Endlager

Nagra überrumpelt Rheinau und setzt sich dem Vorwurf der Salamitaktik aus

In den letzten paar Jahren glaubte man, das Tor zum Endlager würde unweit von Marthalen gebaut. Nun überrascht die Nagra mit einem weiteren Vorschlag, den die Region aber schon einmal abgelehnt hat.

Rechts das Waldstück Berg, hinten das Waldstück Isenbuck, vorne die Hauptstrasse nach Rheinau: Hier schlägt die Nagra das Tor zum Endlager erneut vor.

Rechts das Waldstück Berg, hinten das Waldstück Isenbuck, vorne die Hauptstrasse nach Rheinau: Hier schlägt die Nagra das Tor zum Endlager erneut vor. Bild: Markus Brupbacher

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Knapp 500 Meter nach Nordwesten verschoben und um 90 Grad gedreht: So klein ist der Unterschied auf der Landkarte zwischen dem bislang vorgeschlagenen Standort für das Tor zum Endlager und dem alten Vorschlag, den die Nagra letzte Woche überraschend wieder in die Diskussion eingebracht hat («Landbote» vom 10. Mai).

Betrachtet man allerdings die Situation vor Ort sowie die Debatten der letzten gut sieben Jahre wegen der Platzierung des Tors zum Endlager, so ist diese Verschiebung markant – und erklärungsbedürftig. Das zeigte sich an der Vollversammlung der Weinländer Regionalkonferenz vom Samstag in Andelfingen.

Strasse würde durchtrennt

Der bisherige Standort für das Tor zum Endlager, auf den sich die Regionalkonferenz in jahrelangen, zähen Auseinandersetzungen geeinigt hat, wäre aus Wohngebieten von Marthalen und Benken teilweise sichtbar. Anders beim neu-alten Vorschlag der Nagra rund 500 Meter weiter nordwestlich: Die bis acht Hektaren grosse Atomanlage läge in einer anderen, Richtung Nordwesten geöffneten Geländekammer ausser Sichtweite von Marthalen.

Die beiden Waldgebiete Isenbuck und Berg böten zusätzlichen Sichtschutz Richtung Osten und Süden. Auch läge die Anlage neu auf dem Gebiet der Gemeinde Rheinau und damit noch näher am Rhein, seinem mächtigen Grundwasserstrom und der Landesgrenze zu Deutschland. Die deutsche Seite hat sich vor allem letztes Jahr massiv darüber beschwert, dass die Schweiz das Tor zum Endlager so nahe an der Grenze platzieren will.

Kommt hinzu, dass die Nagra ihren Vorschlag auf Rheinauer Boden mit zwei zusätzlichen oberirdischen Bauwerken erweitert hat: einem Verladebahnhof an der Bahnlinie Winterthur-Schaffhausen und einer sogenannten Nebenzugangsanlage für den Betrieb des unterirdischen Endlagers. Damit entstünde im Rinauer Feld ein grosser atomarer Gebäudekomplex, der auch die heutige Hauptzufahrtsstrasse nach Rheinau durchtrennen würde, sodass diese Strasse verlegt werden müsste.

«Weiss der Geier» wieso

Selbstredend hat man in Rheinau gar keine Freude daran, dass die Nagra einen bereits verworfenen Standortvorschlag für das Tor zum Endlager wieder aufs Tapet bringt. Andreas Jenni, Rheinauer Gemeindepräsident (SP), kritisierte die Nagra an der Vollversammlung vom Samstag scharf. Bei der Standortsuche werde man immer wieder mit neuen Situationen konfrontiert.

«Die Nagra überholt uns rechts.»Andreas Jenni,
Gemeindepräsident von Rheinau

«Das ist eine klassische Salamitaktik», fuhr Jenni fort. Das Tempo, das die Nagra dabei vorlege, sei schwierig für ein Milizsystem. Zudem «überholt uns die Nagra rechts», indem sie plötzlich von sich aus wieder den alten Standort ins Spiel bringe, der bereits vom Tisch sei. Die Nagra habe sich an die aktuelle offizielle Haltung der Vollversammlung zu halten und nicht einfach einen zusätzlichen Standort einzubringen, «aus weiss der Geier was für Gründen». Einmal mehr spiele die Nagra ihr eigenes Spiel «und übergeht uns Milizler».

Markus Fritschi von der Nagra wies Jennis Vorwurf der Salamitaktik zurück. Die Standortsuche sei ein langer und schrittweiser Prozess, in dem neue Erkenntnisse berücksichtigt werden müssten. Stefan Jordi vom Bundesamt für Energie (BFE) ergriff Partei für Fritschi. Es sei dies «sicher nicht» eine Salamitaktik, sondern ein «Einengungsverfahren nach klaren gesetzlichen Regeln, an die sich die Nagra halten muss». Eine Verschiebung des oberirdischen Tors zum Endlager könne und dürfe man diskutieren.

Konflikt «schwerwiegend»

Aber warum bringt die Nagra einen alten Standortvorschlag wieder ins Spiel? Was sind die neuen Erkenntnisse, die dazu geführt haben? An der Vollversammlung war das nur in wenigen Nebensätzen und am Rande der Versammlung zu erfahren. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hatte die Nagra vor gut einem Jahr ihren Bericht zu Grundwasseruntersuchungen im Gebiet des bisherigen Standortvorschlags für das Tor zum Endlager publiziert («Landbote» vom 19. April 2018).

Erst später stellte die Nagra ein zentrales Resultat des Berichts öffentlich vor: Unter dem möglichen Tor zum Endlager nordwestlich von Marthalen fand man zwar ein neues Grundwasservorkommen, das aber nicht direkt mit dem grossen Rheingrundwasserstrom im Westen verbunden ist. Aus diesem Grund gaben auch die Fachleute des Kantons Zürich Entwarnung, sprich: Würde das Endlager im Weinland gebaut, so könnte an der Stelle das Tor zum Endlager gebaut werden.

Doch der Bericht enthielt noch ein neues, zentrales Resultat: Nordwestlich des neu gefundenen Grundwasservorkommens stiess die Nagra auf ein zweites, ähnlich isoliertes Vorkommen, das auch nicht direkt mit dem Rheingrundwasserstrom verbunden ist. Auf dieser Entdeckung basiert denn auch der neu-alte Standortvorschlag der Nagra für das Tor zum Endlager im Rinauer Feld.

Bislang dachte man, dass das Wasser unter diesem Standort direkt in den Grundwasserstrom des Rheins fliessen respektive sickern würde – so auch Löschwasser im Falle eines Brandes im Tor zum Endlager. Daher hatte der Kanton im Mai 2012 zum damaligen Standortvorschlag der Nagra festgehalten: «Der Nutzungskonflikt mit dem Grundwasserschutz ist schwerwiegend. Wegen möglicher Beeinträchtigung wichtiger strategischer Trinkwasserreserven des Kantons ist der Vorschlag ungeeignet.»

Heisses Eisen wartet schon

Nun, Jahre später, ist wieder vieles anders. Und die Regionalkonferenz muss in den nächsten Monaten und Jahren den Standort des Tors zum Endlager abermals diskutieren – näher bei Marthalen oder näher am Rhein, mit oder ohne «heisse Zelle»?

In dem gefährlichsten Gebäude des Tors zum Endlager werden die hoch radioaktiven Abfälle aus den Castorbehältern in die kleineren Endlagerbehälter umgepackt. Würde die «heisse Zelle» ausserhalb des Weinlandes gebaut, hätte dies eine Versieben- bis Verzehnfachung der Castorzüge zur Folge. Diese Züge würden, Stand heute, mitten durch den Winterthurer Hauptbahnhof fahren. Die Debatte über den Standort der «heissen Zelle» soll nächstes Jahr starten – ein heisses Eisen.

Erstellt: 12.05.2019, 16:50 Uhr

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