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Mildes Urteil für den Hammermann

Ein verwirrter 26-Jähriger schlug mit ­Nothämmern aus Bussen Schaufenster und Autoscheiben kaputt. Weil er schuldunfähig sei und weil er für kleine Delikte fast ein Jahr im Gefängnis sass, erhielt er vom Gericht Schadensersatz.

Mit ähnlichen Nothämmern wie diesem zerschlug ein verwirrter 26-jährige Schaufenster und Autoscheiben. Nun stand er vor Gericht.
Mit ähnlichen Nothämmern wie diesem zerschlug ein verwirrter 26-jährige Schaufenster und Autoscheiben. Nun stand er vor Gericht.
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«Dieser Fall dürfte einzigartig sein», rief der Verteidiger am Mittwochnachmittag vor ­Be­zirksgericht aufgeregt. Und dann tat er etwas, was in der Geschichte dieses Gerichts vermutlich tatsächlich noch nie vorkam: Er, der Verteidiger, beantragte ein neues psychiatrisches Gutachten, weil «erhebliche Zweifel bestehen, ob mein Mandant wirklich nicht schuldfähig ist».

«Ich habe nur gespielt»

Was war passiert? Der Ange­klagte hatte ausgesagt, er habe nach seiner Festnahme bewusst wirre Aussagen gemacht und behauptet, Stimmen zu hören, weil Mithäftlinge ihm gesagt hätten, so käme man schneller aus dem Gefängnis. «Ich habe nur gespielt», sagte er treuherzig. «Und ich habe mich täuschen lassen», wunderte sich der Verteidiger. Seine Krokodilstränen wiederum trieben den Staatsanwalt fast zur Weissglut: «Der Angeklagte hat zweifellos erhebliche psychische Probleme. Wenn die Verteidigung denn ein weiteres Gutachten fordert, verschleppt sie nur, dass der Angeklagte die Hilfe bekommt, die er dringend braucht: die Einweisung in eine geschlossene psychiatrische Klinik.»

Intellektuell total überfordert

Unbestritten war: Der Ange­klagte, der seit Kindertagen in psychologischer Betreuung ist und zwei geschützte Lehren abbrechen musste, war intellektuell kaum in der Lage, dem Prozess zu folgen. Wenn die Vorsitzende Richterin ihn befragte, sprach sie wie zu einem Kind. «Warum ­haben Sie diese Autos kaputt­gemacht?» «Weiss auch nicht. Ich habe es einfach gemacht.» «Aber was haben Sie dabei gefühlt?» «Weiss auch nicht. Es tat mir gut.» «Hätten Sie es gerne, wenn man etwas kaputtmacht, was Ihnen gehört?» «Nein.» «Warum machten Sie es dann?» «Weiss auch nicht.»

Die Delikte im Zeitraffer: Am 16. Februar 2016 klaute der Angeklagte im Bahnhof-Coop Winterthur, wo er Hausverbot hat, eine Dose Bier. Er fand hinter dem Bahnhof ein Töffli, das nicht abgeschlossen war, und unternahm eine Spritz­tour. Als eine Polizeistreife ihn auf der Zürichstrasse stoppen wollte, weil er keinen Helm trug, versuchte er, übers Sulzer-Areal und die Wylandbrücke zu flüchten. Er wurde gestellt und kam, nach wirren Aussagen, für 14 Tage in die Psychiatrie.

Am 24. April, in einer Sonntagnacht um vier, schlug er in Uster mit einem geklauten Nothammer aus einem Bus mehrere Scheiben parkierter Autos ein sowie das Schaufenster eines Restaurants. Kaum hatte die Polizei ihn wieder freigelassen, wütete er zwei Nächte später in Oerlikon, wo er mit einem Nothammer die Glastüren eines Kleiderladens und einer Parfümerie einschlug.

Frei, straflos und entschädigt

Seit zehn Monaten sitzt er im Gefäng­nis, ein frühzeitiger Vollzug in der Psychiatrie gelang nicht, weil kein Platz frei war. Das Bezirksgericht entschied gestern, dass der 26-Jährige frei kommt und nur eine ambulante Therapie erhält. Im Gegensatz zum Verteidiger hielten die drei Richterinnen den Angeklagten für nicht schuldfähig. Weil er für relativ kleine Delikte so lange hinter ­Gittern sass, wurde ihm eine Genug­tuung von 14 600 Franken zugesprochen.

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