Fall Flaach

«Meine Frau hat mich zu den Betrügereien angestiftet»

Der Vater der getöteten Kinder aus Flaach stand gestern wegen Betrugs vor Gericht. Die Verhandlung wirft ein neues Licht auf die Umstände, die mit zur Familientragödie führten.

Am 1. Januar 2015 erstickte Natalie K. in diesem Haus in Flaach ihre beiden Kinder.

Am 1. Januar 2015 erstickte Natalie K. in diesem Haus in Flaach ihre beiden Kinder. Bild: TA-Archiv Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man hätte einen gebrochenen Menschen erwarten können. Doch Mike T. trat gestern völlig abgeklärt vor das Bezirksgericht Weinfelden. Der Angeklagte und seine damalige Frau Natalie K. waren im Herbst 2014 wegen Verdachts auf Betrug festgenommen worden. Mehrere Wochen nachdem die damals 27-jährige Natalie K. aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, tötete sie die gemeinsamen Kinder und nahm sich ein halbes Jahr später selbst das Leben.

Betrug übers Internet

Der heute 30-jährige Mike T. wurde in der Zwischenzeit nie aus der Haft entlassen und musste sich gestern vor dem Bezirksgericht Weinfelden verantworten. Unter anderem wegen gewerbsmässigen Betrugs. Der Vater der getöteten Kinder hatte auf Auktionsplattformen im Internet elektronische Geräte zum Verkauf angeboten und strich die Vorauszahlungen der Kaufinteressenten ein, ohne jemals zu liefern. Laut dem Staatsanwalt erwirtschaftete er sich so während den knapp eineinhalb Jahren vor seiner Verhaftung ein durchschnittliches Monatseinkommen von über 2200 Franken.

Im selben Zeitraum nahm Mike T. knapp 76 000 Franken ein mit dem Verkauf von Autos, die ihm nicht gehörten. Mittels gefälschter Zahlungsbestätigungen brachte er Fahrzeughändler dazu, ihm die Autos herauszugeben.

Laut der Anklageschrift verwendete Mike T. das Geld, um für sich und seine Familie sowohl gewöhnliche Konsumgüter wie auch Luxusartikel zu kaufen. Ein Teil sei in Ferien und Restaurantbesuche geflossen, die er sich in diesem Umfang bei seinem Einkommen aus legaler Tätigkeit nicht hätte leisten können.

Froh um die Verhaftung

Mike T. gestand vor Gericht alle Delikte ein und bat die Geschädigten um Verzeihung. Er sei froh um die Verhaftung von ihm und seiner damaligen Frau gewesen. «Das war die Befreiung aus einem realitätsfernen Leben.» Die Gerichtsvorsitzende befragte ihn zu seinen Beweggründen für die Delikte. Aus Mike T.s Antworten lässt sich auf ein Leben nach dem Motto «mehr Schein als Sein» schliessen.

Als er 2009 Natalie K. heiratet, arbeitet Mike T. als Berufsmilitär. Zusammen mit dem Lohn, den seine Frau nach Hause bringt, verfügen die beiden über ein Einkommen von 10 000 Franken pro Monat. Dann wird Natalie K. schwanger und Mike T. verliert wegen Umstrukturierungen beim Militär seinen Job. Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit sieht er sich gezwungen, wieder als Detailhändler arbeiten zu gehen – sein ursprünglicher Lehrberuf. Doch nun verdient er laut eigenen Angaben nur noch 3400 Franken. «Es ist nicht möglich, so eine Wohnung für 2500 Franken zu finanzieren.» Doch seine Frau habe Druck auf ihn ausgeübt, den Lebensstandard aufrecht zu erhalten. «Sie wollte eine grössere Wohnung oder ein eigenes Haus.»

Die Anspruchshaltung seiner Frau wird von einem Gutachten bestätigt, das Gerichtspsychiater Frank Urbaniok nach der Kindstötung erstellte. Natalie K. habe sich ein Luxusleben zusammenfantasiert, schrieb Urbaniok. «Sie fuhr auch gerne mal mit dem Auto ihre Python-Schlange spazieren oder sagte zu den Kesb-Mitarbeitern, sie käme mit dem Privatjet.» Sie habe an einem instabilen Realitätsbezug in Kombination mit Geltungssucht gelitten.

Drohungen der Ehefrau

Vor Gericht gab Mike T. an, dass er dem Druck seiner Frau irgendwann nicht mehr habe standhalten können. «Die Barriere vor dem realitätsfernen Leben verschwand.» Zudem habe sie ihm gedroht, dass er die Kinder nie mehr sehen würde, falls er ihre Wünsche nicht erfülle.

Zuerst verkauft Mike T. persönliche Gegenstände übers Internet. Als ihm zehn Kaufinteressenten gleichzeitig anbieten, im Voraus zu bezahlen, wird er schwach und willigt bei allen ein. Plötzlich war wieder viel Geld auf dem Konto. Mike T. geriet in einen Strudel aus weiteren Delikten. «Ich wusste gar nicht mehr, was ich tue.»

Bei seiner Verhaftung habe er beschlossen, alle Delikte auf sich zu nehmen, damit zumindest ein Elternteil bei den Kindern bleiben kann. «Ich habe gehofft, dass der Knall der Verhaftung einen Neubeginn bringen würde.» Doch seine damalige Frau habe offensichtlich andere Pläne gehabt. Am 1. Januar 2015 erstickte Natalie K. die gemeinsamen Kinder in der Wohnung in Flaach. Mike T. sagte vor Gericht, er habe später noch mehr über sie erfahren: «Kurz nach ihrer Entlassung hat sie mich mit einem Anderen betrogen.»

Erstellt: 13.09.2016, 22:53 Uhr

Artikel zum Thema

«Fall Flaach»: Mutter litt an Geltungssucht

Winterthur Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) habe im «Fall Flaach» in vielen Punkten beispielhaft gehandelt. An der heutigen Pressekonferenz wurden aber auch Schwächen eingeräumt. Mehr...

«Fall Flaach»: Intime Details «mussten» veröffentlicht werden

Flaach/Zürich Das öffentliche Interesse überwog das Geheimhaltungsinteresse der Mutter im «Fall Flaach». Dies sagt der Regierungsrat auf die Anfrage eines AL-Kantonsrates. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Kommentare