Endlager

Nagra muss nicht nach Deutschland bohren

Die Aufsichtsbehörde Ensi beurteilt sämtliche acht Gesuche der Nagra für Bohrungen im Weinland als «geeignet». Und Richtung Deutschland brauche die Nagra nicht zu bohren.

Blick über die Ebene Richtung Benken: Bei der Autobahnausfahrt in der Bildmitte bohrte die Nagra bereits im Jahr 1999.

Blick über die Ebene Richtung Benken: Bei der Autobahnausfahrt in der Bildmitte bohrte die Nagra bereits im Jahr 1999. Bild: Heinz Kramer

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Warum will die Nagra ab 2019 im Weinland nur bis zur deutschen Grenze bohren, um den Untergrund für den Bau des Endlagers näher zu untersuchen? Diese Frage bewegte schon vor einem Jahr an der Informationsveranstaltung in Trüllikon («Landbote» vom 12. November 2016).

Die Antwort der Nagra: Man könne auch ohne Schrägbohrungen unter deutsches Gebiet genügend Daten über die Geologie gewinnen. Zudem sei es relativ kompliziert, eine Bewilligung für eine Bohrung in den deutschen Boden zu erhalten.

Alle Bohrungen «geeignet»

Während in Dachsen gar keine Bohrung Richtung Rhein vorgesehen ist, würde diese in Rheinau unter der Mitte des Flusses gestoppt. Anders an den übrigen sechs Bohrplätzen: Dort sind Schrägbohrungen in alle vier Himmelsrichtungen möglich.

«Bohrungen in die Flexur sind nicht notwendig.»Sebastian Hueber, Ensi-Sprecher

Nun hat das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) alle acht Nagra-Bohrgesuche geprüft und dazu acht Gutachten mit insgesamt knapp 300 Seiten veröffentlicht. Die Aufsichtsbehörde beurteilt sämtliche geplanten Bohrungen bis maximal 2000 Meter Tiefe «als geeignet», um die für die Sicherheit des Endlagers nötigen Daten zu liefern. Doch hat das Ensi auch die Frage geprüft, ob seitliche Bohrungen unter deutsches Gebiet notwendig sind? «Nein», sagt Ensi-Sprecher Sebastian Hueber auf Anfrage. Als Begründung schreibt er, dass – bei genügend Abstand zur Grenze – keine Detailinformation aus einer Bohrung auf deutscher Seite notwendig sei. Im Falle des Rheinauer Bohrplatzes liegt die Landesgrenze rund 500 Meter entfernt, in Dachsen knapp 200 Meter. Der künftige Lagerstandort befände sich in beiden Fällen östlich davon, im Untergrund der Schweiz. Und alle Bohrplätze sind so gewählt, dass die Daten um den Lagerstandort herum gesammelt werden können. Denn der Ort des Lagers im Opalinuston selber soll möglichst nicht verletzt, also nicht durchbohrt werden.

Zwischen den Störungen

Die Nagra kann sich im Weinland zwei Lagerstandorte vorstellen: Einer im nördlichen Teil im Dreieck Benken-Dachsen-Uhwiesen für schwach- und mittelradioaktive Abfälle sowie einen für hochradioaktive Abfälle im Dreieck Benken-Marthalen-Trüllikon. Wo genau die Lager liegen sollten, dazu müssen die Bohrungen zusätzliche Daten liefern. Grob sind die sogenannten Lagerperimeter bereits so platziert, dass sie bekannten geologischen Störungen ausweichen. Damit sind etwa Brüche oder Verwerfungen im Gestein gemeint, welche die Sicherheit des Endlagers beeinträchtigen könnten. So verläuft etwa am östlichen Rand beider Lagerstandorte die Neuhausen-Störung. Und ein Seitenast dieser Störung, die Wildensbucher Flexur, verläuft unterhalb von Benken zwischen den beiden Lagerstandorten hindurch. Diese Flexur ist eine Verbiegung der Gesteinsschichten in S-Form und ist eine Vorstufe eines möglichen Bruchs. Laut Ensi gilt sie als schwache geologische Störung, der bei der Wahl der Endlagerstandorte aber ausgewichen wird. Denn eine Flexur kann in erhöhtem Masse durchlässig sein, was die Dichtigkeit des Endlagers vermindern würde.

Im Westen so, im Osten so

Die Wildensbucher Flexur setzt sich vermutlich ennet des Rheins im deutschen Untergrund fort. Mit einer Schrägbohrung von Rheinau aus könnte sie näher erkundet werden. Doch das Ensi hält dies für nicht nötig. Denn die Lage der Flexur sei durch 3-D-seismische Messungen bereits bekannt. «Bohrungen in die Flexur sind somit nicht notwendig», schreibt Hueber.

Anders am östlichen Rand des Standortgebiets, wo die Neuhausen-Störung verläuft. Dort sind Schrägbohrungen weg vom Lagerperimeter sehr wohl geplant – und werden auch vom Ensi begrüsst. So könne durch Bohrungen nach Osten die Abfolge der Gesteinsschichten ausserhalb dieses Perimeters erkundet werden, ebenso die besagte Neuhausen-Störung.

Und trotzdem stellt sich die Frage weiterhin: Wieso interessiert die Geologie östlich des Endlagergebiets im Thurgau, nicht aber westlich davon in Deutschland? Im Frühjahr 2016 weigerte sich die deutsche Gemeinde Jestetten, der Nagra die Bewilligung für 3-D-seismische Messungen auf ihrem Boden zu erteilen. Doch schon damals argumentierte die Nagra sinngemäss: Wir hätten zwar gerne gemessen, benötigen die Daten aber nicht zwingend, um die Sicherheit des Endlagers zu gewährleisten. (Der Landbote)

Erstellt: 07.11.2017, 19:29 Uhr

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