Trauungen

Kirchlich heiraten ohne Kirche

Die Reformierten stimmen im September über die neue Kirchenordnung ab. Darin ist vorgesehen, dass Taufen, Trauungen und Abdankungen nicht mehr grundsätzlich in Kirchen stattfinden müssen. Damit kommt die reformierte Kirche einem Bedürfnis nach.

Immer weniger Paare heiraten in Kirchen. Die reformierte Kirche will nun auch für diejenigen da sein, die eine andere Lokalität wählen.

Immer weniger Paare heiraten in Kirchen. Die reformierte Kirche will nun auch für diejenigen da sein, die eine andere Lokalität wählen. Bild: Shotshop.com

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Die kleine Kirche Wetzwil ist eine klassische Hochzeitskirche. Sie liegt idyllisch inmitten von Wiesen hoch über Herrliberg am Zürichsee. Vor zwanzig Jahren standen die Brautpaare im Sommer Schlange, um in Wetzwil heiraten zu können. «Damals fanden im Sommer zwei bis drei Hochzeiten pro Wochenende statt», sagt Dora Ledergerber, Sigristin der Kirche Wetzwil. Das sei heute nicht mehr so. 2018 lassen sich gerade noch zwei Paare in der Kirche trauen.

Heiratswillig sind die Paare aber immer noch. Jährlich werden um die 8500 Ehen im Kanton Zürich geschlossen. 2017 waren es 8234. Aber immer weniger Paare lassen sich in Kirchen trauen. 2017 wurden 621 Ehen in reformierten Kirchen geschlossen, 750 in katholischen. Zusammen sind das nur rund 17 Prozent aller Trauungen.

Die anderen heirateten etwa in Restaurants, ehemaligen Industriehallen, Scheunen oder draussen. Diesen Trend kennt auch die Wetzwiler Sigristin Dora Ledergerber bestens. Ihre Familie führt in Herrliberg den Hof Schlattgut, wo auch Anlässe stattfinden, vor allem Hochzeiten: «Bis Ende 2019 sind wir bereits ausgebucht», sagt sie.

Kirche ist nicht mehr die Regel

Gegen den jahrzehntelangen Rückgang der kirchlichen Trauungen will die reformierte Landeskirche nun etwas unternehmen. Am 23. September stimmen die Reformierten im Kanton über eine Teilrevision der Kirchenordnung ab (siehe Kasten). Darin ist auch eine Öffnung der kirchlichen Handlungen vorgesehen.

Diese müssen nicht mehr «in der Regel» – wie die heutige Formulierung lautet – in der Kirche stattfinden. Vielmehr können Taufen «in begründeten Fällen», Trauungen «auf Anfrage des Brautpaares» und Abdankungen «auf Wunsch der verstorbenen Person» auch ausserhalb von Kirchen durchgeführt werden.

Einer, der dies schon länger so handhabt und sich für die Umformulierung in der Kirchenordnung eingesetzt hat, ist Andrea Marco Bianca, Pfarrer in Küsnacht und Vizepräsident des reformierten Kirchenrats. Etwa die Hälfte der Paare, die Bianca traut, heiraten nicht in kirchlichen Räumen, sondern zum Beispiel in einem Rebberg im Tessin, einer Villa im italienischen Stresa, in Mallorca oder auf einem Heuballen unter einem Baum. Solange ein würdiger Rahmen gegeben sei, würde er keinen Ort kategorisch ausschliessen, sagt der Pfarrer.

«Viele finden im Internet teure Ritualbegleiter, dabei sind wir Pfarrer hier die Profis.»Andrea Marco Bianca, Pfarrer und Kirchenrat

Diese Trauungen finden keinen Eingang in die Statistik der reformierten Kirche des Kantons Zürich. Traut Bianca ein Paar in einer Kapelle im Bündnerland, wird die Trauung dort gezählt, traut er jemanden im Wald, erscheint diese in keiner Statistik.

Anders ist dies bei den Katholiken, wie ein Sprecher der katholischen Kirche im Kanton Zürich sagt. Die katholische Kirche handhabe die Frage nach der Örtlichkeit unbürokratisch. Prinzipiell finden Trauungen oder Taufen in der Kirche statt. In begründeten Situationen könne man eine Ausnahme machen. Dann liege die Verantwortung beim Priester oder Gemeindeleiter.

Pfarrer sind die Profis

Viele Paare seien heute kaum mehr in Kirchen und wollten nicht dort heiraten, weil das Gebäude nicht zu ihnen passe, sagt Andrea Marco Bianca. Vielmehr suchten Brautpaare heute zuerst die Lokalität des Festes und schauten dann, wer sie dort trauen könne. «Viele finden im Internet teure Ritualbegleiter, dabei sind wir Pfarrpersonen hier die Profis.» Als Pfarrer könne er biblische Werte übersetzen in heutige Worte. Für die Brautpaare zeige sich Gott oder der Glaube oft nicht in der Kirche, sondern in ihrer Beziehung zueinander.

«Bewusster Systemwechsel»

Die Anpassung in der reformierten Kirchenordnung sei klein, bedeute aber einen bewussten Systemwechsel, sagt Bianca. «Es setzt ein anderes Verständnis der Kirche voraus – weg vom Festgefahrenen der Organisation, hin zum Mobilen der Mitglieder.» Er sieht darin eine Chance für die reformierte Kirche. Die Öffnung der kirchlichen Handlungen passe auch gut zum 500-Jahr-Jubiläum der Reformation.

Dieser Punkt in der Kirchenordnung war im Kirchenparlament nicht unumstritten. Vor allem bei der Taufe – einem der beiden reformierten Sakramente – hegten manche Synodale Zweifel und wollten an der ursprünglichen Formulierung festhalten. Bislang musste die reformierte Taufe im Gemeindegottesdienst stattfinden, für gewöhnlich am Sonntagmorgen. Damit kann die Gemeinde das neue Mitglied willkommen heissen. «Die wenigen älteren Menschen, die heute an einem Sonntag noch in der Kirche sind, entsprechen kaum mehr der Gemeinde als Ganzes», hält Bianca dagegen. Auch Familie und Freundeskreis des Kindes können die Gemeinde verkörpern.

«Man muss das gerne machen»

Natürlich bedeute eine Taufe oder Trauung ausserhalb der Kirche mehr Aufwand für die Pfarrperson und ein Bruch mit fixen Mustern, räumt Bianca ein: «Man muss das gerne machen.» Er lasse sich nur für die Spesen für Anreise und Übernachtung vom Brautpaar bezahlen. Sonst ist die Dienstleistung eines Pfarrers für Kirchenmitglieder kostenlos. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 02.08.2018, 17:22 Uhr

Die Kirche Wetzwil hoch über Herrliberg am Zürichsee ist eine typische Hochzeitskirche - aber kaum jemand will mehr dort heiraten. (Bild: Reto Schneider)

Neue Kirchenordnung

Teilrevision wegen Gemeindefusionen

Notwendig wird die Teilrevision der reformierten Kirchenordnung wegen des Prozesses namens Kirchgemeinde plus. Dieser wurde vom Kirchenrat angestossen, weil die reformierte Kirche im Kanton Zürich jährlich über 5000 Mitglieder verliert. 2017 waren es sogar 6758. Bis 2023 sollen rund drei Viertel der heutigen Kirchgemeinden verschwinden und in grösseren Einheiten flexibler und professionieller organisiert sein. Am weitesten ist dabei die Stadt Zürich. Dort schliessen sich Anfang 2019 32 Kirchgemeinden zusammen. Damit dort ein Kirchenparlament die heutigen Kirchgemeindeversammlungen ersetzen kann, braucht es eine Anpassung der Kirchenordnung. Darin wird aber auch die Verteilung der Pfarrstellen, die Wohnsitzpflicht und die Durchführung von Trauungen, Taufen und Abdankungen neu geregelt. Vor allem die Verteilung der Pfarrstellen war an der Kirchensynode im vergangenen Frühling umstritten. Vertreter von kleinen Kirchgemeinden wehrten sich dagegen. Schliesslich hat sich die Synode mit 71 zu 23 Stimmen für die Teilrevision ausgesprochen. Definitiv entscheidet das reformierte Stimmvolk am 23. September. Vertreter von Kirchgemeinden im Zürcher Oberland haben angekündigt, die Vorlage zu bekämpfen. Die Landeskirche organisiert ab Ende August Informationsveranstaltungen. kme
www.zhref.ch/kirchenordnung

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