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Kistler und der unbedingte Wachstumswille

Nächstes Jahr will der Sensorenhersteller Kistler bei der Stadt das Baugesuch für eine Smart-Factory in Wülflingen einreichen. Die Diskussionen um Standort und Parkplätze aber verlaufen harzig, wie anlässlich einer Betriebsbesichtigung zu erfahren waren. Auch kleine Probleme kamen dabei auf den Tisch.

Rolf Sonderegger, CEO der Kistler Instrumente AG, ist der Posterboy der Winterthurer Wirtschaft. Seine auf Sensoren spezialisierte Firma kennt nur eine Richtung: nach oben.
Rolf Sonderegger, CEO der Kistler Instrumente AG, ist der Posterboy der Winterthurer Wirtschaft. Seine auf Sensoren spezialisierte Firma kennt nur eine Richtung: nach oben.
Madeleine Schoder

Präzision ist alles für den Winterthurer Sensorenhersteller Kistler. Was den Ansprüchen nicht genügt, wird gnadenlos aussortiert und landet auf dem Müll. Bald bricht in den Produktionsräumen der Firma in Wülflingen diesbezüglich wieder die kritische Jahreszeit an. Vor Weihnachten ist der Ausschuss in der Montage nämlich überdurchschnittlich hoch. Den Grund dafür würde man nicht erraten. «Unsere Mitarbeiter essen dann mehr Mandarinen», sagt Geschäftsleitungsmitglied Marc Schaad. Die Rückstände bleiben an den Fingerkuppen haften und schummeln sich hinein in die saubere Montageumgebung.

Sensoren statt Zahnstein

Das Mandarinli-Problem war eine von vielen Entdeckungen auf einem Rundgang, an dem sich am Donnerstag um die 100 Gewerbetreibende aus Winterthur und Region beteiligten. «Gesichtspunkte» nennt sich die Veranstaltungsreihe, die von der Unternehmensberatung PWC in der ganzen Schweiz organisiert wird und in Winterthur zum dritten Mal stattfand. Es ist ein Netzwerk-Anlass, wie es viele gibt, mit Apéro und Vorträgen, aber immer mit einer Betriebsbesichtigung.

In der Montage arbeiten vor allem ehemalige Uhrmacher und Dentalhygienikerinnen. Es ist ein Beruf, der viel Konzentration und Feinmotorik abverlangt, fast alle Arbeitsschritte finden unter dem Mikroskop statt. «Die besten können vier Stunden am Stück arbeiten», sagt Schaad. Andere hätten nach einer halben Stunde eine Pause nötig. Die Zeit teilen sich die Arbeiter selbst ein. Es zählen Leistungsziele.

Die Montage soll künftig in einem Reinraum stattfinden, erzählt Schaad, mit noch besseren Hygienestandards. Das senke die Produktivität, sagt Schaad. Aber es steigert die Qualität. Und die ist das Verkaufsargument der Firma Kistler, die schon die NASA beliefert hat und sämtliche Formel 1-Teams mit Sensoren versorgt, die den Zylinderdruck messen. Was so ein Formel1-Sensor kostet, will auf dem Rundgang jemand wissen und rät: 1000 Franken. «Viel mehr», sagt Schaad lächelnd. Die Formel 1 ist zwar nur ein Nebengeschäft für Kistler. Aber, so Schaad: «Wir sind einer der wenigen Hersteller, die auch mit dem Rennsport Geld verdienen.»

Die Verbindung mit dem Automobilbau ist eng. Fast alle Hersteller der Welt finden sich unter den Kunden. Zylindersensoren sind dabei das wichtigste, aber nicht das einzige Produkt. Kistler züchtet Kristalle, die auf Druck mit einer elektrischen Ladung reagieren – das Fundament des Firmenerfolges. Der gemessene Druck fliesst in die Motorensteuerung. So wird in der Formel 1 verhindert, dass der Motor explodiert. In der Massenproduktion der Autoindustrie dagegen geht es um saubere Verbrennung. Auch bei Schiffsmotoren werden die Sensoren immer wichtiger. «Ein Tanker emittiert pro Jahr so viel Stickoxide wie eine Viertelmillion Autos», sagt Schaad. Der politische Druck auf die Emissionswerte ist ein Grund, warum Kistler trotz «Dieselgate» und Diskussionen über ein Verbot von Verbrennungsmotoren zuversichtlich bleibt. Kurzfristig werde man profitieren, ist Rolf Sonderegger überzeugt, der umtriebige CEO und Sohn eines der beiden Firmengründer. Was aber, wenn es nur noch Elektromobile gibt, wird er in einer kurzen moderierten Runde von «Landbote»-Chefredaktor Benjamin Geiger gefragt. «Das Elektromobil kommt nicht so schnell, wie sich die Politik das vorstellt», sagt Sonderegger. Ausserdem sei das Unternehmen breit diversifiziert und in vielen Nischen tätig.

Die Basis dafür legte Kistler, eine Firma mit heute 1700 Mitarbeitern und Standorten auf der ganzen Welt, auch mit Akquisitionen. Nicht weniger als elf Unternehmen hat Kistler seit 2002 übernommen. Darunter viele Betriebe in Deutschland, die zu klein waren, um ihr Geschäftsmodell zu internationalisieren. «Wir Schweizer ticken da anders, wir müssen globalisieren», sagt Sonderegger. Seine Firma hat einen Exportanteil von 98 Prozent.

Wülflinger Platzprobleme

Viele Unternehmensaufgaben werden heute im Ausland wahrgenommen, in Bratislava etwa betreibt Kistler ein Softwarezentrum. Die Wertschöpfung aber passiert laut Sonderegger immer noch in Winterthur. Von Geiger gefragt, gibt Sonderegger einmal mehr ein Bekenntnis zum Standort in Wülflingen ab. Er will in hier eine Smart-Factory bauen, vermutlich auf dem Parkplatz. Mehr Ausnützung gibt das Grundstück nicht her. Noch aber gibt es viele Probleme, auch was die künftige Parkplatzzahl angeht, bis 2018 aber soll das Baugesuch stehen. Sonderegger will mit Kistler weiterwachsen. Auf einer Folie legt er vor aller Augen die Umsatzziele auf. 360 Millionen Franken steht da für 2016, über 650 fürs 2020.

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