Fokus Klima

«Keine Zeit mehr für Greenwashing»

Der Club of Rome mit Sitz in Winterthur gehört zu den renommiertesten NGOs in Fragen der Nachhaltigkeit. Die beiden Co-Präsidentinnen üben im Interview mit dem «Landboten» Kritik an den Machteliten und setzen ihre Hoffnungen auf die Jungen.

Kämpfen seit Jahrzehnten für den Klimaschutz und für Menschenrechte und wurden letztes Jahr an die Spitze des Club of Rome gewählt: Mamphela Ramphele (l.) und Sandrine Dixson Declève. Foto: Madeleine Schoder Kämpfen seit Jahrzehnten für Klimaschutz und Menschenrechte: Die Co-Präsidentinnen des Club of Rome, Mamphela Ramphele (l.) und Sandrine Dixson Declève.

Kämpfen seit Jahrzehnten für den Klimaschutz und für Menschenrechte und wurden letztes Jahr an die Spitze des Club of Rome gewählt: Mamphela Ramphele (l.) und Sandrine Dixson Declève. Foto: Madeleine Schoder Kämpfen seit Jahrzehnten für Klimaschutz und Menschenrechte: Die Co-Präsidentinnen des Club of Rome, Mamphela Ramphele (l.) und Sandrine Dixson Declève. Bild: Madeleine Schoder

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Haben Sie an einem der Klimastreiks teilgenommen?
Sandrine Dixson Declève: Aber ja, ich war in Brüssel auf der Strasse,  in Belgien wird in allen Städten jeweils donnerstags demonstriert.

Mamphela Ramphele: Ich war nicht dabei, beobachte die Demonstrationen aber interessiert aus der Ferne. Auch in Südafrika und Kenia finden Demonstrationen statt. Allerdings überlagert sich in Afrika das Thema Klimaschutz stark mit den Problemen, die der Kolonialismus verursacht hat. Diese muss die afrikanische Gesellschaft als zusätzliche Bürde überwinden. Natürlich muss sie die Verantwortung für den Klimaschutz selbst übernehmen. Doch die westlichen  Kolonialstaaten haben dort eine Situation geschaffen, die viele Konflikte hervorbrachte.

Zum Beispiel?
Ramphele: Durch die Herrschaft des Westens wurden zwischen den Ländern oft unnatürliche Grenzen gezogen, ganze Bioreservate wurden zerschnitten, und es müssen zwischen den Staaten erst langwierige politische Annäherungen stattfinden, um über die Grenzen hinaus sinnvolle Klima- oder Umweltschutzprojekte und nachhaltige Lösungen zu etablieren. Ein gutes oder eben schlechtes Beispiel dafür ist der Transfrontier-Nationalpark zwischen Südafrika und Botswana. 

Wechseln wir von der Kolonialzeit  in die nahe Gegenwart. Die Gründer des Club of Rome waren internationale Unternehmer, die bereits 1968 in der Wirtschaft die Hauptverantwortung für nachhaltiges Handeln orteten. Heute muss die junge Generation auf die Strasse, um daran zu erinnern. Hat der Club of Rome seinen Job nicht gemacht?
Dixson: Die Frage ist legitim, und die folgenden Ausführungen sollen uns nicht von der Verantwortung entbinden. Aber Sie müssen sehen, dass die Aussage des Club of Rome, nämlich dass die Wirtschaft mit ihrem Wachstumsglauben die Welt an ihre Grenzen bringt, damals der Zeit weit voraus war. Niemand hatte das Thema auf dem Radar, die Ausführungen dazu waren sehr wissenschaftlich und vielleicht nicht radikal genug erklärt. Dennoch liefern die damals beschriebenen Erkenntnisse aus der Wissenschaft die Grundlage für die Lösungen von heute. Die geleistete Arbeit des Club of Rome ist also noch heute von grösster Bedeutung. Natürlich soll der Club aber nicht nur in der Theorie für Nachhaltigkeit werben, wir müssen uns auch aktiv zu Wort melden — und handeln.

«Der Club of Rome hat schon früh die ­Grundlagen für die Lösungen von heute ­geliefert»Sandrine Dixson Declève

Und wie?
Dixson: Es gibt einen 10-Punkte-Plan, den wir verfolgen, zusammen mit möglichst vielen Partnern, der Wissenschaft und neu auch der jungen Generation: Wir fordern unter anderem die Regierungen auf, Antworten auf die drängenden Fragen zum Klimaschutz zu liefern, die Lösungsansätze gibt es ja längst. Wir arbeiten mittels unserer globalen Netzwerke und offener Briefe auf einen Wandel hin, damit eine Gesellschaft möglich ist, die weniger konsumorientiert und ohne gedankenlose Ressourcenverschwendung handelt. Und wir stehen für einen nachhaltigeren Ansatz in der Wirtschaft ein. Wer sagt, dass sich Wirtschaft nur an Zahlen, Gewinn und Profit orientieren soll? Es gibt Lösungsansätze, die beispielsweise Glück als Wirtschaftsfaktor einbeziehen.

Braucht es nicht mehr Vorbilder aus der Elite? Ausser dem ehemaligen US-Präsidentschaftskandidaten Al Gore gibt es kaum prominente Persönlichkeiten, an denen sich die Gesellschaft orientieren kann?
Dixson: Es gibt durchaus sehr prominente Persönlichkeiten, bereits Robert Kennedy war eine von ihnen. Heute ist es Paul Polman, ehemaliger Unilever-Chef. Aber auch Prinz Charles von Wales ist ein Umweltaktivist, er predigt nicht nur, sondern praktiziert, was er sagt. Leider wird er aber für sein Engagement ins Lächerliche gezogen.

Hand aufs Herz: Solange es Menschen gibt, obsiegt die Profitgier.
Ramphele: Da stimme ich Ihnen nicht zu. Ich bin sehr ermutigt, wenn ich jetzt das Engagement der jungen Generation sehe. Eine Veränderung beginnt immer mit einigen wenigen, welche dann die Masse inspirieren. Sehen sie Greta Thunberg, wie sie die Menschen mobilisiert. Sie tritt mit so viel bewundernswerter Klarheit auf. Auch die Stellvertreterin des UNO-Generalsekretärs, Amina Mohammed, ist für mich ein Riesenvorbild.

Vergessen Sie nicht, wer die Welt regiert: Trump, Putin…
Ramphele: ...ja und  bis vor kurzem Jacob Zuma in Südafrika. Dennoch geben mir die jungen Leute auf der Strasse Hoffnung, ein Wandel beginnt immer mit einer sozialen Unruhe und oft mit Protesten der Jungen. Und dieses Mal werden die Frauen eine grössere Rolle spielen. Sehen Sie, im Club of Rome, bisher vorwiegend ein Herrenclub, sind erstmals Frauen an der Spitze, das ist doch ein wunderbares Zeichen. Das Feminine ist gerade in Themen wie Nachhaltigkeit von grosser Wichtigkeit. Auch für den Generationendialog, für das neue Denken in Wirtschaft und Leadership. Die männliche Dominanz zerstört gerade das Klima. Aber nicht falsch verstehen: Es braucht beide Kräfte, männliche wie weibliche, es braucht die Sicht von Jung und Alt, und ich bin überzeugt, dass die Zeit angebrochen ist, in der die Verbindung all dieser Perspektiven endlich gelingen könnte.

«Wandel beginnt oft mit Protesten der Jungen. Und dieses Mal werden die Frauen eine grössere Rolle spielen»Mamphela Ramphele?

Zurück zu Greta Thunberg, der 16-jährigen Klimaaktivistin aus Schweden: Fürchten Sie, dass sie von Interessengruppen für ihre Zwecke vereinnahmt und instrumentalisiert wird?
Ramphele: Nein, das glaube ich nicht, weil sie eine sehr starke Persönlichkeit ist. Wir durften Sie kennen lernen am Klimagipfel in Katowice. UNO-Generalsekretär António Guterres verwendete fast dieselben Worte wie Greta, nämlich, dass wir einen kollektiven Suizid begehen, wenn wir jetzt nicht handeln. Gehört wurde aber nur Greta.

Heute umgeben sich viele Firmen mit einem Nachhaltigkeitsmäntelchen, haben ein tolles Leitbild, sprechen über das Gute, das sie tun, springen auf Labels auf und versprechen eine bessere Welt. Wie glaubwürdig ist das?
Dixson: Vieles davon ist sogenanntes Greenwashing. Und das ist ein grosses Problem, das die Nachhaltigkeitsbestrebungen bremst. Sie können sich kaum vorstellen, wie stark mächtige Konzerne für Nachhaltigkeitsbegriffe lobbyieren. So spricht die Lobby für fossile Energieträger von «Clean Coal», von sauberer Kohle. Darunter ist verbrannte Kohle zu verstehen, deren Emissionen beim Verbrennungsprozess gefiltert werden. Klingt gut? Ist es aber nicht. Diese Emissionen werden einfach irgendwo im Boden entsorgt, wo sie wie bisher Gesundheits- und Umweltschäden anrichten. Es gibt keine saubere Kohle. Punkt. Wir haben keine Zeit mehr für Greenwashing. Regierungen dürfen keine Gesetze mehr erlauben, die solche Schlupflöcher zulassen. Investitionen in fossile Brennstoffe dürfen nicht mehr getätigt werden.

Was tun Sie als Präsidentinnen des Club of Rome ganz konkret für den Umweltschutz?
Dixson: Wir tun alles, um unsere rund 100 einflussreichen Mitglieder aus Wirtschaft und Wissenschaft zu mobilisieren. Wir gehen auf die urbanen Regionen dieser Welt zu und machen gemeinsam Druck auf die Regierungen. Wir stehen für Zusammenarbeit ein, damit die Neugestaltung der Wirtschaft eine Chance bekommt. Wir liefern den Aktivisten, Politikerinnen und Meinungsführern die wissenschaftliche Basis dafür.

Ramphele: Die Macht ist nicht bei uns, sie ist bei den Bürgerinnen und Bürgern. Wir pflanzen einen Samen, von dem die nächste Generation profitieren soll.

Ramphele: Afrika ist die Energiequelle der Zukunft, es entstehen Wind- und Sonnenfarmen, die Gesellschaft ist involviert, und es entstehen Arbeitsplätze in der sauberen Energiewirtschaft.

(Der Landbote)

Erstellt: 14.04.2019, 19:18 Uhr

Zu den Personen

Dr. Mamphela Ramphele (Südafrika) ist eine politische Aktivistin, Autorin und Verfechterin der Menschenrechte. Nach der Mitgründung der Black-Consciousness-Bewegung mit Steve Biko während der Apartheid machte sie Karriere als Managing Director der Weltbank in Washington D.C., als Vizekanzlerin der University of Cape Town und als Gründerin der Partei Agang South Africa.

Sandrine Dixson Declève (Belgien) blickt auf 30 Jahre Erfahrung in europäischer und internationaler Politik mit Fokus auf Klimawandel, Umwelt, Nachhaltigkeit, grünes Wachstum und Energie zurück. Neben ihrer Tätigkeit als Dozentin hat Dixson Declève als persönliche Beraterin des Prince of Wales sowie einer Vielzahl von internationalen Organisationen, Führungskräften und Politikern gearbeitet.

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