Start-up

In sieben Tagen von der Idee zum Produkt

Im Sulzer-Areal versuchen zwei Studenten-Teams innert einer Woche eine fertige Geschäftsidee zu entwickeln. Angeleitet werden sie von einer ehrgeizigen Winterthurer Beratungsfirma. Ihre Mission: Schweizer KMU sollen innovativer werden – und viel schneller.

Red Bull, Schnupf und wenig Schlaf: Doch am vierten Tag ist bei Marc Willhaus, Jan Sturm und François Glur von Müdigkeit keine Spur. Auf dem Tisch steht der vierte Prototyp ihres Kompostkübels.

Red Bull, Schnupf und wenig Schlaf: Doch am vierten Tag ist bei Marc Willhaus, Jan Sturm und François Glur von Müdigkeit keine Spur. Auf dem Tisch steht der vierte Prototyp ihres Kompostkübels. Bild: Marc Dahinden

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Es ist zwei Uhr nachmittags und Marc Willhaus macht sich ein Red Bull auf. «Das erste des Tages», versichert der 26-Jährige. Mit seinen Mitstudenten Jan Sturm und François Glur (beide 24) schiebt er lange Tage, und das in seinen Semesterferien: «Um sieben Uhr fangen wir an und vor neun Uhr abends packen wir nicht zusammen.» Das Dreierteam der Fachhochschule Rapperswil eint ein ehrgeiziges Ziel: in sieben tagen von einer GeschäftsIdee zum fertigen Produkt zu kommen, samt Businessplan und Website. Jetzt ist Halbzeit.

Der hygienische Kompostkübel

Die Sprint Week findet im Dachgeschoss einer alten Sulzer-Halle statt, im Zentrum für Produkt- und Prozessentwicklung der ZHAW. An den Wänden reihen sich 3-D-Drucker und Lasercutter, welche die Kursteilnehmer benützen dürfen. Das erweist sich als äusserst nützlich. Willhaus zeigt den Prototyp ihres Produkts vor: eine Art Holzkiste, präzis gefertigt aus lasergeschnittenen Spanplatten. Wenn das Produkt fertig ist, soll es die Antwort auf ein ungelöstes Alltagsproblem sein: den stinkigen, klebrigen Kompostkübel. Rüstabfälle fallen in einen kompostierbaren Sack. Per Knopfdruck klappt der Boden des Kübels auf wie eine Falltür und der Sack fällt heraus – ein Auswaschen ist nicht mehr nötig. Es ist bereits der dritte Prototyp. Besonders der Klappmechanismus braucht Tüftelei. Hier profitieren die drei Wirtschaftsingenieurstudenten von ihrer Erstausbildung: Sturm ist gelernter Konstrukteur, Glur Automatiker.

Lernen von Grosskonzernen

Organisiert hat den Workshop Christoph Meili von der Firma Company Factory. Der smart gekleidete 33-Jährige war Unternehmensberater und in den letzten zwei Jahren in der Softwarebranche tätig. Mit Company Factory, im September in Allschwil gegründet, hat er ein anderes Ziel: «Wir wollen KMU ermöglichen, an der digitalen Transformation teilzunehmen.»

Die Märkte verändern sich viel schneller als früher, dank der Digitalisierung kommen neue Produkte rascher auf den Markt und Grossfirmen wie Amazon und Alibaba dominieren den Onlinehandel. Grosskonzerne haben längst damit angefangen, sich kleine Start-ups zu halten, flexible Teams, die abseits des Kern­geschäfts neue Produkte austüfteln. Dabei setzen sie neueste Technik ein, zapfen das Wissen der Hochschule an und nutzen moderne Entwicklungsmethoden wie das sogenannte Design Thinking.

Ein Start-up auf Bestellung

Bei den KMU ist das anders. «Kleine und mittlere Firmen können sich das oft schlicht nicht leisten», sagt Meili. Hier sieht er die Lücke, die Company Factory füllen kann. Mit Studierenden oder «unternehmerisch denkenden jungen Menschen» stellt seine Firma für KMU Teams zusammen, die innert kürzester Zeit für ein bestimmtes Problem ein passendes Produkt entwickeln.

«Viele KMU schliessen sich drei, vier Jahre ein, bis sie das erste Mal mit dem Kunden reden», sagt Meili. Die zwei Teams an der Sprint Week gingen gleich in den ersten tagen auf die Gasse und befragten mögliche Kunden zu verschiedenen Ideen. Zusätzlich stellten sie ihre Zwischenstände verschiedenen Experten aus Industrie und Forschung vor. Meili ist überzeugt: So lässt sich der Entwicklungsprozess beschleunigen. «Scheitere früh, scheitere günstig» ist ein Sprichwort im Silicon Valley.

Die besseren Kunden gefunden

Das zweite Team, drei Studierende der Berner Fachhochschule Biel, haben auf diese Weise ihr Verkaufskonzept völlig neu ausgerichtet. Ihre Idee war es, eine Art Seifenspender mit verschiedenen Ebenen zu entwickeln, in dem Duschgel, Shampoo und Conditioner Platz finden. «Wir haben über 200 Bilder von Badezimmern in 20 Ländern ausgewertet und überall gab es zu wenig Platz für die ganzen Shampooflaschen», sagt Omid Moadeli. Doch im Lauf ihres Projekts wurde klar, dass nicht der Einzelkunde, sondern Hotels die Zielkunden wären. Noch sind die Entwürfe der stapelbaren Shampookartuschen recht roh, frisch aus dem 3-D-Drucker. «Doch einer der Industrieexperten hat uns versichert, dass es umsetzbar ist», sagt Moadeli.

Am Sonntag soll die Website und eine Präsentation fertig sein. Moadeli, Willhaus und die anderen gehen dann zurück an ihr Studium. Bei Meili und der Company Factory liegt es, Testkunden und Produktionspartner zu finden.

Ziel: Sein eigener Chef sein

In vier Monaten soll klar sein: Taugt die Idee? Falls ja, wird ein Unternehmen gegründet, an dem sowohl die Studierenden als auch die Company Factory beteiligt sind. Diese entstand übrigens im Umfeld der Basler Firma Bodenschatz, die Badezimmer-Accessoires herstellt. Weil das Kerngeschäft bröckelt, wollen Meili und seine Partner neue Firmen aufbauen, die den Erhalt der Mutterfirma sichern. Dabei entstand die Idee, diesen Service auch anderen KMU anzubieten. In wenigen Monaten soll die nächste Sprint Week stattfinden. Ob der Kompostkübel mit Falltür bis dann marktreif ist, wird sich zeigen. Die Studenten peilen den gehobenen Mittelstand an: «Unter hundert Franken» ist das Preisziel.

Erstellt: 16.02.2018, 20:44 Uhr

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