Winterthur

Landschaftsmalerei, neu erfunden und entdeckt

Bignia Wehrli aus Sternenberg und Berlin fixiert Spuren, die Sonne, Licht und Töne hinterlassen. Die Ausstellung in der Kunsthalle gleicht einem naturwissenschaftlichen Labor und lässt sich als «Landschaftsmalerei» mit anderen Mitteln deuten.

«Ohrmeter» mit Kompass von Bignia Wehrli. Bild: Madeleine Schoder

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Was in Bignia Wehrlis Werk auffällt: Immer spielt die Landschaft eine Rolle, manchmal eine zentrale. Und weil die 1979 in Uster geborene Künstlerin auch im Kleid der Wissenschafterin auftritt, entsteht eine ganz neue Form der «Landschaftsmalerei» mit den Mitteln von Fotografie, Video und Performance. Dabei greift sie zur Erfassung und Aneignung von Phänomenen der Wahrnehmung nicht auf den Pinsel zurück, sondern hat spezifische Geräte und Instrumente entwickelt.

Sie sind Teil der Ausstellung und geben ihr einen zwischen Labor und Dokumentation schwankenden Charakter. Die künstlerischen Exponate, die an den Wänden hängen, sind vergleichbar mit wissenschaftlichen Protokollen. «Landschaft» im weitesten Sinne erscheint darin verwandelt in einer abstrakten Gestalt: als kreisförmige Spuren des Sonnenlichts auf Gelatinepapier («Sonnenzirkel», 2017) etwa oder als Tonpartitur einer Landschaftsvermessung («Triklang», 2012/2018).

Reizvoller Eigenbau

Im Gegensatz zum hohen Abstraktionsgrad wirkt die Eigenkonstruktion der Instrumente zur Datenerfassung gebastelt. Die Fotoapparatur ist in einer robusten Holzkiste mit runder Öffnung installiert; ihre Schwimmfähigkeit (auf dem Rhein oder der Töss) wird durch einen schwarzen Gummireifen gesichert. Das einsaitige, «Ohrmeter» genannte Klanginstrument mit integriertem Kompass entstand ebenfalls im Eigenbau und wird in der Ausstellung auf einem Dreifussstativ montiert gezeigt.

Man fühlt sich ins 19. Jahrhundert zurückversetzt.

Die akzentuiert handwerkliche Haltung ist höchst reizvoll, besonders zusammen den (pseudo)-wissenschaftlichen Referenzen, welche die anachronistische, anti-digitale Seite in Wehrlis Recherchen betonen. Man fühlt sich ins 19. Jahrhundert zurückversetzt und wähnt sich in einer vormodernen naturwissenschaftlichen Ausstellungskammer.

Akustische Landvermessung

Im Kontrast zur Historie stehen die digitalen Videopräsentationen. Sie markieren den Pol der technologisch avancierten Gegenwart, und so baut sich eine starke Spannung zwischen Epochen und Geisteshaltungen auf. Sie ist im Werk «Triklang» sogar direkt erlebbar. Laut Flyer werden mit dem «Ohrmeter» geografische Distanzen in unterschiedliche Tonhöhen übersetzt. Diese «akustische Landvermessung» basiert auf einer sächsischen Triangulationskarte aus dem 19. Jahrhundert und entstand in Kollaboration mit dem Dresdner Komponisten Peter Andreas. Die Videos zeigen die Tonaufnahmen an den verschiedenen, oftmals erhöhten Standorten in Sachsen.

Im Kontrast zur Historie stehen die digitalen Videopräsentationen. Sie markieren den Pol der technologisch avancierten Gegenwart.

Da kommen einem spontan die beseelten Bilder Caspar David Friedrichs (1784-1840) in den Sinn. Die schrillen Töne des «Ohrmeters» in der 3-Kanal-Installation sind indes mehr Tortur als Genuss. So muss sich der Schöpfer des «Kreidefelsen» im Reinhart am Stadtgarten gefühlt haben, wenn ihn eine Depression beinahe in den Wahnsinn trieb.

Im Video «Den Horizont in der Hand halten» (2017) – gleichzeitig auch der Ausstellungstitel – taucht mit der Horizontlinie, dem Meer und dem Himmel ein weiteres prominentes Friedrich-Motiv auf. Aber nicht christliche Transzendenz wie beim deutschen Vertreter der Romantik ist Wehrlis Thema. Für die Künstlerin ist laut Flyer der Horizont «eine Schnittstelle zwischen Sicht- und Unsichtbarem» – was auch immer das heissen mag. Am meisten beeindruckt daran der muskulär anspruchsvolle Balanceakt, bei dem ein Glas mit Zitronenlimonade gefüllt auf den fernen Horizont ausgerichtet wird.

Irrationalität und Rationalität

Wenn Friedrich hier ins Spiel gebracht wurde, so ist das ein (begründeter) interpretatorischer Versuch, nicht nur das Déjà-vu der bereits letztes Jahr in Vaduz gezeigten Werke «Sonnenzirkel» und «Horizont» mit einer neuen Schicht zu überlagern. Es ist auch ein Ansatz, Dimensionen und Spannungen, die in Wehrlis Werk nicht unbedingt intentional angelegt sind, wie die zwischen der Rationalität der Wissenschaft und der Irrationalität der Kunst, jenseits des langweiligen Kuratorenjargons festzumachen.

Wie schön die Flossfahrt auf dem Rhein oder der Töss, wie faszinierend diese Bewegungen zu kartografieren und mit der Sonne in Beziehung zu setzen. Ist das nicht auch «Landschaftsmalerei», nur mit anderen Mitteln?


Bis 22.4., Kunsthalle, Marktgasse 25. Mi-Fr 12-18, Sa/So 12-16 Uhr. Kunstparty mit «Ohrmeter»-Peformance: 18. April. Zudem wird dann die erste Tranche einer mehrteiligen Publikation präsentiert.

(Der Landbote)

Erstellt: 04.03.2018, 14:45 Uhr

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