Winterthur

«Natürlich habe ich sichere Nummern»

Alte Kaserne Die Reihe «Frühschicht» verbindet seit 1997 in lockerer Weise Literatur und Leben. Am 5. Juli zum 400. Mal.

Seit über zwanzig Jahren liest Manfred Heinrich im Bistro der Alten Kaserne Geschichten, zwanzig Mal im Jahr. Bild: PD

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Der Name «Frühschicht» stammt aus dem strengen Fabrikzeitalter, im Dienstleistungszeitalter wurde längst die gleitende Arbeitszeit eingeführt, jedenfalls für das Publikum: Eine halbe Stunde, von 6.30 bis 7 Uhr, ist für die Ankunft reserviert, für Kaffee, Gipfeli und Gespräche. Rund dreissig Leute sind an diesem Donnerstagmorgen ins Bistro der Alten Kaserne gekommen zur 399. Ausgabe, viele davon Stammgäste, viele im Pensionsalter. Dazu spielt die Flöte leise «Summertime» und «You Rise Me Up», dezent begleitet vom Klavier (Kaspar Stünzi und Ai Furuya).

Pünktlich setzen sich der Schauspieler Manfred Heinrich und der Goldschmied Dominik Steiner, der heutige Gast, an ihren Tisch. «Rarität» lautet diesmal der Aufhänger für die Geschichten und Erlebnisse. Seit September 1997 läuft die Reihe «Frühschicht», von Manfred Heinrich damals mit Thomas Kraft, dem Mitinitianten der Alten Kaserne, aufgegleist und seit 2003 zusammen mit Regula Huwiler organisiert.

In der Regel am ersten und dritten Donnerstag des Monats wird im Bistro gelesen und erzählt. Und einmal, im Sommer, geht es ins Freie. Dass das gerade zum 400. Mal wieder der Fall sein wird, ist Zufall: Am 5. Juli geht es zum Eschenbergturm.

Das Verlangen hört nicht auf

Ohne Umschweife beginnt Heinrich zu lesen, eine kurze Erzählung von Pedro Lenz führt in die Berner Altstadt zur Sängerin einer Rockband, die aus Estland oder Lettland oder sonst woher stammt, der Erzähler kann es sich einfach nicht merken.

Skurril dann die «Hotelgeschichte» von Kurt Kusenberg, in der zwei junge Hotelangestellte, ein Mann und eine Frau, sich nachts zu einem alten, entfremdeten Paar legen, mit dem Plan, damit zu Geld zu kommen, eine rührende Geschichte über die Liebe.

Das Verlangen danach hört mit dem Alter nicht auf, der Genuss daran wird nicht geringer, nur anders, das wird klar, wenn man später die Erzählung «Der Kavalier auf dem Eise» von Hermann Hesse hört, in der ein jugendlicher Liebhaber sich vornimmt, seine schöne Emma anzusprechen: «todbeklommen wie ein Verbrecher» fühlt er sich dabei.

«Man muss ein offenes Ohr haben. Jeder Mensch hat etwas Besonderes an sich.»Regula Huwiler

Zweimal drei Geschichten liest Heinrich, überwiegend von älteren Autoren, dazwischen erzählt Goldschmied Steiner einiges über Edelsteine, über den Stern-Rubin und den Spinell, die er vorzeigt, und wie er in den Besitz einer Brosche der spanischen Königin kam. Auch sie hat er mitgebracht, eine Rarität sei die Brosche nicht wegen ihres Wertes, sondern wegen ihrer Geschichte: Er kaufte sie von einer ehemaligen Gouvernante der Königin, weil die alte Frau Geld brauchte und ihn vom Kauf zu überzeugen vermochte: «Sie sind der Richtige dafür.» Was an meinem Tisch mit dem Satz «Er ist eine gute Adresse» quittiert wird.

Ich bin nicht der Einzige, der sich hier Notizen macht, auch die beiden Frauen schreiben sich Stichworte auf. Sie und der Mann gehören zu den Stammgästen, sie wurden von Heinrich persönlich begrüsst.

Es braucht ein offenes Ohr

Den Schlusspunkt setzt das kurze Gedicht «Aus» von Joachim Ringelnatz. Nach der konzentrierten Stille wird es mit einem Mal lebendig, die Edelsteine wollen aus der Nähe betrachtet werden. «Nun kann der Tag beginnen», erklärt man mir: Besonders schön sei das im Winter, wenn es zum Ende der Lesung draussen hell geworden sei.

«Man erhält viele Inputs, die man den Tag über mit sich trägt.»Regula Huwiler

In der Reihe «Frühschicht» herrscht Gedankenfreiheit, sie verbindet Literatur und Leben auf zwanglose Weise, Geschichten und Erlebtes werden nicht kommentiert, jeder kann sich dabei denken, was er will. Ältere Erzählungen seien oft sehr bildhaft und versetzten einen in eine andere Zeit, sagt Regula Huwiler vom Team der Alten Kaserne. «Man erhält viele Inputs, die man den Tag über mit sich trägt.» Huwiler berät sich mit Heinrich über die Themen und lädt die Gäste ein. In ihrem Kopf laufen die Fäden zusammen. «Man muss ein offenes Ohr haben», sagt sie. «Jeder Mensch hat etwas Besonderes an sich, ein spezielles Hobby etwa, einen seltenen Beruf oder eine Vergangenheit, aus der es sich zu erzählen lohnt.»

Anfangs habe man gedacht, die Veranstaltung sei schon etwas früh angesetzt, doch gleich beim ersten Mal seien dreissig Leute gekommen, und so sei das bis heute geblieben, manchmal kommen bis zu 45.

Aberglaube des Schauspielers

16 Sets mit Geschichten zu einem Thema liegen stets bereit, jedesmal bringt Heinrich ein neues mit, es sind meist zeitlose Themen, aktuelle kommen eher selten zum Zug. «Natürlich habe ich sichere Nummern», sagt der Schauspieler im Gespräch, und meint damit Autoren wie Tucholsky, Kästner, Siegfried Lenz und eben den heute vergessenen Kusenberg. Der war Lektor und gründete im Rowohlt-Verlag die Reihe der Bild-Monographien.

«Natürlich habe ich sichere Nummern.»Manfred Heinrich

Steht Manfred Heinrich auch sonst früh auf? Er schüttelt den Kopf. Nur vor der Lesung, da beginnt der Tag um 4 Uhr, damit er die Texte nochmal durchgehen kann. Das sei ein Aberglauben, Schauspieler seien abergläubisch.

Beim Zusammenstellen der Texte bedient er sich seiner Hausbibliothek aus rund 2500 Büchern. Lange suchen muss er nicht, das Thema und die passenden Geschichten fallen ihm zu: «Es macht sich einfach.» Locker hängen an den Namen und Geschichten jeweils weitere: Göteborg zum Beispiel. Kusenberg sei dort geboren, Heinrich verbrachte selbst ein halbes Jahr in der Stadt, das war 1964. Oder Masuren in Ostpreussen: Von dort stammt Siegfried Lenz und auch er selber, der jetzt 77 ist.

Von Berlin nach Chur

Heinrich kam von Berlin in die Schweiz, zunächst nach Chur. Am Silvester 1970 reiste er an und wunderte sich über die Polizeistunde, dass um 23 Uhr schon Schluss war. Er begann als Regieassistent bei Markus Breitner am Churer Theater zu arbeiten, zusammen mit Hans-Heinrich Rüegg, Breitners Nachfolger als Direktor des Sommertheaters.

Am 2. Januar 1971 war dann die erste Probe, das weiss Heinrich noch genau. 1972 kam er nach Winterthur und wurde Ensemble-Mitglied des Theaters Kanton Zürich, 25 Jahre lang, unter Reinhart Spörri, der bald 88 Jahre alt wird und bis heute Stammgast der «Frühschicht» ist.

Das Thema der ersten «Frühschicht» im September 1997 lautete «Kleine Leute», zu Gast war Ernst Wohlwend, damals noch als Sozialvorsteher. Auch ein Nobelpreisräger war einmal eingeladen. Und dann kommt die Rede auf das Kartenspiel. In Berlin werde Skat gespielt, und zwar von Männern, während in der Schweiz vor allem Frauen jassen würden, sagt Heinrich. Auch über seine Einbürgerung vor zwei Jahren hat er etwas zu erzählen. Dem gehen die Geschichte nie aus.

(Der Landbote)

Erstellt: 24.06.2018, 14:09 Uhr

400. Frühschicht

Donnerstag, 5. Juli, 6.30 bis 8 Uhr, beim Eschenbergturm. Thema: Vorstellen. Gast: Die Theaterfrau Astrid Wittinghofer. Musik: Andrea Zuzak und Martin Bauder (Geigen, Mandoline und Akkordeon). Es fährt auch ein Bus dahin. Bei schlechtem Wetter in der Alten Kaserne, Auskunft ab 6 Uhr über die Telefonnummer 052 267 57 75.dwo

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