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Integration durch Konjugation

Seit einem Jahr bietet die Gemeinde Gachnang zusammen mit der Schule Deutschkurse an. Ein Augenschein vor Ort.

Deutschlehrerin Regina Höllinger unterrichtet seit einem Jahr Fremdsprachige in Gachnang, die Kurse sind beliebt.
Deutschlehrerin Regina Höllinger unterrichtet seit einem Jahr Fremdsprachige in Gachnang, die Kurse sind beliebt.
Marc Dahinden

Der Hellraumprojektor projeziert ein grosses rotes Herz an die Wand im Klassenzimmer in Gachnang: «Herzlich Willkommen» steht daneben. Lehrerin Regina Höllinger begrüsst ihre Schüler. Sie wolle «ein Trittbrett für eine positive Zukunft» anbieten, sagt die Deutschlehrerin, die an der Primarschule Gachnang unterrichtet. An diesem Donnerstagnachmittag spielen die Kinder allerdings auf dem Pausenplatz Basektball, hinter den Pulten sitzen Erwachsene aus Syrien, Iran oder Eritrea. Die Klasse A2/1 büffelt heute neue Verben. Bis im Juli wird sie sich insgesamt 18 Mal getroffen haben.

Lebensnahes Lernen

Die Deutschkurse für Fremdsprachige existieren seit 2016. Die Gemeinde und die Primarschule haben sie ins Leben gerufen. Zu Beginn waren die zwei Klassen noch gemischt. Mittlerweile unterrichtet Höllinger vier Leistungsstufen. Die Schüler werden anhand eines schriftlichen und mündlichen Tests nach ihrem Niveau eingeteilt. In der tiefsten Stufe «Domino» lernen Schüler das lateinische Alphabet kennen.

Höllinger hat die bevorstehende Aufgabe noch nicht zu Ende erklärt, da beginnen einige bereits mit dem Ausfüllen des Aufgabenblattes. «Hallo, ich rede noch», sagt sie und wartet, bis alle Finger ruhen. Die Aufgaben sind sehr lebensnah. Heute lautet das Thema Arbeit. «Er… arbeitet jeden Tag von 8 bis 17 Uhr», liest Jihad Hassan aus Syrien das konjugierte Verb «arbeiten» in einem Beispielsatz vor. Als Höllinger ihn nach seinem Traumberuf fragt, sagt er: «Elektriker.» Sein ehemaliger Beruf. Mohammed Reza Foroughi sitzt neben Hassan, er würde gerne wie früher im Iran als Maurer arbeiten.

Gulnaz Dawas Khalaf, ebenfalls aus Syrien, erzählt in bereits flüssigem Deutsch, dass sie drei Jahre lang als Lehrerin gearbeitet hat. Heute ist sie Mutter von drei Kindern. Als Dawas sagt, dass sie momentan nicht arbeite, wird Höllinger für einmal kurz aufbrausend: «Du arbeitest als Hausfrau, das ist eine grosse Aufgabe.» Dawas lächelt und nickt zustimmend.

Gegenseitige Hilfe

Lehrerin Regina Höllinger lebt seit 2011 in der Schweiz und ist selber Migrantin. «Der Liebe wegen» sei sie von Deutschland in die Schweiz gezogen, sagt sie. Es ist ihr zweites Schuljahr als Lehrerin in Gachnang. Sie bezeichnet die Gruppe als eine kleine Familie, die ähnliches erlebt habe. «Durch diesen Kurs kann eine Integration vor Ort, in der Gemeinde, stattfinden.» Seit Dezember veröffentlichen Teilnehmer einen Teil ihrer Lebensgeschichte in der lokalen «Tegelbachzytig».

Als die zweite Stunde anbricht, stellen sich die Kursteilnehmer in zwei parallelen Reihen auf, sodass sie ihrem Gegenüber in die Augen blicken. Höllinger wirft ein Verb in die Runde, in einer Art Konjugations-Ping-Pong werden Wörter behandelt. Bei unklaren Ausdrücken wird geholfen. Als der ehemalige Schreiner Shafiulla Qazizada nicht weiss, was «beten» bedeutet, sagt Hassan: «Salah», arabisch für Gebet, und faltet die Hände. In der Ferne surrt ein Handy dumpf aus einer Tasche. Es ist jenes von Agith Rathnasingam. «Willst du rangehen?», fragt Höllinger. «Nein, nein, nicht wichtig», sagt er.

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