Winterthur

«Missverständnis»: Kanton montiert Messgerät an Skulptur, um Daten zu sammeln

Das kantonale Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft hat an der Holz-Skulptur Plaza am Graben ein Messgerät installiert. Der Künstler nimmt es mit Humor, ist aber doch leicht irritiert über die Zweitnutzung seines Objekts.

Batteriebetrieben und damit rasch wieder demontierbar: Der Klimasensor am «Zahnbürsteli» misst Temperatur und Luftfeuchtigkeit.

Batteriebetrieben und damit rasch wieder demontierbar: Der Klimasensor am «Zahnbürsteli» misst Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Bild: Marc Dahinden

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Andreas Fritschi prustet vor Lachen in den Hörer, als er es erfährt. An seiner Kunstinstallation Plaza, die vor drei Jahren den Holzmann Holidi ersetzte, hängt seit kurzem ein meteorologisches Messgerät. Klein, grau und funktional, sticht das Kästchen mit Sensor nicht auf den ersten, aber sicher auf den zweiten Blick ins Auge, wie es an einer Borste des «Zahnbürsteli» hängt. So heisst das Plaza im Volksmund. Fritschi schüttelt belustigt, aber leicht irritiert den Kopf: «Also wirklich, hätte man das nicht auch an einer Laterne oder Fassade anbringen können?»

Auch Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) wusste nichts davon. Ihn habe die Medien-Anfrage ebenfalls überrascht. Installiert hat das Messgerät das kantonale Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft Awel. Dort waren die zuständigen Personen gestern für den Landboten nicht erreichbar. Künzle hakte bei der städtischen Fachperson für Kunst im öffentlichen Raum nach und erfuhr: «Das ganze war ein Missverständnis! Es ist klar, dass wir auf Anfrage eine solchen Montage abgelehnt hätten.» Noch diese oder nächste Woche werde das Gerät umplatziert.

Fixiert mit Metallklammern, dürfte das Gerät auch keine nennenswerten Spuren hinterlassen, anders als im Falle der Judd-Brunnen in der Steinberggasse vor fünf Jahren etwa. Damals hatten Angestellte von Stadtwerk unbedarft je zehn Löcher in die Brunnentröge gebohrt und Befestigungsbolzen eingefasst, um neue Abdeckungen zu fixieren.

Wo wird es wann wie heiss?

Sinn und Zweck dieses mit «Meteorlologie-Messungen» angeschriebenen Kästchens lassen sich schon nüchterner erklären. Es ist einer von fünf sogenannten Klima-Sensoren. «Sie wurden an denjenigen Hotspots platziert, dort, wo sich die Stadt im Sommer besonders stark aufheizt», sagt Björn Dreier, der Leiter der städtischen Umweltfachstelle. Dazu gehören unter anderem der Graben, der Bahnhofplatz, die Marktgasse, Neumarkt und die Turnerstrasse.

Erst vor wenigen Wochen hat der Stadtrat angekündigt, ein Konzept mit Massnahmen auszuarbeiten, damit die Stadt im Sommer nicht zum Glutofen wird. Neue Baumalleen, begrünte Fassaden und Zugluft-Korridoren zum Beispiel sollen sie herunterkühlen. Die neuen Klima-Sensoren messen Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Sie sollen die Klima-Karten mit neuen Daten füttern, die das Awel auf dem Gis-Browser aufgeschaltet hat, auch im Auftrag von hitzegeplagten Städten wie Zürich und Winterthur. Aktuell zeigen die drei Karten eher statisch, in welchen Quartieren sich Wärmeinseln bilden und wo die Hitze-Belastung am grössten ist.

Heutige Klimaanalysekarte. Screenshot: GIS ZH

«Mit den neuen Zahlen sehen wir einen zeitlichen Verlauf und wo wir genau ansetzen müssen», sagt Dreier.

Zu hohe Ozonwerte

Mehr Hitzetage bedeuten auch mehr Sommersmog und schlechtere Luftqualität. Die Grenzwerte für Ozon, Feinstaub und Stickoxide werden in Winterthur seit Jahren deutlich überschritten, auch in diesem Sommer. Im Juni waren die Ozonwerte fast jeden zweiten Tag um rund 25 Prozent zu hoch, während der ersten sechs Juli-Tage sogar ständig. Damit sich die Ozonwerte verbessern, wird die Stadt ihren Massnahmenplan zur Luftreinhaltung in den nächsten Jahren revidieren. Unter anderem, so Dreier, weil gewisse Ziele inzwischen erreicht seien. Zum Beispiel wird heute regelmässig kontrolliert, ob die mit Holz befeuerten Zentralheizungen dies möglichst russfrei tun oder einen Filter installiert haben.

Weiterhin sensibilisieren wolle man die Industriebetriebe dafür, bei der Reinigung auf lösungsmittelfreie Produkte zu setzen, auch über Lenkungsabgaben. Denkbar sei zudem, dass sich die Stadt selber auf die Fahnen schreibe, ihre Flotte nur noch mit lufthygienischen Fahrzeugen aufzurüsten. «Doch mittelfristig kommen wir nicht darum herum, den motorisierten Individualverkehr entlang der Hauptachsen einzudämmen, sagt Dreier. Der Verkehr sei der dritte grosse Hebel, um die Luftqualität zu verbessern.

Erstellt: 08.07.2019, 19:51 Uhr

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