Winterthur

Nur das beste Gewissen ist gut genug

Der Bio-Supermarkt «Alnatura» eröffnet seine zweite Winterthurer Filiale im Einkaufszentrum Neuwiesen. Der neue Standort hat Auswirkungen auf das Geschäft des alteingesessenen Fachmarktes «Rägeboge». Sie könnten auch positiv sein. 

Mit neuem Marktauftritt und Besinnung auf die eigenen Werte rüsten sich die Leiterin des Biomarkts Beatrice Sutter und der «Rägeboge» für die neue Konkurrenzsituation.

Mit neuem Marktauftritt und Besinnung auf die eigenen Werte rüsten sich die Leiterin des Biomarkts Beatrice Sutter und der «Rägeboge» für die neue Konkurrenzsituation. Bild: Madeleine Schoder

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Bereits 2014 hat sich die Bio-Supermarkt-Kette «Alnatura» mit dem Detailhandelsriesen Migros im Rücken in der Grüze angesiedelt – als willkommene Alternative für ökologisch bewusste Konsumentinnen und Konsumenten. Ab April bietet «Alnatura» eine zweite Filiale in unmittelbarer Nähe zum alteingesessenen «Rägeboge» an und wird zur ernsthaften Konkurrenz – mit teilweise günstigeren Produkten im Angebot. Wir fühlen uns an die Geschichte von David gegen Goliath erinnert: Der kleine tapfere Krieger muss nun gegen einen übermächtigen Gegner antreten.

«Eines werden wir ganz bestimmt nicht», sagt Genossenschaftspräsident Reto Diener. «Die Situation beklagen». Natürlich mache sich seine Genossenschaft Gedanken, wie sie auf die neue Ausgangslage reagieren solle. Und dies bereits seit einem Jahr, als man vom Zuzug von «Alnatura» erfahren habe.

Vertrauen ist das grösste Gut

Wie behauptet sich nun also der deutlich kleinere lokale Fachmarkt an der Rudolfstrasse gegen den Riesen? «Unsere Stärke ist der hohe Qualitätsanspruch, das Traditionsbewusstsein, das erarbeitete Vertrauensverhältnis zu den regionalen Produzenten, die persönliche Beratung und das grosse Knowhow unserer Drogerie-Fachleute», fasst Beatrice Sutter, Geschäftsleitungsmitglied und Leiterin des Biomarktes, zusammen. Darauf baue die Genossenschaft und profitiere auch vom Vertrauen, das sie bei einem Grossteil ihrer Kundschaft aufgebaut habe.

«Wir sind flexibel und können auf individuelle Wünsche eingehen, denn wir müssen nicht auf die Vorgaben einer Konzernleitung Rücksicht nehmen.»Beatrice Sutter
Geschäftsleitungsmitglied
und Leiterin Biomarkt «Rägeboge»

«Alnatura wird sich diese Merkmale wohl auch auf die Fahne schreiben», sind sich Sutter und Diener sicher. Doch eine grosse Laden-Kette, die Angebot und Nachfrage in der ganzen Schweiz berücksichtigen müsse, bleibe immer auf einer gewissen Distanz. «Wir hingegen müssen nicht auf die Vorgaben einer Konzernleitung Rücksicht nehmen, wenn wir individuelle Kundenwünsche erfüllen wollen.»

Nachhaltigkeit betrachte man im «Rägeboge» überdies ganzheitlicher als nur aus der ökologischen Perspektive. Freundlichkeit, eine gute Fachberatung und immer Zeit für die Kundinnen und Kunden gehörten ebenso dazu wie fortschrittliche Arbeitsbedingungen.

Kooperationen gesucht

Doch wie sollen das die Passantinnen und Passanten am gut frequentierten Standort erfahren, auf die der Betrieb in Zukunft noch mehr angewiesen sein wird? Tatsächlich arbeite die Genossenschaft am neuen Auftritt, der die genannten Werte besser vermitteln soll. Auch die Vergrösserung des Strassencafés sei im Gespräch, die Planung sei im Rahmen der Neugestaltung der Rudolfstrasse berücksichtigt.

Mit anderen Biofachmärkten werden Kooperationsmöglichkeiten gesucht. So sei es denkbar, die Informatik mittels Erfahrungsaustausch zu optimieren oder gemeinsam bessere Einkaufskonditionen bei den Lieferanten zu erzielen. Die Preise zu senken sei aber nicht das Ziel. «Wir haben kaum Spielraum bei der Marge, und wir wollen Garantin für beste Qualität bleiben und anständige Löhne bezahlen.»

Nichts wird eingeflogen

In den Regalen des Lebensmittelmarktes und der Drogerie stehen hauptsächlich Produkte mit Biosuisse-Knospe oder Demeter-Label, und wenn immer möglich aus regionaler Herstellung. Importierte Produkte sind mit dem EU-Bio-Label ausgestattet. Eingeflogen werde nichts, versichert Sutter, «auch wenn wir ab und an mal eine Kundin enttäuschen müssen, die ein Übersee-Produkt verlangt, das nicht per Schiff transportiert werden kann». Im Rägeboge könne die Kundschaft zudem wählen, ob sie die Ware unverpackt oder mit ökologisch vertretbaren Verpackungen beziehen wolle.

Fürchtet sich David also gar nicht vor dem mächtigen Goliath? «Natürlich steht uns eine Herausforderung bevor», sagt Sutter. Doch von der Angst lasse man sich nicht leiten. «Und neue Biomärkte haben auch etwas Gutes: Sie stärken in der Bevölkerung das Bewusstsein für nachhaltigen Konsum, was wiederum die Nachfrage nach unseren Produkten steigert.»

Erstellt: 17.03.2019, 16:09 Uhr

«Alnatura» und «Rägeboge» im Vergleich

Die deutsche Bio-Ladenkette «Alnatura» wurde 1984 gegründet. 2012 wurde der erste Supermarkt in der Schweiz in Kooperation mit dem Detailhandels-Riesen Migros in Zürich eröffnet. Im Einkaufszentrum Neuwiesen werden laut Migros-Medienstelle neun Mitarbeitende beschäftigt, in der Grüze deren sieben. Die Umsatzzahlen gibt Migros grundsätzlich nicht bekannt, doch sei die Erwartung angesichts der gut frequentierten Lage im Einkaufszentrum Neuwiesen hoch, heisst es auf Anfrage. Weitere «Alnatura»-Filialen in Winterthur sind nicht geplant.

Den Winterthurer Bio-Fachmarkt «Rägeboge» gibt es seit 1983 mit den drei Sparten Lebensmittelmarkt, Drogerie und Bistro, alle vereint am gut frequentierten Standort an der Rudolfstrasse hinter dem Hauptbahnhof. Er wird von rund 400 Genossenschafterinnen und Genossenschaftern getragen und beschäftigt etwa 40 Personen mehrheitlich im Teilzeitpensum. Ausserdem bildet er drei Lernende aus. Der Jahresumsatz beläuft sich auf rund sieben Millionen Franken, eine mit dem Coop-Biomarkt Naturaplan in der Region Winterthur vergleichbare Grösse. (kal)

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