Wiesendangen

Kindergärtler lernen, nicht alles zu glauben

Primarlehrerin Franziska Kläui hat im Rahmen ihrer Ausbildung ein multimediale Lektionsreihe für Kindergärtler entwickelt und damit eine Auszeichnung gewonnen.

Die ausgezeichnete Lehrerin Franziska Kläui.

Die ausgezeichnete Lehrerin Franziska Kläui. Bild: Madeleine Schoder

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Die Digitalisierung ist allgegenwärtig, das Smartphone unser täglicher Begleiter. Mit der Einführung des Lehrplan 21 wird der Umgang mit digitalen Medien auch in den Schulen stärker thematisiert. Ab der fünften Klasse wird das Fach Medien und Informatik unterrichtet, die Lehrpersonen haben entsprechende Kurse besucht. Aber auch in den unteren Stufen und im Kindergarten sollen die neuen Medien in den Alltag eingebunden werden.

«Kindergartenlehrpersonen sind momentan wohl am dringendsten auf pfannenfertige Ideen für multimediale Übungen angewiesen.»

Die 44-jährige Franziska Kläui, seit 2003 Primarlehrerin in Wiesendangen und derzeit an der pädagogischen Hochschule Zürich in Ausbildung zur pädagogischen ICT-Support-Fachfrau, stellte aber fest, dass die Kindergärtnerinnen und Kindergärtner kaum auf vorbereitete Lektionen mit iPad und Co. zurückgreifen können. «Sie, die sonst schon sehr viel zu tun haben, sind momentan wohl am dringendsten auf pfannenfertige Ideen für multimediale Übungen angewiesen.»

Zusammen zaubern

Als Kläui im Rahmen ihrer Ausbildung während des Moduls Digitale Medien in der Gesellschaft einen Leistungsnachweis absolvieren musste, griff sie deshalb diese Problematik auf: Als Grundlage für ihre multimediale Lektionsreihe diente ihr ein Bilderbuch namens Peter und der Traum von Eveline Hipeli. Darin schauen sich zwei Kinder einen unerlaubten, gruseligen Film auf dem iPad an, später gewittert es, am Ende kann Peter kaum einschlafen. Als es dann doch klappt, erlebt er einen Albtraum. Am nächsten Tag spricht er mit der Eule Ulla über seine Ängste und verarbeitet diese.

«An diesem Punkt legen wir ausgedruckte Bilder auf den Boden und fragen, welche Bilder bei den Kindern Angst auslösen.» Nebst Bildern von Pippi Langstrumpf oder Blumen ist etwa ein dunkler Wald oder ein Gewitter zu sehen. So wird der Bogen gespannt zu Filmen, die bei den Kindern vielleicht auch schon Angst ausgelöst haben. «Dabei wird dann erklärt, dass man nicht alles glauben soll, was man auf dem Bildschirm sieht.»

Bilder sind manipulierbar

Um ein Beispiel dafür zu liefern, basteln sie mithilfe eines Lernvideos eine sogenannte Zauberscheibe: Ein Kreis, auf der einen Seite Peter, auf der anderen seine Kuh, der auf beiden Seiten an einer Schnur befestigt ist. Wenn man die Schnur verdreht und loslässt, wirkt es durch die Rotation, als ob Peter die Kuh festhält.

Am Ende dürfen die Kinder selber zaubern: Mithilfe eines sogenannten Greenscreens und einer entsprechenden App werden die Kinder in eine andere Umgebung, einen Strand, einen Dschungel oder neben einen Tiger, gepflanzt.«Es geht um ein erstes Heranführen. Zu zeigen, dass man ganz einfach Bilder manipulieren kann und kritisch sein soll.» Eine Eigenschaft, die in Zeiten von Fake News gefordert sei. «Wie finde ich mich zurecht, was bedeuten diese Informationen?» Einordnung statt Auswendiglernen.

12000 Franken gewonnen

Kläuis multimediale Kindergarten-Lektion stösst auf Interesse. Nach positiven Rückmeldungen reichte sie ihr Konzept beim Spotlight-Wettbewerb der finnischen Non-Profit-Organisation Hundred ein, die weltweit auf der Suche nach förderungswürdigen Innovationen im Bildungsbereich ist. Kläuis Idee war prompt unter den zehn ausgezeichneten Schweizer Projekten und erhielt am 30. Oktober im Rahmen des Campus Seminar in Zürich 12000 Franken, die der Schule Wiesendangen zweckgebunden zugute kommen.

«Mit dem Geld wollen wir das Projekt weiterentwickeln, etwa weiteres solches Material vorbereiten», sagt Kläui, die am vergangenen Wochenende nach Helsinki eingeladen war, um ihr Projekt dort einem internationalen Publikum vorzustellen und weitere Referate und Workshops zu digitaler Transformation und Bildung zu besuchen.

«Man bringt nicht mehr einfach Wissen bei, sondern entdeckt das Medium zusammen.»

Zurück in Wiesendangen: Die Umstellung auf digitale Medien sei auch für die Lehrerinnen und Lehrer ein Rollenwechsel. «Man bringt nicht mehr einfach Wissen bei, sondern entdeckt das Medium zusammen.»

Dieses gemeinsame Eintauchen sei ein Rollenwechsel und benötige Mut. Kläui ist als pädagogische ICT-Fachperson im 15-Prozent-Pensum für die digitale Transformation zuständig, zusammen mit Andrea Kern beträgt das Gesamtpensum an der Primarschule 25 Prozent.

«Ergänzung, nicht Ersatz»

Die Befürchtung von Eltern, dass nun selbst die Kleinsten jeden Tag vor dem Bildschirm hocken, entkräftet Kläui. «Sie sollen weiterhin in den Wald oder mit Klötzli bauen und Kinder sein dürfen, das ist uns auch wichtig.» Die Momente mit den Tablets sollen eine Ergänzung und kein Ersatz sein. «Denn die Gesellschaft verändert sich und bereits die Kleinsten registrieren, dass viele Erwachsene im Smartphone herumtöggeln.» Dieser Umgang, wann man es einsetze und wann nicht, lerne man am besten von klein auf.

Um den Eltern die vielfältige Einsatzmöglichkeit näherzubringen, ist für den nächsten Monat ein digitaler Adventskalender geplant. Hinter den Türchen präsentieren die Schülerinnen und Schüler dann jeden Tag etwas Kreatives, ein Lied oder Filmchen beispielsweise.

Erstellt: 13.11.2019, 15:58 Uhr

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