Marthalen

Maria und Josef waren auch Flüchtlinge

Am Dienstag wurden in der reformierten Kirche menschengrosse Krippenszenen von Peter Leisinger eröffnet. Die Ausstellung erinnert daran, in welch prekäre Verhältnisse Jesus hineingeboren wurde und schlägt den Bogen zur heutigen Zeit.

Der Holzbildhauer und Psychotherapeut Peter Leisinger stellt die Heilige Familie in einen aktuellen Kontext.

Der Holzbildhauer und Psychotherapeut Peter Leisinger stellt die Heilige Familie in einen aktuellen Kontext. Bild: Marc Dahinden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Innere der Marthaler Kirche ist mit einem dezenten, warmen Licht ausgeleuchtet. Der weisse Putz an den Wänden schimmert, im Kontrast dazu das rötliche Holz von Kanzel und Decke. Knapp zehn ältere Menschen sitzen in den Gestühlen zusammen und lauschen den Orgelklängen. Wohlig und warm.

Im vorderen Teil der Kirche stehen Leisingers Figuren: die schwangere Maria mit Joseph auf dem Weg nach Bethlehem- und daneben das Paar, das seinen neugeborenen Sohn schützend in den Armen hält. «Peter Leisingers Kunstwerke sind schnell gesägte, roh belassene Holzstücke. Sie zeigen Spuren der Kettensäge und der rasch aufgetragenen Farbe», sagt der Präsident der Kirchgemeinde Hanspeter Maag.

Bei seinen Figuren geht es dem 74-jährigen Künstler um die charakteristischen Haltungen und Gesten der Menschen, und um ihre Beziehungen untereinander.«Die Figuren sind rudimentär, aber sehr ausdrucksstark», meint der Messmer Erich Hug. Auch Christina Wipf schätzt Leisingers Werke: «Es ist genial wie er die Skulpturen macht. Sie wirken unperfekt, aber er holt das Beste aus ihnen heraus. Die Gesichter sehen traurig aus, das hat mich im ersten Moment schockiert.»

«Die Gesichter sehen traurig aus, das hat mich im ersten Moment schockiert.»Christina Wipf

Und tatsächlich, es handelt sich nicht um eine klassische Weihnachtsgeschichte. Kein Lichtglanz strahlt über Josef und Maria. Keine wohlige Wärme umgibt die beiden. «Das Heilvolle, das wir aus Weihnachtsgeschichten kennen, fehlt hier», sagt Pfarrer Ernst Friedauer. Trotz grober Ausarbeitung ist anhand der dunklen Haare und der Gesichtszüge zu erkennen, dass das Paar aus dem Nahen Osten stammt. Die sorgenvolle Mimik zeichnet sich ab. Eine schwierige Aufgabe, in den einfachen Verhältnissen dieser fragilen Zeit einen Sohn zu gebären.

Der in Malans lebende Künstler kann aus zeitlichen Gründen nicht selbst nicht anwesend sein. Er hat für diese Ausstellung extra zusätzliche Figuren geschaffen, so dass er nun mit seinem Terminplan im Verzug ist. Seine Werke stellt er der Kirche bis zum 12. Januar als Leihgabe unentgeltlich zur Verfügung. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie malt und schreinert schon seit seiner Kindheit fast täglich. Oft übersetzt er seine Skizzen in dreidimensionale Skulpturen. Am Holz liebt er die Unberechenbarkeit und den Geruch von beispielsweise Zeder oder Arve.

Die Flucht nach Ägypten

Draussen vor dem Kircheneingang ist eine weitere SzeneDraussen vor dem Kircheneingang ist eine weitere Szene dargestellt. Ein rudimentär gezimmertes, hellblau bemaltes Boot steht auf Rädern. Darin kauernd die heilige Familie mit weiteren Flüchtlingen. Ihre Blicke suchend in die Ferne gerichtet. Heute geht oftmals vergessen, dass Maria und Josef mit ihrem Kind nach Ägypten flüchten mussten. Denn Herodes wollte die Neugeborenen töten lassen, aus Angst ein neuer König könnte ihm die Macht abverlangen. Damals flüchteten die Menschen aber nicht mit dem Boot. Es ist aber Sinnbild, mit dem Leisinger den Bezug zu den heutigen Flüchtlingen schafft: Tausende Menschen, die die Meere überqueren mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Die Betrachtung dieser eindrücklichen Szenerie wirft die Frage auf, wie wir heute mit den Vertriebenen umgehen. Peter Leisinger gibt uns seine Antwort: einander beistehen. Das war damals wichtig- und ist es heute noch.

WeihnachtsausstellungBis 12. Januar, Kirche Marthalen (bei Tageslicht geöffnet).

(Der Landbote)

Erstellt: 24.11.2016, 16:13 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!