckte Schätze aus der goldenen Eisenbahnzeit lagern hier keine und auch die Weichensteuerungen sind heutzutage in den Obergeschossen. Bald wird diese Unterwelt noch etwas kleiner: Damit die Fussgänger- und Veloquerung Nord Platz hat, werden die nördlichsten Lagerräume angehoben und verkleinert.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch