Lindau

«Mit der Freude steigt der Selbstwert»

Mit dem Projekt «Innovativi Puure» fördert der Strickhof neue Ideen in der Landwirtschaft. Leiter Adrian Sidler setzt bei seinen Beratungen vor allem auf das Wohlbefinden der Menschen.

Auf dem AgroVet-Strickhof wird Forschung zur Landwirtschaft betrieben, mit dem neuen Projekt

Auf dem AgroVet-Strickhof wird Forschung zur Landwirtschaft betrieben, mit dem neuen Projekt "Innovativi Puure" sollen nun auch neue Ideen von Landwirten unterstützt werden. Bild: Heinz Diener

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Herr Sidler, Innovation ist in der Landwirtschaft das Schlagwort der Stunde. Diese soll mit dem Projekt «Innovativi Puure» ­gefördert werden. Warum ­müssen Bauern innovativ sein?
Adrian Sidler: Die Wertschöpfung der herkömmlichen landwirtschaftlichen Produktion ist gesunken. Wenn das Produkt keinen Wert mehr hat, sinkt auch der Selbstwert des Produzenten, der seinen Betrieb darauf ausrichtet und den Tag damit verbringt. Ein innovatives Projekt bringt neuen Schwung in einen Betrieb und generiert bei Gelingen neue Einnahmequellen. Damit steigt die Freude an der Arbeit und gibt Perspektiven. Und damit steigt der Selbstwert des Menschen, er ist glücklicher und motiviert, seine Arbeit zu tun.

Eine gute Idee allein bringt aber noch kein Geld. Was braucht es, damit eine Innovation auch ­erfolgreich ist?
Es braucht Mut. Man muss seine Idee allen Beteiligten präsentieren, der Ehefrau, den Eltern. Da kann es auch Konflikte geben. Aber der Landwirt muss wissen, wie er sich seine Zukunft vorstellt. Und dann ist es wichtig, dass das Projekt von Beginn an gut aufgegleist wird. Im Kurs «Businessplan» am Strickhof ­erarbeiten wir mit den Teilnehmern darum einen einfachen Businessplan, der nebst dem Unternehmen den Menschen ins Zentrum stellt.

Wie sieht das konkret aus?
Die erste Frage in diesem Businessplan betrifft zwar die neue Geschäftsidee, aber gleich danach kommt die Frage: « Wer bist du?» Die Landwirte müssen wissen, wer sie sind, was sie für Talente mitbringen und was sie glücklich macht. Erst dann kann man herausfinden, ob die neue Geschäftsidee auch wirklich Verbesserungen bringt. Denn wer zum Beispiel introvertiert ist und nicht gerne Fremde auf dem Hof hat, wird wohl nicht glücklich, wenn er Ferien auf dem Bauernhof anbietet, auch wenn sich sein Betrieb vielleicht dafür eignen würde.

Das klingt ziemlich nach ­«Gspüürsch mi, füülsch mi». ­Machen die jungen Landwirte da überhaupt mit?
Ja natürlich! Sie sind sehr offen. Die Bauern haben tausend Möglichkeiten und damit gute Chancen, etwas aus ihrem Betrieb zu machen. Die Branche ist im Wandel. Lange Zeit hat man ihnen gesagt, dass sie einfach produzieren sollen und der Staat regelt dann den Preis. Doch diese Zeiten sind vorbei. Insbesondere junge Bäuerinnen und Bauern sind innovativ und definieren ihren Platz und ihre Aufgaben in der Gesellschaft neu. Sie sind mit neuen Anforderungen und Bedürfnissen konfrontiert, zum Beispiel im Bereich Ökologie oder Regionalprodukte.

Psychische Probleme und Suizid sind in der Landwirtschaft ein grosses Thema.
Ja, es ist oft die Perspektivlosigkeit, die da mitspielt. Eine mögliche Lösung dieser Probleme sind innovative Bauern. Und darum muss man Innovation gezielt fördern, in der Beratung, aber auch in der Ausbildung. Und darauf zielt das Projekt ab. Die Landwirte sollen eigenständiger werden und ihre Angebotspalette verbreitern. Dann ist die Weizen- oder Milchproduktion einfach ein Standbein. Dazu kommt noch die Paralandwirtschaft mit Agrotourismus oder einem Nischenprodukt dazu. Vielleicht gibt es noch einen Nebenverdienst ausser Haus von der Ehefrau oder vom Landwirt selbst und schon ist die Abhängigkeit von einem einzigen Produkt nicht mehr so gross. Und wie schon gesagt: Wenn das Produkt einen Wert hat, steigt auch der Selbstwert des Produzenten.

Aber nicht alle innovativen Ideen bringen Erfolg. Woran scheitern sie?
Oft daran, dass sie unrealistisch sind. Baut zum Beispiel ein Landwirt Chilis an und möchte dafür gleich ein Ladenlokal in der Stadt eröffnen, in dem diese verkauft werden, ist das eine unrealistische Idee. Denn die Einnahmen für Miete, Personal und so weiter kann man allein mit der Chiliproduktion wohl kaum generieren. Man darf seine Idee nicht überschätzen. Und manchmal scheitert ein Projekt auch, weil es nicht zu Ende geführt wird. Es wird zum Beispiel produziert, aber am Ende nicht richtig vermarktet. Und wenn man etwas nicht verkauft, bringt es auch nichts ein. Als Planungshilfe haben wir darum eine Businessplanvorlage mit einer dazugehörigen Plan­erfolgsrechnung entwickelt. Hinzu kommt ein Leitfaden für das bestmögliche Vorgehen. In der Landwirtschaft liegen die Chancen im Vergleich mit übrigen KMU deutlich höher, dass eine Idee erfolgreich wird.

Warum das?
Weil die Ideen der Landwirte eigentlich immer etwas mit ihrem bestehenden Betrieb zu tun haben. Sie haben Mastvieh und züchten dazu als Innovation zum Beispiel Zeburinder, um deren Fleisch als Nischenprodukt zu verkaufen. Es ist also nicht ein völlig neues Tätigkeitsfeld für den Hof, sondern eine zusätzliche Sparte. Und solche Projekte haben mehr Aussicht auf Erfolg.

Erstellt: 11.02.2018, 17:23 Uhr

Zur Person

Adrian Sidler leitet beim Strickhof in Lindau den Fachbereich «Innovativi Puure», den er gegründet hat. Daneben arbeitet der Winterthurer als Mental- und Strategiecoach. Er erarbeitet zum Beispiel Businesspläne für Start-ups und berät KMU bei der Suche nach Nachfolgelösungen. Sidler schreibt Bücher und ­doziert an Hochschulen. (rut)

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