Bildung

Auf dem Land gehen weniger Schüler aufs Gymnasium als zu erwarten wäre

Die Gymiquote allein ist wenig aussagekräftig. Interessant wird sie, wenn man sie in Zusammenhang mit dem sozialen Umfeld stellt. So zeigt sich etwa, dass viele ländlichen Gemeinden aus der Region unter den Erwartungen bleiben.

Aus der Schule Hettlingen gehen 27 Prozent ans Gymi, das ist gemessen am Sozialindex der Gemeinde überdurchschnittlich.

Aus der Schule Hettlingen gehen 27 Prozent ans Gymi, das ist gemessen am Sozialindex der Gemeinde überdurchschnittlich. Bild: Marc Dahinden

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Hettlingen gehört zu den Gemeinden im Kanton Zürich mit der höchsten Gymiquote nach der 6. Klasse. Über die letzten Jahre liegt die Quote im Schnitt bei über 27 Prozent. Im Schulkreis Veltheim-Wülflingen beispielsweise liegt die Quote mit rund 15 Prozent deutlich tiefer. Doch die nackten Übertrittszahlen zeigen nur die halbe Wahrheit, wie eine Datenanalyse zeigt.

Wenn es darum geht, welche Schulen die meisten Kinder ans Gymnasium bringen, führen traditionellerweise Goldküstengemeinden wie Zollikon, Herrliberg oder der Zürichberg die Ranglisten an, wo die Gymiquote bei 40 Prozent liegt. Am andern Ende der Skala finden sich Landgemeinden wie Feuerthalen oder Humlikon , wo nicht einmal jeder dreissigste Sechstklässler das Gymnasium besucht. Winterthurer Schulkreise wie Stadt-Töss oder Veltheim-Wülflingen rangieren im Mittelfeld mit Quoten um 15 Prozent.

Einfluss Bildungsvererbung

Gemeinden mit einem grossen Anteil an sozial schwachen, bildungsfernen Familien und vielen Fremdsprachigen bringen per se weniger Kinder ans Gymnasium als solche mit guten Steuerzahlern, da sind sich Bildungsexperten einig. Die Biographie der Eltern ist dabei entscheidend. Was erwarten sie von ihren Kindern? Was ist Tradition, Berufslehre oder Studium? Wieviel Zeit und Geld kann ins Kind investiert werden? Gibt es daheim Bücher? Fachleute sprechen hier von Bildungsvererbung, die den grössten Einfluss auf die späteren Lebenswege der Kinder hat.

Für einen faireren Vergleich der Gymiquoten gilt es deshalb, auch das soziale Umfeld der Schulgemeinden und -kreise mitzuberücksichtigen. Dafür wurde in dieser Analyse der so genannte Sozialindex beigezogen (siehe Box rechts) und geschaut, wie die Kommunen abschneiden, wenn ihre soziale Durchmischung mitberücksichtigt wird. Welche Gemeinden bringen mehr Kinder ans Gymnasium als ihr Sozialindex vermuten lässt? Wo liegt man unter den Erwartungen? Das statistische Vorgehen schafft wieder gleich lange Spiesse: «Der Bezug auf die sozialen Umstände bildet die Realität viel besser ab als nackte Übertrittszahlen», sagt Carsten Quesel, Bildungssoziologe an der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Gymi-Schere geht auf

Das Resultat: Der reiche Zürichberg und die Goldküsten-Gemeinden schwingen einmal mehr obenaus. Das zeigt, wie viel mit intensiver Lernvorbereitung in diesen Kreisen zusätzlich herausgeholt wird. Die Gymi-Schere geht noch weiter auf. Aber auch Schulgemeinden am anderen Ende der Skala liegen über den Erwartungen – ab einem Sozialindex von 115 sogar alle. Am deutlichsten reüssiert hier das Limmattal: mit einem Sozialindex von 116 würde man eine Übertrittsquote von sechs Prozent erwarten, tatsächlich liegt das Mittel aber bei 11,7 Prozent – ist also fast doppelt so hoch.

Aber auch Hettlingen schwingt bei dieser Betrachtung obenaus, die Gymiübertritte liegen zehn Prozent über den Erwartungen. Der Hettlinger Primarlehrer Leo Eisenring sagte bereits im Februar gegenüber dieser Zeitung, dass «viele Kinder ans Gymi wollen und auch freiwillig viel dafür arbeiten.» So ergebe sich, dass im Speckgürtel von Winterthur Lernen und Leisten zum Alltag gehöre. So kann eine Sogwirkung entstehen.

Ganz anders sieht die Welt zwei Dörfer weiter, in Humlikon , aus. Dort ist der Sozialindex ähnlich tief wie in Hettlingen oder den Zürichseegemeinden, die Gymiquote der letzten Jahre beträgt bei 32 Schülern aber gerade einmal vier Prozent. Zum Vergleich: Am Zürichsee ist sie zehnmal so hoch. Schulleiterin Brigitte Bernhard kennt dieses Phänomen, sie relativiert aber: «Als kleine Gemeinde haben wir ganz tiefe Schülerzahlen, das wirkt sich auch auf die Statistik aus.» So habe man vor einigen Jahren etwa eine Quote von 100 Prozent erreicht, weil es nur eine Sechstklässlerin gab, die sogleich den Übertritt ins Langzeitgymnasium schaffte. Grundsätzlich seien sie aber davon überzeugt, dass das Langzeitgymnasium nur etwas für die wirklichen Top-Schüler sei. «Sie sollen nicht nur die Aufnahmeprüfung, sondern auch die folgenden sechs Jahre gut überstehen», sagt Bernhard. Der Druck, ins Gymnasium zu gehen, sei zudem geringer, weil man mit den Eltern sehr nahe im Gespräch stehe. «Dadurch können wir eine realistische Einschätzung zur Leistungsfähigkeit der Schüler abgeben, die sich mit jener der Eltern deckt.»

KMU-Land Tösstal

Im Tösstal bleiben die Übertritte ebenfalls unter den Erwartungen des Sozialindex’: In Zell beträgt die Quote 5,6 Prozent - eigentlich müsste sie doppelt so hoch sein. Erna Hächler, Schulleiterin in Rikon und Langenhard (Zell), spricht vom Tösstal als «KMU-Land». Viele würden nach der Sekundarschule eine Lehre mit Berufsmatura beginnen und kämen so via Fachhochschule zu einer akademischen Ausbildung. Sekundarschulleiter Martin Krummenacher bestätigt diesen Eindruck. Im letzten Schuljahr seien beispielsweise fünf Schüler ans Gymnasium, vier hätten eine Lehre mit Berufsmatura verfolgt.

In Elsau , wo pro Jahrgang jeweils fünf bis sechs Schüler ins Langzeitgymi wechseln, nennt Schulpräsident Roman Arnold noch einen weiteren Grund: «Die Sekundarschule liegt im Dorf und hat einen guten Ruf.» Deshalb bestehe vielleicht kein Druck, um sofort ins Gymnasium zu wechseln, und man warte lieber noch etwas ab.

Eine Gemeinde aus der Region erfüllt die Erwartungen auf den Punkt: In Pfungen beträgt die Quote rund 13 Prozent, bei einem Sozialindex von 108,7.

Erstellt: 16.04.2019, 20:12 Uhr

Sozialindex

Schulgemeinden nach Sozialindex und Übertrittsquote ins Langzeitgymnasium

Mit dem Sozialindex misst das kantonale Bildungsamt die gesellschaftliche Belastung einer Schulgemeinde. Der Wert berechnet sich aus dem Anteil von Kindern von Fremdsprachigen, von Kindern von Sozialhilfebezügern und aus einkommensschwachen Familien. Je höher der Index, desto grösser die soziale Belastung der Gemeinde oder des Schulkreises – und desto mehr Lehrerstellen bekommt die Gemeinde zugesprochen. (luc)

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