Pro und Contra

Wir leben im Zeitalter des Crowdfundings – aber wollen wir das auch?

Im Internet sind immer mehr Geldsammler unterwegs. Gut so, findet unsere Autorin. Eine Seuche, findet unser Autor.

In unserer vernetzten Welt wird auch global für alles mögliche gesammelt. Eine wünschenswertes Phänomen der heutigen Zeit? Oder gerade nicht?

In unserer vernetzten Welt wird auch global für alles mögliche gesammelt. Eine wünschenswertes Phänomen der heutigen Zeit? Oder gerade nicht?

Ja

Begonnen hat das Phänomen in der Musikindustrie. Auf der einen Seite die grossen Labels, die Künstlerinnen mit Knebelverträgen schröpfen. Auf der anderen Seite die Konsumenten, die online halblegale Methoden nutzen, um gratis an ihre Unterhaltung zu kommen. In der Mitte die Musiker, an denen das Geld vorbeizieht. Anfang der 2000er deshalb die Idee: vorfinanzieren im Internet, direkt an der Quelle – bei den Fans.

Statt zuerst teuer zu produzieren und im schlechtesten Fall auf Schulden und unverkauften Produkten sitzen zu bleiben, überlappen sich beim Crowd-funding Finanzierung und Marktanalyse. Wer will, zeigt das, indem er vorauszahlt. Die meisten Plattformen funktionieren so, dass das Geld nur freigegeben wird, wenn das Spendenziel auch wirklich erreicht worden ist. Crowdfunding bedient sich der Niederschwelligkeit des Internets im positivsten Sinn und macht sich die Möglichkeit eines jeden auf Vernetzung und enorme Reichweite zunutze.

Die US-amerikanische Sängerin Amanda Palmer lancierte eines der erfolgreichsten Album-Crowdfundings aller Zeiten, bei dem ihr Ziel von 100000 Dollar um mehr als das Zehnfache übertroffen wurde: 25000 Menschen spendeten fast 1,2 Millionen. Darüber schrieb sie das Buch «The Art of Asking» – die Kunst, zu fragen. Gutes Marketing, denkt sich der Zyniker vielleicht. Amandas simpler Ansatz dabei: Die Industrie beschäftigt sich hauptsächlich damit, wie sie die Menschen zum Bezahlen zwingen kann. Wieso nicht ehrlich fragen und die Fans, die wirklich wollen, einfach bezahlen «lassen»?

Längst nicht jede Kampagne ist erfolgreich, das System reguliert sich selbst. Aber wer nicht gerne gesichtslose Spendenorganisationen unterstützt, sondern lieber in konkrete Projekte investiert, der könnte auf den Plattformen fündig werden. Nicht nur erhält man in den meisten Fällen materiell etwas zurück – von der handgeschriebenen Dankeskarte über ein Musikalbum bis hin zu einem neu gestalteten Wanderweg –, sondern man wird auch ein Stück weit Teil der Idee und der Gemeinschaft.

In der viel kritisierten digitalen Welt, die zur Entfremdung beitrage, doch auch ein schöner Gedanke. Und wer nicht will, der muss ja nicht.

Nein

Die Glunggephoniker aus Weisslingen seien ans Tourismusforum in Shanghai eingeladen worden, berichtete diese Woche der «Landbote». Es wäre eine schöne Geschichte und eine originelle dazu: Chinesen, die sich im Hochsommer Schweizer Guggenmusik anhören, darauf muss man erst einmal kommen! Aber ein Aspekt verdirbt den Lesegenuss. Trotz Einladung entstünden ihnen Kosten, etwa für die zusätzlichen Proben oder die Flaggen, die sie nach China mitnehmen wollen, lassen die Glunggephoniker wissen. Sie haben darum ein Crowdfunding lanciert. Sie wollen also Geld. Meines und Ihres. Hauptsache, die anderen zahlen.

Crowdfunding, wie es heute oft betrieben wird, ist ein typisches Phänomen des Internetzeitalters. Eine narzisstische Wahrnehmungsstörung. Der Irrglaube, dass das, was man selbst so macht, für eine beliebige digitale Gemeinschaft von Interesse ist. Ja, dass einem diese Gemeinschaft sogar hörig ist, wenn man sich nur etwas anbiedert.

Da sucht eine Sängerin, die sich Instagram-sexy zu inszenieren weiss, nach 3000 Franken für ihre neue Single. Die erste, angeblich produziert von einem österreichischen Starproduzenten, sei so gut gelaufen, dass sie nun schnell eine zweite «releasen» wolle, lesen wir auf Wemakeit.com. Ein anderer sucht am selben Ort 6000 Franken, um an einer Elektro-Rallye teilzunehmen. Und dann ist da die Frau mit einer Massage-Praxis, die sie für knapp 10000 Franken umdekorieren will. Wer zahlt, bekommt immerhin einen Gutschein.

Ist doch egal, könnte man jetzt sagen, es zwingt einen ja niemand, sich auf den Handel einzulassen. Aber so einfach ist die Sache nicht. Wer die Crowdfunder persönlich kennt, gerät unter Zugzwang. Soll ich zahlen, und wenn ja, wie viel? Wer knausert, stösst die Sammler vor den Kopf. Crowdfunding mag einmal eine hehre Idee gewesen sein, und sicher, es gibt noch positive Beispiele.

In seiner populären, pervertierten Form aber ist es eine Seuche, die Freundschaften und Beziehungen befällt. Tröstlich ist allein, dass die meisten dieser Projekte die Finanzierungsschwelle nicht schaffen. Was das bedeutet, sei hier für alle Ego-Crowdfunder einmal übersetzt: Zahlt doch bitte die paar Tausend Franken für eure Hobbys selbst!

Erstellt: 22.02.2019, 18:26 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!