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Musikalische Metamorphosen

Der Jazzpianist Adrian Frey geht fremd: Für ein ungewöhnlich instrumentiertes Quintett hat er ein ungewöhnliches Programm komponiert, dessen Basis ein Opus für Klarinettentrio des Aargauer Komponisten Martin Schlumpf bildet.

Bei Adrian Frey enden Begegnungen zwischen Jazz und E-Musik nicht enttäuschend.
Bei Adrian Frey enden Begegnungen zwischen Jazz und E-Musik nicht enttäuschend.
Palma Fiacco

In der Brust von Martin Schlumpf schlagen zwei Herzen, eines davon schlägt für zeitgenössische komponierte Musik, das andere für den Jazz (von 1977 bis 2011 war Schlumpf Professor für Musiktheorie und Improvisation an der Zürcher Hochschule der Künste). Typisch für Schlumpfs Vita ist das langsame Oszillieren zwischen Phasen des Komponierens und Phasen des Improvisierens. 1997 schuf Schlumpf ein komplexes Werk für Klarinettentrio, das den Titel «Kapitel 1 im Buch der Proportionen» trägt; gewisse rhythmische Vertracktheiten in diesem Werk sind von einer mathematischen Zahlenreihe, der sogenannten Fibonacci-Reihe (1, 2, 3, 5, 8, 13 …) abgeleitet.Adrian Frey überführt nun dieses Klarinettentrio in einen zeitgenössischen Jazzkontext. Dafür hat der Zürcher Pianist ein ungewöhnlich instrumentiertes Quintett ins Leben gerufen, zu dem Reto Suhner (Altsaxofon), Andreas Stahel (Flöte), Felix Utzinger (Elektrogitarre) und Tobias Hunziker (Schlagzeug) gehören. Mit fast allen Musikern hat Frey bereits in früheren Jahren viel zusammengespielt, den Winterthurer Flötisten Stahel lernte er bei einem Konzert der Formation Helix kennen.

Durchaus eine Nähe zum Jazz

Frey nutzt Schlumpfs Werk nicht nur als Materialsammlung, sondern orientiert sich auch an dessen Form – er führt aus: «Die verwendeten Teile sind wie Stationen, Treff- und Ausgangspunkte, von denen aus die Musiker eigene Wege weiterspinnen und woraus sich das Zusammenspiel entfalten kann.»

Für dieses aussergewöhnliche Unterfangen hat sich Frey dem Werk Schlumpfs zweigleisig genähert: Er hat nicht nur die komplexe Partitur analysiert, sondern auch einen spielerischen Zugang übers Ohr genutzt. Frey erklärt: «Teilweise bewegen wir uns eng am Original, aber es gibt auch Passagen, wo wir in der Improvisation andere Abzweigungen nehmen. Ein Teil der Form entsteht erst beim Spielen. Wir haben zwar viel geprobt, aber darauf geachtet, dass wir den Mut zur Offenheit nicht verlieren.»

Den Komponisten Schlumpf bezeichnet Frey als «Solitär, der nicht einer gewissen Schule zuzurechnen ist». Und er ergänzt: «Seine Stücke sind rhythmisch sehr prägnant. Es gibt Einflüsse aus der Minimal Music, aber auch 12-Ton-Reihen. In der Harmonik lässt sich durchaus eine Nähe zum Jazz feststellen.»

Kopflastig und entfesselt

Die Schlumpf-Transformation Freys entfaltet sich in zwei langen Teilen, in denen der Improvisation sehr viel Freiraum eingeräumt wird. In den ersten Teil hat Frey eine Komposition des Schlagzeugers Tony Williams eingeschmuggelt: «There Comes a Time» stammt aus dessen Rock-Jazz-Phase (die Originalversion ist auf dem 1971 eingespielten Album «Ego» zu hören). Frey hat dieses Stück wegen seiner rhythmischen Nähe zu einem Zwölftonmotiv aus dem Klarinettentrio ausgewählt.

Anfang April hatte Freys «Schlumpf-Quintett» seine Feuertaufe in Baden. Von diesem Konzert gibt es einen privaten Mitschnitt, der mir zur Vorbereitung dieses Artikels zur Verfügung stand. Dieser Mitschnitt zeigt, dass Frey gewissen Komplexitäten der Originalkomposition durchaus Beachtung schenkt, ohne dabei die Spielfreude des Jazz allzu stark einzuschränken. Dabei gelingt ihm eine ähnliche Balance zwischen Abstraktion und Action, Kopflastigkeit und Entfesselung wie Eric Dolphy 1964 mit dem Album «Out to Lunch». Passagen, in denen vertrackte Grooves dominieren, kontrastieren auf spannende Weise mit mysteriöser Sphärenmusik.

In der Regel enden Begegnungen zwischen Jazz und E-Musik ziemlich enttäuschend, indem sie auf eine «Weder-Fisch-noch-Vogel-Musik» hinauslaufen. Nicht so in diesem Fall: Hier haben wir es mit einer anspruchsvollen Variante von Querkopf-Crossover-Musik zu tun, die in einer Reihe mit unorthodoxen Geistern wie Dolphy, Anthony Braxton oder Henry Threadgill steht.

Heute 20 Uhr, Villa Sträuli, Museumstrasse 60.

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