Winterthur

«Mach mir etwas Schönes»

Sahak Demirci ist Goldschmied in Winterthur. Ein Gespräch übers Handwerk, ein sehr spezielles Stück und warum für ihn schon Paare aus Berlin angereist sind.

Sahak Demirci ist spezialisiert auf Trauringe für gleichgeschlechtliche Paare: «Sie wollen keine Regenbogenfarben oder bunte Federn».

Sahak Demirci ist spezialisiert auf Trauringe für gleichgeschlechtliche Paare: «Sie wollen keine Regenbogenfarben oder bunte Federn». Bild: Nathalie Guinand

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Ein Goldschmied muss zwei Dinge können: Er muss genau arbeiten. Aber genauso braucht er ein Gespür, ein Auge für die Kunst. «Davon lebt der Beruf», sagt Sahak Demirci, während er Feile und Schleifpapier bereitlegt. Er sitzt an seiner Werkbank, die Schultern auf Tischhöhe, und entfernt mit der Feile die Rohschicht von zwei Rotgold-Kreolen. Am Ende wird daran ein australischer Boulder-Opal hängen. Die Ohrringe sind eine Auftragsarbeit für einen Kunden, mit dem er mittlerweile auch befreundet ist. Es wird ein Weihnachtsgeschenk für dessen Frau. Der Goldstaub fällt in eine Ledermulde, die unter der Bank befestigt ist. Auf die Feile folgt Schmirgelpapier. Je feiner geschmirgelt wird, desto schöner der Glanz.

Beim Arbeiten stützt der 34-Jährige seine Hände am Feilnagel ab, einem Keil aus Hartholz. «Er ist das Heiligtum jedes Goldschmieds», sagt er. In der Lehre erhalten, trennt sich kein Schmied mehr vom Holz. «Man nimmt ihn mit an jeden neuen Arbeitsplatz.» Demirci weiss genau, wo er das Schmuckstück hinlegen muss, damit der Winkel fürs Schleifen, Versäubern oder Anpassen sitzt. 16 Stunden Handarbeit braucht es, bis die Ohrringe fertig sind. Kostenpunkt: 15 000 Franken. «Das ist nicht der Preis für eine Marke, sondern der Wert der Handarbeit», meint er.

Demirci ist etwas aus der Übung, er sucht immer wieder in den vielen Schubladenfächern nach dem richtigen Werkzeug. Als Geschäftsführer ist er viel mit Verkaufen, Planen und Kreieren beschäftigt, kommt nur noch einmal pro Woche «an die Bank».

Seit zehn Jahren ist der Winterthurer selbstständig, sein erstes Atelier hatte er im Keller seiner Wohnung, 2012 hat er mit «Faktor S» an der Obergasse seine erste Filiale eröffnet, vor zwei Jahren eine weitere in Zürich. Das Geschäft in Winterthur ist ein langer, schmaler Raum, hinter dem Schaufenster stehen auf dem Steinboden zwei Holztische für Beratungen, dahinter aufgereiht drei Werkbänke. An der Wand hängen eingerahmte Zitate wie: «Werke sind Briefe an die Menschheit». Seit 32 Jahren ist das Haus ein Goldschmiedgeschäft, früher werkte hier «Katzenkünstler» Bruno Büchi, die Bänke sind noch von damals. Vier Leute arbeiten in Winterthur, vier in Zürich, für die Branche ist das bereits ein grösserer Betrieb.

Demirci hat sich in der Gay-Community einen Namen gemacht, er ist spezialisiert auf Trauringe für gleichgeschlechtliche Paare. Obwohl bei seinem Lebenspartner und ihm Heiraten nie ein Thema war, haben ihm befreundete Paare immer wieder von schlechten Erlebnissen berichtet, als sie Ringe kaufen wollten. «Viele Verkäufer waren überfordert mit der Situation und sagten beispielsweise ‹Da haben wir nichts für Sie›.» Das Gefühl, exponiert zu sein, kam immer wieder auf. «Als Gleichgesinnter kann ich das besser», dachte sich Demirci und gründete vor drei Jahren eine Schmuckmarke nur für homosexuelle Paare.

Das löste viel Resonanz aus, ein Männermagazin aus Deutschland wurde auf ihn aufmerksam, druckte einen grossen Artikel. Seither kommen regelmässig Aufträge aus Deutschland, Pärchen aus Berlin und Köln besuchen ihn in Winterthur.

Haben Schwule und Lesben einen anderen Geschmack als Heteros? «Nein, sie wollen auf keinen Fall Regenbogenfarben oder bunte Federn», sagt Demirci. Männer mögen es klassisch, Diamante seien auch beliebt. Lesbische Frauen hingegen wollten nie irgendwelche Steine. «Mit den Kundinnen witzle ich manchmal, dass das wohl nicht so zum Holzfällerhemd passen würde.»

Demirci ist 1984 im Thurgau geboren und in Kreuzlingen aufgewachsen. Die Eltern, Armenier, sind in der Türkei geboren und schon in jungen Jahren in die Schweiz ausgewandert. Er trägt einen türkischen Nachnamen. Zufall, dass dieser auf Deutsch ‹Eisenschmied› bedeutet. Auf Armenisch kann er noch smalltalken, Türkisch spricht er wegen der Grosseltern.

Neben Architekt und Modedesigner wollt er früher auch Goldschmied werden. «Als ich einen Tag in einem Betrieb geschnuppert habe, hat mir das aber abgelöscht. Der Inhaber war rassistisch.» Trotzdem empfiehlt er einem Freund später in der Kunstschule das Goldschmieden und lässt sich von dessen Freude am Beruf anstecken. Er beginnt seine Lehre beim Juwelier «Furrer Jacot» in Schaffhausen unter Chef-Designer Lucas Ruppli. Und blüht auf. «Das war das Richtige. Mein Lehrmeister hat mich gefordert und gefördert, ich konnte kreativ sein, mich von seinem Designergeist anstecken lassen. Er ist bis heute mein Vorbild.» Noch immer würden andere Goldschmiede bei seinen Designs, die er auf dem iPad kreiert, erkennen, «dass da einer bei Ruppli gelernt hat».

Nach der Lehre geht Demirci nach Spanien und hilft einem Bekannten der Eltern, dessen Juweliergeschäft aufzubauen. «Ein holpriger Start und ich konnte kein Spanisch», sagt er. Zwei Jahre später will er Innenarchitektur studieren, hat sich schon für die Aufnahmeprüfung angemeldet, bekommt aber dann ein Angebot eines Ostschweizer Juweliers. Nach dem Zivildienst beschliesst er, sich selbstständig zu machen, arbeitet nebenbei in der heilpädagogischen Schule in Turbenthal. Er ist Werklehrer, will aber mehr und unterrichtet trotz fehlender Ausbildung bald Mathe und Englisch. Alle schwärmen für ihn. Seine ehemaligen Schüler kommen heute noch ins Geschäft und bringen ihm Gipfeli und Gummibärli. «Sie wissen, wie sehr ich Gummibärli liebe», sagt er und lacht.

Demirci weiss, dass sein Metier von der Beziehung zum Kunden lebt. «Bei 80 Prozent der Kunden kenne ich Namen, Alter, Lebensverhältnisse.» Ziel sei es, den Kunden so gut zu kennen, «dass er sagen kann ‹Mach mir etwas Schönes› und das passt dann.» Eine seiner heutigen Stammkundinnen, eine reiche, ältere Dame, sah vor sechs Jahren einen Ring im Schaufenster. «Sie sagte ‹2500 Franken, ein Schnäppchen!› und legte das Geld bar auf den Tresen.» Seither komme sie alle fünf Wochen ins Geschäft. Den speziellesten Schmuck, den er je anfertigte, war ein «Prinz Albert», «ein Schnäbipiercing für 2000 Franken. Masse mussten wir zum Glück keine nehmen!»

Jeder Goldschmied habe seine eigene Handschrift, sagt Demirci. Seine sei «eine klare Formsprache, bedingt verspielt mit opulenten Akzenten». Die Ästhetik stehe im Vordergrund. Ein Lieblingsstück seiner aktuellen Kollektion ist ein Goldring mit aprikosenfarbenem Edelstein, von einem Krallengriff umfasst, die Fassung mit fliederfarbenen Diamanten besetzt. «Dieser Ring sagt förmlich ‹Hier bin ich, schau mich an›.»

Die Symmetrien und klaren Formen spiegeln sich in seinem Auftreten. Er trägt Hemd unter einem Feinstrick-Pullover, die Wangenlinie seines Drei-Tage-Barts ist auf den Millimeter genau getrimmt (Selbstgemacht, nicht vom Barbier, wie er oft gefragt wird). «Ich ziehe mich gerne gut an», sagt Demirci. «Ich mag schöne Kleider.» Demirci, dessen Vorname Sahak übersetzt «das Lächeln Gottes» bedeutet («Schon sehr dick aufgetragen, nicht?»), ist nicht nur Künstler, sondern auch Verkäufer. «Nur an der Bank zu sitzen, würde mich nicht erfüllen», sagt er. Er brauche den Kontakt mit den Kunden, die Bestätigung, wenn sein Werk gelungen ist, gefällt ihm.

Er trägt selbst wenig Schmuck. Neben einer Uhr und einem Partnerring, bedeutet ihm ein Diamantohrstecker viel. «Das ist mein Talisman», sagt er. Es war ursprünglich eine Kundenanfertigung im Atelier in Spanien. «Ich habe aus Unerfahrenheit beim Fassen einen der beiden Diamanten zerstört.» Sein damaliger Chef schenkte ihm die beiden 1800-fränkigen Ohrstecker als mahnende Erinnerung. «Den unzerstörten Diamant, habe ich seitdem noch nie abgenommen.» Der zerstörte Zweite liegt im Tresor.

Erstellt: 16.12.2018, 14:18 Uhr

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