Winterthur

Karin Sander macht aus Gemüse Kunst

Die international bekannte Künstlerin Karin Sander foutiert sich mit Witz, Ironie und einer Prise Boshaftigkeit um die Konventionen des Kunstbetriebs.

Gemüse an weissen Wänden: Die deutsche Künstlerin Karin Sander, hier in ihrer Ausstellung im Kunstmuseum Winterthur, lehrt als Professorin an der ETH Zürich.

Gemüse an weissen Wänden: Die deutsche Künstlerin Karin Sander, hier in ihrer Ausstellung im Kunstmuseum Winterthur, lehrt als Professorin an der ETH Zürich. Bild: Nathalie Guinand

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Das Museum sei ein Schlachtfeld, deklarierte die einflussreiche Berliner Künstlerin Hito Steyerl jüngst. Sie spricht damit den Krach an, der hauptsächlich in den USA wegen der Entfernung von aus politisch korrekter Sicht missliebigen Kunstwerken für Aufmerksamkeit sorgte.

Im Kunstmuseum beim Stadthaus, wo eben eine Werkschau der deutschen Künstlerin Karin Sander eröffnet wurde, kracht es auch, aber mehr im Kopf und viel subtiler. Dabei gibt es erst noch viel zu sehen, zum Beispiel einen sich durch den ganzen Erweiterungsbau ziehenden Fries aus Früchten und Gemüse – alles schön auf der Wand aufgereiht und fixiert.

Die reiche Auswahl stammt vom Markt in der Steinberggasse. Jetzt noch frisch, bald schon welk sind die «Kitchen Pieces», die entzückende Saftspuren auf der Wand hinterlassen. Und damit ist man schon wieder mittendrin in der Kunstgeschichte der Moderne, bei Marcel Duchamp (1887–1968), der seinen berühmten Flaschentrockner in eine Ausstellung schmuggelte und per Unterschrift zum Kunstwerk erhob.

Seit es das Readymade gibt, bewegt sich die Kunst auf dünnem Eis, und seither herrscht grosse Verunsicherung über der Frage, was Kunst, was ein Künstler sei. Auch aus dieser Sicht stimmt der doppelte Boden, den Sander als erhöhendes Podium in sechs Sälen einbauen liess.

Dennoch bewegen sich die Besucher im Museum beim Stadthaus und in einigen Sälen im Reinhart am Stadtgarten auf schwankendem Grund. All die Gärtner in der Gartenstadt Winterthur und ausserhalb werden wohl mit Freude die Nobilitierung ihrer Ernte auf den weissen Wänden des Erweiterungsbaus konstatieren.

Sie können indes auch den Prozess des Faulens und Welkensbeobachten und sind ausserdem mit Stillleben aus der Sammlung konfrontiert, mit dem Vanitas-Motiv also und der eigenen Sterblichkeit. Auch das Museum kennt kein Mittel gegen diese einzigeirdische Gewissheit, obwohl es doch insgeheim immer noch ein Hort von Ewigkeit sein will.

Kunst ohne Künstlerin

Aber das ist nicht die einzige Kränkung, die man auf dem Rundgang erleidet. Und man fragt sich dauernd, wie beliebt Sander, diese kecke Dame mit dunkler Hornbrille, wohl bei der Künstlerschaft ist, da sie doch konstant und konsequent subversiv die Vorstellung von der Künstlerin, vom Künstler als Auserwählten untergräbt.

Zwar glaubt kaum jemand mehr an das Genie mit direkter Verbindung zur göttlichen Inspiration. Aber selbst als Skeptiker ist man leicht irritiert, wenn Sander mit munterer Respektlosigkeit eines ihrer «Mailed Paintings» in der Schatzkammer der Moderne neben einen Mondrian platziert. Immerhin glaubte der Avantgardemeister noch, etwas wie Transzendenz oder universale Ordnung in seinen Werken vermitteln zu können.

«Mailed Paintings» dagegen sind das Produkt einer Transportgeschichte von einer Destination zur anderen. Diese Reise ist für die ungeschützte Leinwand zum Leidensweg geworden mit Spuren aller Art wie Kratzer, schwarzen Verpackungsstreifen oder Portoaufkleber. Die Künstlerin ist da eine Kollaboration mit dem Postpersonal eingegangen.

Die partizipative Form des Schaffens zeigt sich in einer weiteren Serie. Die Käufer können die leere Leinwand platzieren, wo sie wollen: draussen, wo sie verregnet wird, in der Toilette, wo sie Spritzer abkriegt, neben der Kaffeemaschine, wo sie sicher versaut wird. Ist diese zeitlich begrenzte Phase abgeschlossen, kann das Werk im Salon aufgehängt werden – neben einem millionenteuren Auktionsstück etwa.

Risiko als Produzent

Eine solche Werkauffassung reduziert die Rolle der Künstlerin auf das Konzeptschreiben. Insofern bewegt sich Sander auf der Schiene der 60 Jahre alten Konzeptkunst. Doch die Radikalität, mit der sie Faktoren wie Risiko und Gefährdung für ihr Werk aktiviert, ist einmalig und vor allem konträr zum Hochsicherheitsverhalten von Museen und Sammlern, die sich mit Panzerglas und teuren Versicherungen gegen Zerstörung schützen.

Vor den drei Fenstern liess Sander Baugerüste errichten und mit grossformatigen weissen Leinwänden bestücken. Das ist etwa so, als würde man den monochromen Ryman aus der Sammlung dem Unbill der Witterung und Luftverschmutzung aussetzen.

Das Delegieren des Kunstmachens an die Besucher ist eine weitere Variante und ebenfalls ein Erbe der partizipativen Kunstideologie aus dem vergangenen Jahrhundert. Im Reinhart am Stadtgarten können die Besucher ihren Mantel in Vitrinen hängen, was das Kleidungsstück im Kontext des Museums wie von Zauberhand zur Kunst macht. Und am Schluss des Parcours ist man aufgefordert, seinen Kommentar zur Ausstellung zu formulieren und auf der Wand im Glasrahmen zu fixieren.

Adieu Bildhauer

Einst galt die Mimesis, das schöpferische Nachahmen, als höchste Prüfung der künstlerischen Meisterschaft. An der Verabschiedung von abbildendem und skulpturalem Schöpfertum war Sander in den 80er- und 90er- Jahren aktiv an vorderster Front beteiligt. Ihre «Bodyscans» sind Pionierarbeiten. Sie überlassen die Mimesis des Menschen Apparaten wie Scannern, Computern und 3-D-Druckern. Adieu Bildhauer!

Auf zwei Exemplare dieser Technik, die sonst hauptsächlich in der Industrie und der chirurgischen Medizin Anwendung findet, trifft man auf zwei hohen ­Sockeln: die Künstlerin selbst in miniaturisierter Form. Die ­­­Aus­löschung und Negation des Künstlers treibt Sander mit ihren «Call Shots» an das Limit. Es handelt sich um Zufallsbilder bei Handyanrufen. Einen ganzen Saal hat sie damit bepflastert. Gerne würde man aktiv eingreifen und die Wände vom Bilderrauschen befreien.

Zwei Krimis, zwei Videos

Sander, die in Berlin und Zürich lebt und als Professorin an der ETH wirkt, hat eigens für die Ausstellung einen virtuellen Rundgang konzipiert. Zwar ist die ­Simulation nicht auf der Höhe der kommerziellen Gamekultur, doch die Erfassung der physischen Welt in digitalisierter Form und das Reinkopieren von fiktiven Ausstellungsstücken führt dennoch eindrücklich die Täuschungsmöglichkeiten vor.

Das Museum verzichtet auf einen Katalog. Darin hätten die jüngsten Entwicklungen von Virtual Reality und ihre Anwendung in der Kunst diskutiert werden können. Auch die aktuellen Fragen zur künstlichen Intelligenz und zum verborgenen Wirken von Algorithmen sowie ihre Folgen für das künstlerische Schaffen wären dort gut aufgehoben gewesen.

Stattdessen haben Sander und Museumsdirektor Konrad Bitterli Zoe Beck und Oliver Bottini, zwei Krimiautoren, eingeladen, zwei spannende Geschichten zu verfassen. Die trashigen Cover verheissen viel Spass und Unterhaltung. Sie sind Bitterli ebenso wichtig wie der intellektuelle Kunstdiskurs. «Die Besucher können die Ausstellung auchohne kunsthistorischen Hintergrund geniessen und schätzen», ist Bitterli überzeugt.

Ein Beispiel dafür wären zwei Videos. Ein zweijähriges, blondgelocktes Mädchen wirft einen Ball in die Luft und staunt. Dann die gleiche Person im Alter von 89 Jahren. Man sieht nur ihre Hände, die sanft einen grünen Therapieball kneten. Anfang und Ende – auch davon erzählt diese Ausstellung.
Bis 18. November. Kunstmuseum beim Stadthaus, Museumstr. 52. (Der Landbote)

Erstellt: 09.09.2018, 18:27 Uhr

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