Winterthur

«Jetzt haben wir die Bombe scharf gemacht»

Severin Schwendener, 2013 mit dem Zürcher Krimipreis ausgezeichnet, las in der Stadtbibliothek aus seinem Kriminalroman «Schatten & Spiel» und zeigte, worauf es beim Schreiben ankommt.

Severin Schwendener ist Krimiautor.

Severin Schwendener ist Krimiautor. Bild: Helmut Dworschak

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Er hasse seinen Job, sagt Hilvert, Kommandant der Zürcher Stadtpolizei. Ein überquellender Terminkalender, die Machtspiele in der Verwaltung und lästige Anfragen der Presse machen ihm zu schaffen. Seit seinem Aufstieg ist er vor allem von «Schleimern» umgeben, seine wahren Freunde halten Abstand, um nicht zu den Schleimern gezählt zu werden.

Auf den ersten Seiten seines im letzten Herbst erschienenen Romans «Schatten & Spiel» skizziert Severin Schwendener ein Psychogramm seines Protagonisten, und was er später über die Motivation sagt, die die Figuren seiner Bücher zu kriminellen Handlungen treibt, lässt darauf schliessen, dass Hilvert als Täter in Frage kommt. Denn er ist allein und frustriert. Er wäre dann möglicherweise selbst der Absender der Drohbriefe, die er seit ein paar Monaten bekommt.

Schwendener schildert seine Figuren mit psychologischem Einfühlungsvermögen. Man erhält auch ein Bild des Arbeitsklimas in der Verwaltung und der gesellschaftlichen Verhältnisse in Zürich – gut möglich, dass da eigene Erfahrungen des Autors eingeflossen sind; der studierte Biologe arbeitet im Bauamt des Kantons Zürichs im Bereich Biosicherheit, geboren wurde er 1983 im Thurgau.

«Schreiben muss man lernen, es ist ein Handwerk.»Severin Schwendener,
Krimiautor

Rund ein Dutzend Zuhörerinnen sind am Samstagmorgen in die Stadtbibliothek gekommen, überwiegend Frauen. Nach der halbstündigen Lesung schildert ihnen der Autor, wie ein Buch entsteht, und beginnt mit ihnen das Material für einen Krimi zu entwickeln. Schwendener wirkt sicher und spricht ganz offen über seine Erfahrungen.

Er hat Übung darin: Bis zu sechzig Kurse gibt er pro Jahr an Schulen. Eine Fehleinschätzung, die ihn lange gefangen hielt, streicht er besonders heraus: Er habe früher einfach drauflos geschrieben, den künftigen Bestseller vor Augen. Heute weiss er: «Schreiben muss man lernen, es ist ein Handwerk.»

Ein Jahr für die Planung

Das Wichtigste am Krimischreiben sei die genaue Planung. Ein ganzes Jahr habe er beim Roman «Schach & Matt» von 2010 dafür aufgewendet, ohne einen Satz zu schreiben, sagt Schwendener, und zeigt das Resultat in Form eines Mindmaps auf einem A-3-Blatt.

«Brunhilda, 45» steht jetzt in der Mitte auf dem Flipchart. Alle können nun dort ihre Ideen notieren, laut Schwendener ist das «der schönste Teil am Schreiben». So wird die Protagonistin Leiterin der Zürcher Oper; sie ist einsam und frustriert, hat eine Schwester, auf die sie neidisch ist, und einen heimlichen Geliebten, der als Dachdecker arbeitet.

«Ein Autor muss planen wie ein Schreiner, der ein Möbelstück bauen wolle, sonst passe am Ende nichts zusammen.»Severin Schwendener,

Dann geht es darum, mögliche Handlungen zu skizzieren. Jetzt greift Schwendener stärker ein und sagt, ob ein Einfall passt oder nicht, damit Sackgassen vermieden werden. Brunhilda erfährt, dass Theo viele Frauen hat, ihr Frust steigert sich zu Hass. «Wir haben sie scharf gemacht wie eine Bombe», sagt Schwendener, «da ist jetzt ein Gewaltpotential vorhanden.»

Er benutzt gerne Vergleiche. Ein Autor müsse planen wie ein Schreiner, der ein Möbelstück bauen wolle, sonst passe am Ende nichts zusammen. Man müsse dem Leser Rätsel präsentieren und die Antwort immer wieder aufschieben, genau so, wie wenn man mit einer Katze spiele, indem man ihr einen Wollknäuel an einem Faden hinhalte. Zum Schluss liest er noch einmal aus seinem Roman.

Erstellt: 20.01.2019, 15:19 Uhr

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