Stadtkultur

Klavierkonzert mit Perkussionspelerinen

Am Freitag, dem ersten Abend des Classic Open Air im Rychenbergpark, spielte das Wetter mit. Das ist nicht als Redewendung gemeint.

Familiäre Stimmung: Blick vom Hügel auf das Gelände des Classic Open Air.

Familiäre Stimmung: Blick vom Hügel auf das Gelände des Classic Open Air. Bild: Marc Dahinden

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Sind es die Regentropfen, die man so gut hört, oder rascheln die Plastikjacken? Die perkussiven Geräusche sind nicht regulär, sie fallen aus dem Takt – Dirigent Roberto González Monjas hat darauf keinen Einfluss, er steht mit dem Rücken dazu. Das Publikum jedenfalls hat nur darauf gewartet, selbst einen akustischen Beitrag zu leisten. Kaum fällt der erste Tropfen, werden sämtliche verfügbaren Pelerinen und Jacken übergezogen, als hätte die Regie es befohlen. Das Timing des Wetters an diesem Abend ist erstklassig: Es tröpfelt so lange, bis Teo Gheorghiu am Klavier seine Zugabe, ein leichtes, helles Stück von Albéniz, zu Ende gespielt hat, dann ist Pause, alle suchen Schutz, und Minuten später stürzt die Flut herunter.

Über dem Bühnendach, das an ein Zelt erinnert, hängen schon im zweiten Satz von Beethovens Fünftem Klavierkonzert sahara-sandgraue Wolken. Das passt gut zu dieser Musik, die zwar nicht düster ist, aber immer irgendwo hin will, auf etwas Kommendes zueilt, es herbeisehnt, diesmal sind es offenbar die Wolken, die den Ruf erhören. Gheorghiu und das Musikkollegium nehmen den Satz leicht und heiter, auch im schnellen dritten Satz gibt Gheorghiu nicht den Virtuosen, er streicht verspielt über die Tasten. Und das Finale ist von graziler Leichtigkeit.

Im ersten Satz, den der 25-jährige Pianist jugendlich und kraftvoll angeht, sind die schnellen Läufe manchmal unpräzis, dafür fallen die gelungenen Wechsel zu den schwebenden Einschüben auf. Für diesen Satz gibt es dann schon Applaus – im Konzertsaal wäre das ein Fauxpas, aber wir befinden uns im Freien. An der Seite der Stuhlreihen sitzt man auf Decken und Klappstühlen, erst wird gegessen und getrunken, dann Musik gehört: Das Classic Open Air des Musikkollegiums, nun schon in der fünften Ausgabe, ist ein Gartenerlebnis. Damit kann man offenbar alt werden: «Musikkollegium Winterthur – Unser Orchester seit 1629» steht auf einer Werbefahne am Bühnenrand.

Die Stimmung ist familiär und auffallend entspannt. Einige Tische, an denen gegessen wird, stehen direkt unter Bäumen und bieten einen Anblick wie auf einem Gemälde aus dem Barockzeitalter. Da und dort reihen sich prominente Politikerinnen mit männlicher Begleitung ein. «It’s a picnic, we must find out, we can do that too», lässt sich die Stimme einer älteren Dame vernehmen. «That’s the Singfrauen Winterthur», sagt der ältere Herr und weist vermutlich mit einer Geste hinüber zu den an ihren Farben erkennbaren Sängerinnen, die am Rand der Wiese auf ihren Einsatz warten. Chefdirigent Thomas Zehetmair scherzt auf dem Weg mit einem Bratschisten des Orchesters, der heute spielfrei hat und beim Finden der Plätze behilflich ist. Im Einsatz ist Zehetmair erst am Sonntag, der als «Familientag» gilt, auch ein «Flötenclown» ist dann dabei.

In Reihe zwölf wird gehustet, bald darauf donnert es, vorne links sagt jemand etwas, unten fahren Autos: Die Aufmerksamkeit ist schnell dort, wo auch noch etwas passiert, die Konzentration, das dichte musikalische Erlebnis des Konzertsaals sucht man hier wohl vergebens. Dafür ist der Himmel nahe. Nach einer halben Stunde Pause, genau wie es die Wetter-App von Musikkollegiums-Direktor Samuel Roth versprochen hat, endet der Regen, die Luft beginnt im Abendlicht zu leuchten. Zeit für den «Sommernachtstraum» von Felix Mendelssohn und dann für die Singfrauen Winterthur, die, begleitet vom Albin-Brun-Quartett, Volkslieder aus aller Welt singen. (Der Landbote)

Erstellt: 08.07.2018, 19:07 Uhr

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