Warth

Musikalische Heldentaten

Die Ittinger Pfingstkonzerte feierten ihr Jubiläum mit einer Uraufführung und entdeckungsfreudigen Programmen.

Die Komponistin Helena Winkelman, flankiert von Nicolas Altstaedt und Barnabás Kelemen (rechts).

Die Komponistin Helena Winkelman, flankiert von Nicolas Altstaedt und Barnabás Kelemen (rechts). Bild: Herbert Büttiker

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Das Pfingstfestival in der Kartause Ittingen fand schon zum 25. Mal statt, hat sich aber zwischendurch neu erfunden. Seit 2015 wechselt die Intendanz jährlich, der Cellist Nicolas Altstaedt verantwortete das diesjährige Programm. In allen sechs Konzerten war er selber engagiert, in Kammermusikformationen und als Solist, die Uraufführung eines für ihn geschriebenen Cellokonzerts und die Aufführung der sechs Solosuiten von J. S. Bach eingeschlossen – vielleicht des Guten zu viel, so jedenfalls wirkte sein Bach-Spiel etwas zwiespältig, bei allem feingliedrig Pointierten blieben Wünsche offen, etwa nach der Tanzmotorik im Hintergrund von Bachs kunstvoller Figuration in den Suiten, von denen er am Samstag Mittag die ersten drei zu hören gab.

In bester Ittinger Tradition

Am Abend wirkte Altstaedt dann in Trio- und Klavierquintett-Formationen imponierend mit an einem kammermusikalischen Husarenritt, beschaulich angegangen mit Kodalys Serenade op. 12. Es folgten Veress mit dem Trio im Zwölf- und Volkston (1954) – selten Gespieltes in bester Ittinger Tradition. Das galt dann zumal auch für das riesige Klavierquartett in C des jungen Bartók, das er selber später unterdrückte. Es wurde erst 1973 erstmals wieder aufgeführt. Brahms, das traditionelle «All’Ungarese», der kolossale Überschwang eines Richard Strauss waren klar die Schleusenöffner für einen musikalischen Furor sondergleichen, dem nicht alle Saiten des Cellos gewachsen waren. So gab es im ersten Satz ein unfreiwilliges Dacapo mit Alexander Lonquich am orchestralen Klavier und den hoch energetischen wie lyrisch sensiblen Streichern Barnabás Kelemen, Vilde Frang, Katalin Kokas und Nicolas Altstaedt. Unvergesslich.

Eine eigentliche musikalische Heldentat mit Herakles gab es im Eröffnungskonzert. Altstaedt bescherte den Pfingstkonzerten zum Jubiläum das erstmalige Ereignis einer Uraufführung, das Cellokonzert «Atlas» der Geigerin und Komponistin Helena Winkelman (*1974), das er mit eklatantem Erfolg vortrug. Sein Lockenhaus Festival Ensemble spielte den herausfordernden Orchesterpart und begeisterte mit präziser spielerischer Präsenz. Dass allerdings, anders als vorgesehen, noch kurzfristig ein Dirigent beigezogen werden musste, verwundert nicht. Kaum vorstellbar, dass diese in Stimmführung und Rhythmus komplex strukturierte Musik ohne Dirigent hätte über die Bühne gehen können. Barnabás Kelemen übernahm diese Aufgabe souverän, und so bekamen die fulminanten Steigerungen, überraschende Akzente und Breaks des finalen «Perpetuum mobile» die mitreissende Wirkung. Der Drache Ladon scheint für Winkelman eine Art Hydra zu sein, der immer wieder neue Köpfe nachwachsen, und sie zaubert immer wieder neue Varianten hervor, um das Perpetuum mobile am Laufen zu halten.

Das Werk in drei Sätzen für Solocello, Streicher und Pauken macht überhaupt der wilden Fantasie der griechischen Mythologie alle Ehre, wobei die Komponistin natürlich auch an das Instrument und seinen brillanten Spieler gedacht hat. Es beginnt mit tiefen, voluminösen und rauen Tönen des Solocellos und irisierenden hohen Streicherharmonien: Der kraftvolle, ruhende Gott, der Träger des Himmelsgewölbes, und der stürmische Held Herakles haben Winkelman inspiriert. Ihre Musik, das zeigt sich über alles, weiss Rhythmen, Motive und die harmonische Wirkungen so zu steuern, dass sie aussermusikalische Assoziationen nahe legen, aber auch rein musikalisch fesseln. Das geschieht im atmosphärischen zweiten Satz, der mit Flageolett, Glissandi und Spezialeffekten (die federnde Stricknadel zwischen den Saiten) fast hypnotisierend. Man kann da den exotischen Zauber vom Garten der Hesperiden und den goldenen Äpfeln erleben oder einfach ein fantastisches Spiel musikalischer Poesie.

Mit eigenem Humor

So musikantisch wie Haydn – an diese Wahlverwandtschaft zu denken, wurde einem nahe gelegt: Das Konzert begann und endete ja auch in dessen Namen. Zu Beginn des Konzerts interpretierte das Quartett der Camerata Variabile Basel mit Helena Winkelman als Primaria Haydns Streichquartett C-Dur von 1781, das aus hörbar naheliegenden Gründen den Beinamen «Vogel-Quartett» bekam. In der zweiten Programmhälfte spielten die vier sodann Winkelmans «Hommage à Haydn, ein Streichquartett» (2016), das auf das «Vogel-Quartett» Bezug nimmt, aber mit eigenem Humor, eigenen Vögeln, Haydns Papagei inklusive, bestens unterhält. Haydn auch zum Schluss. Altstaedt spielte mit seiner stupenden Technik federnd leicht dessen C-Dur Konzert, den Moderato-Satz gar lakonisch forsch, das finale Presto unüberbietbar flink.

Erstellt: 10.06.2019, 15:20 Uhr

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