Montagsportrait

Mit «Fakten» wider das «Spinner-Image»

Peter Homberger ist als promovierter Mikrobiologe und gläubiger Christ davon überzeugt, dass Gott die Welt erschaffen hat. In seinem Buch schreibt er gegen das Spinner-Image der Schöpfungs-Theoretiker an.

In seinem «Faktencheck» versucht Hans Peter Homberger aufzuzeigen, dass man die Schöpfungstheorie nicht per se ausschliessen sollte.

In seinem «Faktencheck» versucht Hans Peter Homberger aufzuzeigen, dass man die Schöpfungstheorie nicht per se ausschliessen sollte. Bild: Madleine Schoder

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Nur zwei von drei Winterthurer Gemeinderäten glauben an die Evolutionstheorie, fast jeder fünfte ist sich nicht sicher und jeder zehnte lehnt sie gar ab. Das hat eine publizierte Umfrage des «Landboten» kürzlich ergeben. Evolution oder nicht? So einfach sei es eben nicht, begründeten einige ihre Antwort, Gläubige und Nicht-Gläubige. «Ich halte die biologische Evolution für nachvollziehbar. Aber erklärt das, wie das Leben entstanden ist?», fragte etwa eine Politikerin rhetorisch zurück.

Tatsächlich ist der Ursprung des Lebens wissenschaftlich ein nach wie vor ein ungelöstes Rätsel. Den sogenannten Missing Link zwischen Chemie und Biologie hat die Wissenschaft noch nicht gefunden, die Urknall - und Ursuppen-Theorien bleiben lückenhaft. Deswegen an die biblische Schöpfungsgeschichte zu glauben, die Entstehung der Erde in sieben Tagen, ist aber selbst für viele Gläubige keine Option mehr, für die meisten Wissenschaftler erst recht nicht.

Der gebürtige Winterthurer Hans Peter Homberger (63) hat am Institut für Zellbiologe an der ETH Zürich promoviert. Sein Fachgebiet war die Mikrobiologie: Die Organisation von Chromatin in Chromosomen bei der Zellteilung. Doch Homberger glaubt fest daran, dass Gott die Welt erschaffen hat. «Warum doch?» würde er fragen. Er, der Baptist ist und regelmässig zum Gottesdienst geht, sieht darin keinen Widerspruch. Die teilweise Arroganz von Wissenschaftlern und der Hass, mit dem Gläubige in Online-Foren als «weltfremde Spinner» abgekanzelt würde, habe ihn letztes Jahr dazu bewogen, ein Buch zu schreiben, kompakt auf 110 Seiten: «Schöpfung oder Evolution - ein Faktencheck».

«Ziel des Büchleins ist es, zu zeigen, dass beide Lager letztlich auf Glauben angewiesen sind», sagt er, überzeugt davon, dass das chemische und biologische Zusammenwirken von Einzelteilchen so hochkomplex ist, dass es für diese Systeme und ihre materiellen und immateriellen Informationen einen übergeordneten Plan braucht, der lediglich eine übernatürliche Intelligenz schaffen kann: Gott.

Hombergers Eltern waren Methodisten, als Kind ging er regelmässig zum Gottesdienst und in die Sonntagsschule. Als Jugendlicher klinkte er sich auf der Suche nach eigenen Antworten aber kurzzeitig aus und fand diese schliesslich bei der Baptistengemeinde Zürich, wo ihn vor allem ein Prediger mit seinen Thesen überzeugte. Damals studierte Homberger bereits Biochemie an der ETH. «Ich wollte den Urspung und die Mechanismen des Lebens verstehen», erzählt er. Nach seinem Doktorat und zwei Forschungsaufenthalten wechselte Homberger in die Kosmetik- und Pharmabranche. Zuletzt leitete er 14 Jahre lang die Schweizerische Normenvereinigung SNV mit Sitz in Winterthur. Vor fünf Jahren musste er sich aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen. Homberger hat Parkinson. Natürlich habe auch er anfangs mit dem Schicksal gehadert. Warum gerade er, der ambitionierte Halbmarathonläufer? Was war Gottes Plan mit ihm?

Homberger nutzte seine neu gewonnene Zeit auch, um sich wieder in die Evoultions-Thematik einzulesen, den aktuellen Forschungsstand und die mediale Debatte. Für ihn ist klar: «Kein seriöser Wissenschaftler kann eine schöpferische Intelligenz a priori ausschliessen. Dafür ist der heutige Wissensstand zur Evolution noch zu lückenhaft.» Lücke für Lücke listet er in seinem Faktencheck auf. Zum Beispiel die des Miller-Experiments, das einst als bahnbrechend galt. Dabei hat der Biochemiker Stanley Miller vor 60 Jahren in einem Laborexperiment die Ur-Atmosphäre (Wasser, Wasserstoff, Ammoniak und Methan) simuliert, dazu mit Blitzen Energie hinzugefügt und festgestellt, dass sich dadurch zufällig einige Aminosäuren und komplexe Moleküle bildeten, die heute in Zellen vorkommen. Nur: Unter der Zufuhr von Sauerstoff wurden die Aminosäuren wieder zerstört. Anordnungen wie in Millers Versuch gibt es in der Natur nicht. Schon den Ansatz, nach zufällig entstehenden Molekülen zu forschen, hält Homberger für falsch. Gerne verwendet er die Metapher des Lego-Bausteins (Aminosäure), aus dessen zufälliger Anordnung kaum ein Kunstwerk von der Komplexität eines Kölner Dom (Protein) entstehen könne. Die Selektionskriterien seien schlicht zu hoch. Aus «einem ganzen Meer» von Aminosäuren gibt es nur 20 Varianten, die sich zu biologisch aktiven Proteine verketten lassen, dazu lediglich linksdrehende, während sich unter Laborbedingungen stets links- und rechtsdrehende Aminosäuren die Waage halten. Warum das so ist, sei völlig unklar. Homberger: «Eine Erklärung ist: Jemand - ein Schöpfer - hat manipuliert.»

Hombergers Faktencheck fachlich einzuschätzen ist für Laien fast unmöglich, dafür geht er stellenweise zu sehr in die Tiefe. Ein Evolutionsbiologe der Uni Zürich, der das Buch kurz überblättert hat, befand, dass er wohl jeden zweiten Satz korrigieren oder kommentieren müsste. Von seinem Doktorvater wiederum, der einst gemeinsam mit einem Nobelpreisträger publiziert hatte, habe Homberger durchaus Zusspruch bekommen. Als Faktenbasis diente Homberger das Standardwerk eines bekannten deutschen Evolutionsbiologen und Kreationisten.

Sowohl die Vertreter der Schöpfung als auch die der Evolution, argumentieren bei der Existenz Gottes beziehungsweise der Entstehung von Leben letztlich mittel Plausibilität und Wahrscheinlichkeit. Die Kampagne «There’s probably no God. Now stop worrying and enjoy your life» (Wahrscheinlich gibt es keinen Gott. Hör auf, dir Sorgen zu machen und geniess das Leben) hat vor ein paar Jahren weltweit eine Debatte ausgelöst. Deren Gesicht war der wohl bekannteste Verfechter des «Neuen Atheismus» Richard Dawkins. Auf ihn ist Homberger nicht gut zu sprechen. Rhetorisch brillant sei dieser, aber ein radikaler Polemiker. Konfrontiert mit der dünnen gesicherten Faktenbasis weiche dieser oft mit «wir sind dran» aus. Dann ist die Forschung zur Urknall-Theorie zum Scheitern verdammt? «Die Fortschritte sind zumindest nicht so bahnbrechend, wie sie häufig verkauft werden.» Er plädiere dafür, sich anderen Positionen und Argumenten nicht zu verschliessen. «Und ich verhehle nicht, dass letztlich auch persönliche Erfahrungen die eigenen Überzeugungen prägen».

Erstellt: 18.02.2018, 14:46 Uhr

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