Winterthur

Immer einen Plan B in Reserve

Renato Mathys hat in seinem Berufsleben schon viele Stationen durchlaufen. Er schätzt das durchlässige Bildungssystem und strebt nach mehr. «Das kann noch nicht alles sein» ist einer seiner Lieblingssätze.

Ständiger Wunsch nach Veränderung: Renato Mathys hat nicht nur einen Plan A und B.

Ständiger Wunsch nach Veränderung: Renato Mathys hat nicht nur einen Plan A und B. Bild: Andreas Gemperle

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Sein Traumberuf war Lokomotivführer. Darum schnupperte Renato Mathys nach der Oberstufe als Elektromonteur. Dies sei gut, wenn man später als Bahnführer arbeiten wolle, sagte man ihm. Nur, die Schnupperlehre gefiel ihm, und auch eine zweite war nicht besser, und so entschied er sich für das 10. Schuljahr. «Auch weil ich gerne zur Schule ging», wie er rückblickend sagt.

Aus diesem Jahr hat er vor allem eine Erkenntnis mitgenommen: «Man muss neben dem Plan A immer einen Plan B haben, eventuell sogar ein Plan C.» Die Ausbildung zum Maschinenmechaniker bei der Rieter AG in Winterthur gefiel ihm gut. Aber lebenslang nur diesen Job zu machen war nicht sein Ding. «Es muss doch noch mehr geben», sagt Mathys ein erstes Mal. Er wird diesen Satz während des Gesprächs noch einige Male wiederholen.

Ein Leben für die Feuerwehr

1993 trat er in die Milizfeuerwehr Winterthur ein. Und so kristallisierte sich ein neues Ziel heraus: Feuerwehrmann. Am liebsten als Job und Hobby. Doch nach der Lehre wechselte er zuerst in die heutige Stiftung Altra in Schaffhausen. Zwei Jahre war er Werkstatt-Gruppen-Leiter im Behindertenheim. Diese Zeit habe ihn geprägt, sagt Mathys. Er war plötzlich unsicher, ob Feuerwehrmann das Richtige für ihn sei. Aber ausgerechnet die ihm anvertrauten Werkstatt-Mitarbeiter im Heim bestärkten ihn wieder in seinem Entschluss. Die Welt brauche Feuerwehrmänner dringender , hätten sie gesagt.

Also wechselte Mathys zur Berufsfeuerwehr Zürich. Auf der heutigen Wache Süd absolvierte er den betriebsinternen dreimonatigen Lehrgang und wurde Feuerwehrmann. Seinen Lebensplan A hatte er im Alter von 24 Jahren erreicht.

Feuerwehrmann war zu dieser Zeit noch kein geschützter Beruf. Verschiedene Berufsfeuerwehren trieben deshalb in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Feuerwehrverband die Berufsanerkennung voran und stellten beim Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) einen Antrag zur Anerkennung. Danach konzipierte Mathys zusammen mit seinem Vorgesetzten den Berufsfeuerwehr-Lehrgang im Auftrag der Höheren Fachschule .

Fortan arbeitete er zu 70 Prozent als Feuerwehrmann und zu 30 Prozent als Lehrgangsleiter-Stellvertreter im Berufsfeuerwehr-Lehrgang an der Höheren Fachschule für Rettungsberufe (HRFB). Dabei half ihm die Ausbildung zum Erwachsenenbildner, welche er parallel zu seiner Berufstätigkeit absolvierte und 2007 abschloss. Das Ausbilden und Coachen von Erwachsenen bereitete ihm so viel Freude, dass zu seinen Plänen A und B, Feuerwehrmann und Sozialarbeiter, noch Plan C hinzukam: Erwachsenenbildner.

Klavierstunden mit der Tochter

Seine Arbeitszeiten, immer 24 Stunden am Stück, gefolgt von 48 Stunden Pause, ermöglichen es ihm, lassen ihm viel Spielraum für seine Hobbys. Seine eigene Firma für Personal- und Organisationsentwicklung ist eines davon. Allerdings übernimmt er nur zwei bis drei Aufträge pro Jahr. Denn auch Renato Mathys hat keine Energie ohne Ende. Mittlerweile weiss er jedoch genau, wie viel er sich abverlangen kann und jongliert gekonnt mit seinen Reserven.

Ein Seminar zum Thema Burn-out habe ihm die Augen geöffnet. Er investiert nun mehr Zeit in die Familie und den Garten. Zusammen mit seiner Tochter lernt er Klavier spielen und unterstützt sie in der Berufswahl. Er hat dafür einen Elternkurs im Berufsinformationszentrum besucht. Und er weiss aus eigener Erfahrung, dass die erste Wahl nicht unbedingt die letzte ist. «Es gibt immer einen zweiten Weg, auch wenn einmal etwas nicht klappt.»

Im Jahr 2009 wechselte Mathys von der Berufsfeuerwehr Zürich nach Winterthur. Bei «Schutz und Intervention» hatte er die Möglichkeit, ein 14-köpfiges Team zu leiten. «Es ist die Entscheidungsmöglichkeit, die ich schätze, nicht die Macht», sagt Mathys. Die Stelle in Winterthur war ein beruflicher Aufstieg, aber auch ein Gewinn an Lebensqualität, weil das Pendeln wegfiel. Ihm blieb etwas extra Zeit und Energie, die er nutzte, um einen CAS in Public Management an der ZHAW zu absolvieren.

Mathys wäre nicht Mathys, wenn er nicht schon eine erneute Veränderung anstreben würde. Gegenwärtig absolviert er die Ausbildung zum Führungsfachmann in Rettungsorganisation, ein Lehrgang, der zum ersten Mal durchgeführt wird. Per 2017 tritt er voraussichtlich die Stelle als Abteilungsleiter Berufsfeuerwehrwache Süd in Zürich an. Er kehrt damit an seine Ausbildungsstätte zurück — als Chef.

Erstellt: 15.06.2016, 15:23 Uhr

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Vom 20. bis 22. Juni findet in Winterthur der zweite internationale Berufsbildungskongress statt mit prominenten internationalen Gästen. Alle Infos unter www.vpet-congress.ch.

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