Klimabewegung

Fürs Klima streiken und schwitzen

Zum ersten Klimastreik in Winterthur versammelten sich gestern knapp 1000 Leute im Stadtpark. Trotz der Hitze zogen sie für gut zwei Stunden durch die Altstadt.

Mit Kreide schrieben die Streikenden ihre Forderungen und Ideen auf den Boden der Steinberggasse.

Mit Kreide schrieben die Streikenden ihre Forderungen und Ideen auf den Boden der Steinberggasse. Bild: Marc Dahinden

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Zum Glück spenden die Bäume im Stadtpark etwas Schatten. Um 12.30 Uhr sind etwa 500 Kinder, Jugendliche und Erwachsene zum ersten Klimastreik in Winterthur erschienen. «Das werden schon noch mehr», sagt einer der jungen Aktivisten zu seinem Kollegen, der etwas betrübt auf die Menschenansammlungen hinter dem Museum Oskar Reinhart schaut. Damit sollte er recht behalten: Als der Streik nach 13 Uhr mit etwas Verspätung beginnt, sind wohl knapp 1000 Personen erschienen. Nach Aussagen der Organisatoren waren es jedoch um 1500 Streikende.

«Es steckt viel mehr hinter der Klimabewegung als die Organisation der Demos und Streiks.»

Die Frage, wer hier eigentlich wirklich streikt, ist allerdings schwierig zu beantworten. Die meisten der Anwesenden scheinen für den Klimastreik ihre Arbeit nicht unerlaubt niedergelegt oder die Schule geschwänzt zu haben. «Ich habe eine Freistunde und gehe nachher zurück», sagt ein Berufsschullehrer. Andere haben sich für den Streik frei genommen: «Dafür gebe ich gerne einen Ferientag her», sagt ein Mitarbeiter der Brühlgut-Stiftung. Sechs junge Mädchen sind da etwas mutiger. Die Fünftklässlerinnen müssten eigentlich gerade im Schulzimmer sitzen. Um am Streik dabei zu sein, haben sie aber extra einen Brief an ihren Schulpräsidenten geschrieben. «Zur Strafe müssen wir jetzt Vorträge halten oder Interviews mit Streikenden führen», sagen sie.

Trotz Prüfungsstress

Das Engagement der Jungen löst bei machen Bewunderung aus: «Schon unglaublich, was die alles für diesen Tag geleistet haben», schreit ein Mann einem anderen in der streikenden Menge ins Ohr. «Wo die meisten von ihnen auch noch Prüfungsstress hatten.» Sein Begleiter nickt zustimmend und ruft: «Wem sini Zuekunft? Eusi Zuekunft!»

Vom Stadtpark führt der Streik durch die Obergasse in die Steinberggasse. Stets von einigen Schaulustigen am Rand beobachtet, die den Umzug meist mit dem Handy filmen. «Leute, lasst das Glotzen sein, reiht euch in die Demo ein», werden sie von der Menge direkt aufgefordert. Die meisten geben sich davon aber unbeeindruckt: «Mir ist es einfach zu heiss», sagt ein Mann in Jeansweste am Rand. «Da trinke ich lieber ein kühles Bier.»

«Es ist vor allem wichtig, dass wir bei den Politikerinnen und Politikern Gehör finden» Linus Stampfli

Obwohl die Sonne brennt, hüpfen und schreien die Klimademonstranten durch die Winterthurer Altstadt. Auch die beiden Kandidierenden für den Stadtrat, Annetta Steiner und Kaspar Bopp, sind dabei. In der Steinberggasse macht die Menge halt, um ihre Forderungen mit Kreide auf den Boden zu schreiben. «Gaan z Fuess i d Badi», schreibt ein junges Mädchen in Grossbuchstaben auf den Boden.

Die Organisatoren sind zwar auch der Meinung, dass es jeden Einzelnen braucht, um etwas zu bewirken, aber: «Es ist vor allem wichtig, dass wir bei den Politikerinnen und Politikern Gehör finden», sagt Linus Stampfli. Der Vollzeitaktivist, wie er sich selbst nennt, kümmert sich seit diesem Frühling um nichts anderes mehr als um die Klimabewegung. «Es steckt noch so viel mehr hinter der Klimabewegung als die Organisation der Demos und Streiks. Das ist einfach, was die Leute sehen», sagt Stampfli. Der 23-Jährige geht regelmässig zu Klimatreffen in andere Schweizer Städte und hat beispielsweise die Wikipedia-Seite der Winterthurer Sektion geschrieben.

Nicht gleich nach Hause

«Jetzt darf man endlich übers Klima sprechen», sagt eine pensionierte Frau. Sie und ihr Mann hätten sich schon vor 50 Jahren für den Planeten starkgemacht. «Damals sind wir immer komisch angeschaut worden.» Heute sei die Klimakrise vom Tabu- zum Alltagsthema geworden. «Sogar alle Politiker sind plötzlich grün geworden», sagt ihr Mann und zieht die Augenbrauen hoch.

Nach gut zwei Stunden ist der Umzug wieder im Stadtpark angekommen. «Geht noch nicht nach Hause», ruft der Mitorganisator Caesar Anderegg durch die Lautsprecher. Die meisten der Streikenden sind jedoch rasch verschwunden. Dennoch bilden sich unter dem Motto «Winti gemeinsam gestalten» zwölf kleine Gruppen, die sich über mögliche Klimaprojekte austauschen. «Wir wollen, dass unsere Bewegung nachhaltig ist», sagt Anderegg. Zu Themen wie Ernährung, Bewegung oder Kleider diskutieren sie im Schatten auf der Wiese des Stadtparks.

Der nächste Klimastreik in Winterthur soll am Earth Strike Day stattfinden. Am Freitag, 27. September, werden wieder Streikende rund um den Globus fürs Klima auf die Strasse gehen.

Erstellt: 06.07.2019, 18:06 Uhr

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