Kirchen

«Kirchen dürfen kein Sozialamt werden»

Hans Hollenstein will ab nächstem Sommer der katholischen Kirchenpflege vorstehen. Im Interview spricht er über seine Auffassung der Kirche im Staat und rüttelt an einem Grundsatz der katholischen Lehre.

Hans Hollenstein: «Die Kirchen sollen soziale Aufgaben wahrnehmen, aber sie sollten nicht allzuviele Staatsaufgaben übernehmen.»

Hans Hollenstein: «Die Kirchen sollen soziale Aufgaben wahrnehmen, aber sie sollten nicht allzuviele Staatsaufgaben übernehmen.» Bild: PD

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Herr Hollenstein, nach einer Karriere als Stadtrat, Regierungsrat und Präsident einer Bundesbehörde zieht es Sie nun auch noch in die Kirche?
Hans Hollenstein: Ja, ich stelle mich im Sommer als Kirchenpflege-Präsident der katholischen Kirchgemeinde zur Wahl und bin bereit, dieses spannende und funktionierende Gremium zu präsidieren.

Aber Sie sind erst seit kurzem in der Kirchenpflege, und dann gleich Präsident?
Man muss dazu wissen, dass die Kirche als duales System funktioniert: Auf der einen Seite sind die Pfarrer, die mit bischöflichem Auftrag arbeiten. Auf der anderen Seite, der weltlichen, wirkt die Kirchenpflege nach Kirchenrecht des Staates. Sie ist beispielsweise für Immobilien, Finanzen, Personal, Kommunikation und Entwicklungshilfe zuständig, da habe ich einiges an Erfahrung. Zudem bin ich eben seit Juni 2018 bereits Vize-Präsident.

Dazu kommt viel Verantwortung. Die katholische Kirchenpflege Winterthur ist die grösste des Kantons, mit über 150 Angestellten.
Ja, und acht Pfarreien mit einem Jahresbudget von ungefähr 15 Millionen Franken. Die Aufgabe reizt mich deshalb auch als Ökonom. Der Präsident leitet die sehr breit aufgestellte Kirchenpflege. Es ist sehr viel Knowhow vorhanden.

Mehr Professionalisierung ist also aus Ihrer Sicht nicht notwendig?
Nein, so wie ich das beurteilen kann, sind die Behörde und das Personal hervorragend aufgestellt. Zum Beispiel betreut ein ehemaliger Controller aus der Industrie die Finanzen. Die ganze Administration, aber auch die Sozialarbeiterinnen oder Organisten machen einen kompetenten Job.

Seit Sie Vizepräsident sind, haben Sie vertieften Einblick in die Abläufe der Kirche in Winterthur. Sind Sie mit allem einverstanden, was die katholische Kirche offiziell vertritt?
Ich halte meine Meinung da etwas zurück, da die Kirchenpflege wie gesagt nicht den seelsorgerischen Teil des Kirchenlebens abdeckt.

Ich würde es sehr begrüssen, wenn die katholische Kirche Pfarrerinnen hätte.

Dennoch ein Beispiel: Was halten Sie davon, dass auch unter Papst Franziskus noch immer keine Frauen Pfarrerinnen werden können?
Wenn Sie mich nach meiner persönlichen Meinung fragen: Ich würde es sehr begrüssen, wenn die katholische Kirche Pfarrerinnen hätte. Ja, Frauen sollten geweiht werden können, um dann in den Gemeinden als Pfarrerinnen wirken zu können. Ich sehe keinen Grund, warum die Kirche das nicht ernsthaft angehen soll.

Als Politiker standen Sie lange Jahre auf der Seite des Staates. Wie finden Sie es, dass Kirchen immer mehr soziale Dienste übernehmen? In Winterthur beispielsweise Betreuungsaufgaben von Jugendlichen oder Flüchtlingen?
Das ist tatsächlich herausfordernd. Die Kirchen sollen soziale Aufgaben wahrnehmen, aber sie sollten nicht allzuviele Staatsaufgaben übernehmen. Die Kirchen dürfen kein Sozialamt werden. Wo aber der Staat wegfällt, hat die Kirche die Pflicht, ihren Beitrag zu leisten.

Sprechen wir noch über ihr auslaufendes Mandat in Bern. Als Präsident der unabhängigen Aufsichtsbehörde PostCom beaufsichtigten sie in den letzten Jahren den schweizerischen Postmarkt. Hatten Sie nun auch in irgendeiner Weise mit dem Postauto-Skandal zu tun?
Nur am Rande, ich wurde zum Beispiel im Sommer vor den national- und ständerätlichen Kommissionen gebeten, über die Finanzierung der Grundversorgung inklusive Poststellen zu sprechen. Für den Bereich Postauto ist aber das Bundesamt für Verkehr zuständig.

Das Kirchenpflege-Amt kommt zur rechten Zeit: Dieses Jahr werden Sie 70 Jahre alt, die Alterslimite für die PostCom. Hätten Sie ohne Limite noch weitergemacht?
Nein, ich habe diese Aufsichtsstelle im Auftrag des Bundesrates aufgebaut und ab 2012 als erster Präsident geleitet und damit auch geprägt. Ende Jahr sollte dann jemand anders das Steuer übernehmen. Rotationen sind wichtig.

Noch eine Frage zur CVP: Engagieren Sie sich noch politisch, sind Sie noch in irgendwelchen Gremien aktiv?
Ich bin nicht mehr aktiv, aber ich wirke als Berater auf Abruf.

Wen beraten Sie?
CVP-Gremien und CVP-Politiker, die sich bei mir melden und um Unterstützung froh sind.

Erstellt: 13.01.2019, 15:58 Uhr

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